Der Verlust des sozialen Zusammenhalts: Warum gestohlene Teller den Niedergang unserer Zivilisation ankündigen
Heute Morgen bin ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf eine Schlagzeile gestoßen, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken mag: An der Universität Mainz streicht die Mensa das Servieren von Pommes, weil Studenten zu viel Geschirr stehlen. Die Zahlen sind beeindruckend: Von 500 Kuchentellern, die das Studierendenwerk Mainz für die universitären Mensen angeschafft hat, sind innerhalb der vergangenen vier Wochen rund 450 verschwunden. Ähnlich drastisch fällt der Schwund bei den Pommesschalen aus – von den 1.590 Exemplaren, die im vergangenen Jahr gekauft wurden, sind derzeit nur noch etwa 100 im Einsatz.
Man könnte sich fragen: Warum sollte man sich angesichts all dessen, was sich in der Welt tut, um Pommesschüsseln in der Unimensa in Mainz kümmern? Aber ich glaube, dass das Ganze ein Symptom ist. Jeder Dammbruch beginnt mit einem Haarriss, und dieses Verhalten – dass man die Kuchenteller oder Pommesschalen aus der Mainzer Mensa mitnimmt – das sind die ersten Symptome, die kleinen Anzeichen, dass in einer Gesellschaft das soziale Vertrauen, das Sozialkapital, das Sich-Halten an Normen abnimmt.
Was ist Sozialkapital?
Der Begriff des Sozialkapitals wurde Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre von dem amerikanischen Soziologen Robert Putnam populär gemacht. Er beschreibt damit die Vorteile, die aus sozialen Netzwerken, Normen und gegenseitigem Vertrauen entstehen. Man kann sich das wie ein unsichtbares Netz aus sozialen Beziehungen zwischen Menschen vorstellen – ein Netzwerk, das ermöglicht, dass Menschen zusammenarbeiten, Ressourcen teilen und gemeinsam Ziele erreichen.
Das Interessante daran ist, dass dieses Netz etwas ist, was nicht durch staatliche Gewalt durchgesetzt wird. Wenn Sie sich mit Ihrem Nachbarn gut verstehen und er fragt, ob er sich ein Haushaltsgerät borgen kann, werden Sie es ihm geben, weil Sie volles Vertrauen haben, dass er es zurückgeben wird. Sie werden keinen Anwalt engagieren und einen Vertrag aufsetzen. Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihrem Nachbarn nicht trauen und müssten einen Anwalt einstellen – das wäre mit Zeit- und Geldkosten verbunden, und wahrscheinlich würden Sie das Gerät gar nicht erst verleihen.
Der Niedergang der Gemeinschaft
In seinem wegweisenden Buch Bowling Alone beschreibt Putnam das Amerika der 1950er und 1960er Jahre, in dem es einen extrem hohen Grad an Vereinsmitgliedschaften gab. Er bezieht sich primär auf Kegelvereine und Bowlingvereine, aber es war generell ein intensives soziales Leben. Im Vergleich zu dieser Zeit hat die Beteiligung an Vereinen, Kirchen und auch bei Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten abgenommen. Wir sehen auch, dass die Wahlbeteiligung in vielen Bereichen nachgelassen hat – mehr und mehr Menschen ziehen sich nicht nur aus dem politischen, sondern auch aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.
In einem Aufsatz mit dem Titel E Pluribus Unum gibt Putnam – selbst politisch eher dem linken Spektrum zuzuordnen – unter großen Verrenkungen zu, dass auch das Diverserwerden der Gesellschaft zu diesem Problem beigetragen hat. Statt einer Gesellschaft gibt es mehr und mehr nebeneinander existierende Parallelgesellschaften, und der Effekt ist, dass sich die Mitglieder dieser kleinen Parallelgesellschaften entweder immer mehr auf sich selbst zurückziehen oder sich in ihre kleine Parallelgesellschaft zurückziehen. Die nationale Gesellschaft als Ganzes ist in Rückgang und Niedergang begriffen.
Die Broken Windows Theorie
Diese unsichtbaren Netzwerke, die ein reibungsloses und in vielen Bereichen sogar erfreuliches Gesellschaftsgefüge ermöglichen, sind rückläufig. Hier kommt die sogenannte Broken Windows Theorie ins Spiel. Sie zeigt, dass selbst kleine Zeichen von Unordnung und Normenverletzungen diese Sozialkapitalentwicklung behindern können.
Im Jahr 1982 haben zwei Kriminologen, James Q. Wilson und George Kelling, im Magazin The Atlantic einen Artikel mit dem Titel „Broken Windows“ verfasst. Sie vertreten eine simple Idee: Wenn irgendwo in einem Gebäude oder einer Straße ein Fenster zerbrochen ist und niemand es repariert, entsteht der Eindruck, dass sich niemand darum kümmert, dass sich niemand um die Regeln kümmert. Die Konsequenz ist, dass mehr Fenster eingeschlagen werden, Müll und Graffiti zunehmen, und es zu mehr Kriminalität und Drogenhandel kommt.
Das Zimbardo-Experiment
Der Psychologe Philip Zimbardo hatte diese Theorie bereits im Jahr 1969 einem Test unterzogen. Er stellte zwei identische unverschlossene Autos ab: eines in der Bronx in New York, einer armen chaotischen Gegend, und eines in Palo Alto, einer wohlhabenden Vorstadt in Kalifornien. In der Bronx wurde das Auto innerhalb von zehn Minuten von Passanten demoliert – die Reifen wurden gestohlen, Scheiben eingeschlagen, die Innenausstattung zerstört. In Palo Alto blieb es zwei Wochen unberührt.
Dann ging Zimbardo zu dem Auto in Palo Alto und schlug dort selbst eine Scheibe ein. Selbst in Palo Alto hat es nur zwei Stunden gedauert, bis Vandalen begonnen haben, das Auto zu demolieren. Dieses Experiment zeigt, dass sichtbare Unordnung und sichtbare Normverstöße weitere Normverstöße auslösen und diese informelle soziale Kontrolle zerstören.
Die New Yorker Nulltoleranzpolitik
Diese Theorie wurde unter Bürgermeister Rudy Giuliani in den 1990er Jahren in New York in die Praxis umgesetzt. Die sogenannte Nulltoleranzpolitik gegen Kleinkriminalität – gegen Graffiti, Schwarzfahren, illegales Betteln und Ähnliches – führte zu einem drastischen Sinken der Kriminalitätsrate. Die Mordrate halbierte sich von über 2.000 pro Jahr im Jahr 1990 auf unter 1.000 im Jahr 1998.
Natürlich gibt es Kritik: Will man einen Polizeistaat, der jedem Graffiti nachgeht? Nein, aber ich möchte darauf hinweisen, dass wir massiv unterschätzen, wie fragil dieses Sozialkapital ist. Wenn wir eine Gesellschaft bekommen, wo diese Normen nicht mehr implizit befolgt werden, dann wird über kurz oder lang die Konsequenz ein immer übergriffiger werdender Staat sein.
Francis Fukuyama und das Vertrauen
1995 veröffentlichte Francis Fukuyama sein Buch Trust: The Social Virtues and the Creation of Prosperity über die Bedeutung von Vertrauen und sozialen Tugenden in der Schaffung von Wohlstand. Er vergleicht unterschiedliche Kulturen – Deutschland, Japan, die Vereinigten Staaten – und kommt zu dem Schluss, dass viele dieser Gesellschaften Gesellschaften mit unglaublich hohem Vertrauen waren.
Wenn sich Menschen vertrauen, können sie kooperieren, und wenn Menschen kooperieren, können sie Dinge erreichen, die anderweitig nur schwer machbar sind. Viele der großen Unternehmen in Deutschland sind ursprünglich aus Familienbetrieben hervorgegangen. Das Vertrauen, das Familienmitglieder untereinander haben, konnte die Keimzelle für diese großen Unternehmensgründungen sein. Weil sich diese Normen mehr und mehr auf die gesamte Gesellschaft übertragen haben, konnten die Unternehmen ab einem bestimmten Zeitpunkt ihr Personal auch außerhalb der Familie rekrutieren.
In Japan wird ganz intensiv eine Beziehung zwischen Arbeitern und Managern gepflegt, weil man dieses soziale Vertrauen, dieses Sozialkapital, aktiv aufbauen und erhalten möchte. In Deutschland ist die gesamte Mittelstandskultur zu einem großen Grad geprägt durch dieses Vertrauen.
Italien: Ein natürliches Experiment
In seinem Buch Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy hat Putnam untersucht, warum Demokratie in Italien in manchen Regionen funktioniert und in anderen nicht. Im Jahr 1970 haben alle 20 Regionen in Italien identische demokratische Institutionen bekommen – regionale Regierungen mit eigenen Budgets für Gesundheit, Bildung und Wirtschaft. Aber nach 20 Jahren war der Norden (wie die Emilia Romagna oder Venetien) ein Vorbild: effiziente Verwaltung, hohe Bürgerbeteiligung, wirtschaftliches Wachstum. Der Süden jedoch – Sizilien, Kalabrien – war eher chaotisch: Korruption, Ineffizienz, niedrige Wahlbeteiligung, schwaches soziales Vertrauen.
Putnams Erklärung reicht tief in die Geschichte zurück: Im Norden gab es seit dem Mittelalter freie Stadtrepubliken wie Florenz und Venedig, wo Bürger in Gilden, Räten und Vereinen kooperierten – ein zivilgesellschaftliches Netzwerk mit Normen und Vertrauen. Im Süden hingegen herrschte Feudalismus und absolute Monarchie unter den Normannen oder den Spaniern, die eher Misstrauen und Abhängigkeiten förderten.
Diese mittelalterlichen Wurzeln spielen bis heute eine Rolle. Das Gefälle zwischen Nord- und Süditalien bei sozialem Vertrauen ist massiv messbar. Dort, wo zivilgesellschaftliches Engagement vor einem Jahrhundert hoch war, findet man heute hohe politische und soziale Bürgernähe.
Die Konsequenzen für unsere Gesellschaft
In Freiheit zu leben bedeutet nicht nur, tun zu können, was man will. Es bedeutet auch, in einem Umfeld zu leben, in dem man sich sicher fühlt. Wenn ich den ganzen Tag Angst haben muss, dass jemand seine Freiheit nutzt, um mich zu schädigen, zu verletzen oder zu töten, ist das auch keine wirkliche Freiheit. In Europa ist es über lange Zeitabläufe gelungen, ein Gesellschaftsmodell zu entwickeln, in dem Menschen sich – ohne vom Staat dazu aufgefordert zu werden – an bestimmte Normen gehalten haben.
Dementsprechend konnte sich der Staat in vielen Bereichen aus dem Leben der Menschen zurückziehen, weil man den Menschen vertrauen konnte, sich auch ohne staatliche Intervention zivilisiert und normtreu zu verhalten. Aber wenn dieses zivilisierte und normtreue Verhalten rückläufig ist, muss der Staat sich mehr einbringen: Messerverbote, Alkoholverbotszonen, Mehrkontrollen, Messenger-Überwachungen – all diese Dinge, die man eigentlich nicht haben will.
Die Geschichte mit den Pommesschüsseln an der Uni Mainz ist eine Anekdote, etwas ganz Kleines. Aber das kann sehr große und schwerwiegende Effekte haben, weil es ein Symptom von etwas Größerem ist. Wenn eben dieses Verhalten – dass man die Kuchenteller mitnimmt – von 500 Tellern auf 50 sinkt, dann ist die Norm nicht mehr die, dass man sich an Vorschriften hält, sondern die Norm wird, dass man sagt: „Wenn der eine das Teller nimmt, dann kann ich es auch nehmen.“
Es ist ein kleines Beispiel, aber es zeigt sehr gut: Wenn man unachtsam mit diesen Normen umgeht und sie beiseite wischt, findet ein Erosionsprozess statt. Je weniger Normen es gibt, an die wir uns von selbst halten – wie meine Großmutter zu sagen pflegte: „Gewisse Dinge tut man einfach nicht, auch wenn man sie machen könnte“ –, umso mehr brauchen wir einen übergriffigen Staat.
Die Rolle der Migration
Wir unterschätzen auch, dass wenn mehr und mehr Menschen ins Land kommen, die diese Normen nicht teilen, sich dieses Ignorieren der Normen irgendwann auch auf die autochthone Gesellschaft überträgt. Wenn ich eine Gruppe innerhalb meines Landes habe, die von den Normen ausgenommen ist, oder wo der Staat wegblickt, wenn die Normen gebrochen werden, dann wird auch irgendwann die alteingesessene Bevölkerung sagen: „Wenn sich die nicht an die Normen halten müssen, dann muss ich mich auch nicht mehr an die Normen halten.“ Und dann haben wir genau diesen Haarriss, der früher oder später zum Dammbruch führen wird.
Schlussfolgerung
Diese Netzwerke dauern sehr, sehr lange, um aufgebaut zu werden. Das sind historische Prozesse – vieles davon ist Zufall, und wir waren die glücklichen Empfänger der positiven Effekte. Aber in den letzten Jahren ist es rückläufig geworden. Die Konsequenz wäre eigentlich, dass man nicht wegsieht, dass man nicht toleranter wird, sondern dass man intoleranter wird gegenüber Normverstößen.
Ich glaube, wir unterschätzen, wie wichtig eigentlich dieser soziale Zusammenhalt und dieses Beachten von Normen ist, ohne dass es immer einen Staat gibt, der wie ein Übervater kontrolliert. Es beginnt vielleicht mit der gestohlenen Pommesschüssel, aber am Ende dieser Reise kann der Normenkollaps der gesamten Gesellschaft stehen, und das sollten wir nicht unterschätzen.
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