„Die sind nicht mehr wiederzuerkennen.“ Gemeint sind damit die NEOS, und den Satz hört man immer öfter. Seit die Pinken vor gut einem Jahr in die Regierung eingetreten sind, hat die selbsternannte Reform-, Kontroll- und Transparenzpartei eine 180-Grad-Pirouette hingelegt, die selbst bei den heute zu Ende gehenden Olympischen Winterspielen die Bestnoten bekommen würde. Nichts ist mehr von dem vorhanden, wofür die NEOS noch in Opposition gestanden sind und geworben haben.

Besonders der Kampf gegen den Postenschacher war den NEOS und gerade Beate Meinl-Reisinger ein politisches Herzensthema. Wir haben es noch in den Ohren, wie aufgeregt und emotional die Außenministerin in ihrer früheren Rolle als Oppositionsführerin jeden nur denkbaren Geruch von Postenschacher an den jeweiligen Regierungen mit erhobenem Zeigefinger lautstark kritisierte. Geradezu obermoralisierend wetterte sie vom Rednerpult im Parlament gegen Schwarz, Rot, Blau oder Grün.

Kaum sind sie in der Regierung, betreibt Meinl-Reisinger nun selbst Postenschacher in Perfektion und Reinkultur. Zuerst wird der in Diplomatenkreisen sehr begehrte und prestigeträchtige Botschafterposten in Israel an ihren Kabinettschef vergeben. Nun wurde bekannt, dass der ehemalige NEOS-Bundesgeschäftsführer Feri Thierry mit einem 12.000 Euro Führungsposten im Außenministerium versorgt wurde. Über Nacht bekommt ein Parteigünstling einen gehobenen Posten, für den andere Diplomaten eine Ausbildung und jahrelange Erfahrung vorweisen müssen. Auch aus dem pinken Bildungsministerium werden ähnliche Geschichten erzählt. Dem nicht genug, gönnen sich Meinl-Reisinger und ihr Staatssekretär Sepp Schellhorn eine eigene „Koordinierungsstelle“ im Außenministerium mit Personalkosten von 700.000 Euro im Jahr. Von den einst hochbeschworenen pinken Tugenden ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Das berühmte Glashaus lässt grüßen und sitzt man erstmal im gerichteten Nest, dann breitet man sich ordentlich aus.

Beate Meinl-Reisinger ist einem Machtrausch verfallen und hat binnen eines Jahres jedwede Bodenhaftung verloren. Sie hat damit nicht nur selbst jede Glaubwürdigkeit gegen die Wand gefahren, sondern stellt auch die NEOS auf die Nagelprobe. Noch sind die kritischen Stimmen in den eigenen Reihen leise, aber der Unmut wächst. Einige unter den NEOS-Abgeordneten fragen sich schon, was noch von der pinken DNA übrig geblieben ist. Denn neben dem ausufernden Verhalten der Außenministerin verlieren die NEOS auch immer mehr an politischem Profil. Die pinke Handschrift in der Regierungsarbeit ist nur in Spurenelementen zu sehen – geblieben ist nur das selbstbewusste und in Meinl-Reisingers Fall schon arrogante Auftreten.

Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis die Dämme brechen und sich die NEOS-Chefin vor dem eigenen Parteivolk wird rechtfertigen müssen. Dann ist es aber meistens schon zu spät. Was bleibt, ist das neue Gesicht der NEOS: Eine Partei, die ihre Wurzeln verloren hat, das System für sich entdeckt und sich offenbar munter in den Ministerien selbst bedient.