Michael Every, Global-Stratege bei der Rabobank, gehört zu jenen Denkern, die das große Bild erkennen, während andere noch über die Details streiten und sich in Platitüden ergehen. Seine jüngsten Analysen zur amerikanischen Wirtschaftspolitik unter Donald Trump offenbaren eine fundamentale Wahrheit: Wir erleben nicht nur einen Politikwechsel, sondern das Ende der sogenannten „liberalen“ Weltordnung.

Außenwirtschaftliche Machtpolitik ersetzt die traditionalle Wirtschaftspolitik

Every trifft eine fundamentale Unterscheidung zwischen dem, was er „Economic Policy” (also klassischer Wirtschaftspolitik, welche sich auf Wachstum, Beschäftigung und Inflation konzentriert) und „Economic Statecraft” (oder „Außenwirtschaftliche Machtpolitik“) nennt. Ersteres beschreibt die konventionelle Verwendung wirtschaftlicher Instrumente zur Erreichung wirtschaftlicher Ziele wie zum Beispiel die Regulierung von Zinssätzen zur Inflationskontrolle. Letzteres hingegen ist die Nutzung wirtschaftlicher Mittel zur Durchsetzung außenpolitischer und sicherheitspolitischer Ziele. Diese Unterscheidung ist nicht akademischer Natur, sondern beschreibt die fundamentale Transformation, die derzeit in Washington stattfindet.

Trumps Zölle sind, so Every, keine chaotischen Eingebungen eines unberechenbaren Präsidenten, sondern Teil einer ausgeklügelten Grand Strategy. Die zentrale Frage lautet nicht mehr „Wie hoch wird das BIP sein?”, sondern „Wofür ist unser BIP da?” Diese scheinbar simple Umdrehung der Fragestellung markiert den Übergang von einer globalisierten, finanzgetriebenen Wirtschaft zu einer produktionsorientierten, strategisch ausgerichteten Volkswirtschaft. Trump will Amerika wieder zu dem machen, was es vor dem Zweiten Weltkrieg war: eine Nation, die Dinge herstellt, anstatt nur zu konsumieren.

Die historische Parallele: Vom britischen Imperium zur amerikanischen Herausforderung

Die historischen Parallelen sind frappierend. Genau wie das Vereinigte Königreich im 19. Jahrhundert seine Vormachtstellung durch Freihandel und maritime Dominanz etablierte, nur um später von Deutschland herausgefordert zu werden, steht Amerika heute vor der chinesischen Herausforderung. Every warnt, dass die Nachkriegsstrategie des Freihandels mit allen und zu jeder Zeit gescheitert ist. Sie hat zu Deindustrialisierung, steigender Ungleichheit und geopolitischer Verwundbarkeit geführt. Die Idee, dass Staaten im 21. Jahrhundert keine Machtpolitik mehr verfolgen würden sondern sich nur der Wohlstandssteigerung der eigenen Bevölkerung verpflichtet sehen, hat sich als Illusion erwiesen. Im Gegensatz zum Westen ist man in Peking und Moskau nicht der Meinung, dass China und Russland nicht mehr sind als Verwaltungseinheiten auf einer Landkarte. Für Xi und Putin ist die Nation eine autonome Einheit mit historischer Mission und Verantwortung, welche nicht nur für die Bevölkerung zu sorgen hat, sondern dieser auch Opfer abverlangen kann. So wie John F. Kennedy einst mahnte, man solle „nicht nur fragen, was das Land für dich tun kann, sondern was du für das Land tun kannst,“ denkt man in vielen Teilen der Welt nicht individualistisch, sondern zunehmend nationalistisch. Die Globalisierungs Optimisten hofften, man könne mit dem Handel die Welt zum Frieden zwingen, oder zumindest den Krieg zu kostspielig machen. Dies hat sich jedoch als trügerische Illusion herausgestellt.

Schlimmer noch: Sie hat den Westen in eine Position gebracht, in der die Kugeln in den Gewehren, mit denen man seine Feinde bedroht, paradoxerweise von eben diesen Feinden oder deren Verbündeten stammen. Diese Abhängigkeit ist nicht nur wirtschaftlich absurd, sondern strategisch selbstmörderisch. Der freie Handel, einst als Garant des Wohlstands gepriesen, hat sich als Trojanisches Pferd erwiesen, das die industrielle Basis des Westens ausgehöhlt hat.

Europas prekäre Lage: Reindustrialisierung oder Niedergang

Everys Analyse zeigt auch die prekäre Lage Europas auf. Der Kontinent steht vor einer unmöglichen Wahl: entweder massive Reindustrialisierung bei gleichzeitiger Aufrüstung – was Ausgaben von bis zu 6-7% des BIP bedeuten würde – oder langsamer Niedergang in die Bedeutungslosigkeit. Europa gleicht zunehmend Griechenland: höhere Inputkosten, schwächere Währung, weniger Industrie, höhere Arbeitslosigkeit. Die Energiepreise sind vier- bis fünfmal höher als in Amerika, die Abhängigkeit von Importen nahezu total.

Diese Situation ist das direkte Resultat jahrzehntelanger Fehlentscheidungen. Die Energiewende ohne Rücksicht auf Versorgungssicherheit, die Deindustrialisierung im Namen des Klimaschutzes, die Abhängigkeit von russischem Gas und chinesischen Lieferketten – all das hat Europa in eine Position der Schwäche gebracht. Während Amerika seine industrielle Basis wiederaufbaut, verharrt Europa in ideologischen Debatten über Gendersternchen und CO2-Fußabdrücke.

Die Dollar-Hegemonie und ihre Paradoxien

Besonders bemerkenswert ist Everys Einschätzung der Dollar-Hegemonie. Der US-Dollar macht etwa 60% der weltweiten Devisenreserven aus und dominiert den internationalen Handel. Doch diese Dominanz basiert auf dem amerikanischen Handelsdefizit, das Dollars in die Weltwirtschaft pumpt. Wenn Trump seine Reindustrialisierung durchsetzt und das Handelsdefizit reduziert, würde dies zu einer dramatischen Verknappung von Dollars führen.

Das Resultat: Der Dollar würde durch die Decke schießen, Rohstoffpreise kollabieren, und amerikanische Aktien würden profitieren, während Märkte in anderen Ländern zusammenbrechen würden. Dieses Szenario ist nicht spekulativ, sondern logische Konsequenz einer Politik, die die Produktionsbasis wieder in die USA zurückholen will. Europa, das sich in seiner Abhängigkeit von amerikanischen Finanzmärkten bequem eingerichtet hat, würde von dieser Entwicklung hart getroffen werden.

Neo-Merkantilismus: Die Rückkehr der Staatswirtschaft

Die Rückkehr zum Neo-Merkantilismus ist keine vorübergehende Modeerscheinung, sondern eine strukturelle Transformation. Every betont, dass die USA historisch gesehen immer dann am erfolgreichsten waren, wenn sie auf Zölle und Produktionsschutz setzten. Die Ära des Freihandels war historisch gesehen die Ausnahme, nicht die Regel. Adam Smith und David Ricardo dachten niemals daran, dass Länder ihre Produktion ins Ausland verlagern würden sondern gingen davon aus, dass Nationen ihren eigenen Kapitalstock und ihre Produktivität aufbauen würden. Trump scheint intuitiv zu verstehen, was viele Ökonomen nicht verstehen wollen oder können: Inflation durch Zölle ist nicht dasselbe wie Inflation durch Gelddrucken. Wenn man Unternehmen zwei Jahre im Voraus ankündigt, dass Zölle von 50% kommen werden, und wenn man diese Drohung glaubwürdig macht, dann werden Unternehmen investieren. Sie werden Fabriken in Amerika bauen, Automatisierung einsetzen, künstliche Intelligenz nutzen. Der Staat kann diesen Übergang durch Subventionen, Bildungsreformen und gezielte Industriepolitik unterstützen.

Ein Weckruf für Europa

Michael Everys Analysen sind ein Weckruf für Europa. Während Amerika seine industrielle Basis wiederaufbaut und seine strategische Autonomie stärkt, verharrt Europa in einer Mischung aus Selbstgefälligkeit und Realitätsverweigerung. Die Zeit der gemütlichen Nachkriegsordnung ist vorbei. Eine neue Ära der geopolitischen Konkurrenz hat begonnen, und in dieser Ära werden jene gewinnen, die verstehen, dass Wirtschaft und Sicherheit untrennbar miteinander verbunden sind.

Europa muss endlich aufwachen. Die Illusion, dass man ohne eigene industrielle Basis, ohne Energiesouveränität und ohne militärische Schlagkraft ein relevanter Akteur auf der Weltbühne bleiben kann, ist gefährlich naiv. Die Zeiten, in denen Europa sich hinter der amerikanischen Sicherheitsgarantie verstecken und gleichzeitig moralische Überlegenheit predigen konnte, sind vorbei.

Die Frage ist nicht, ob diese Transformation stattfinden wird, sondern ob Europa bereit ist, sich anzupassen oder ob es den Weg anderer ehemaliger Großmächte gehen wird: in die Bedeutungslosigkeit. Every hat die Landkarte der Zukunft gezeichnet. Es liegt an uns, zu entscheiden, ob wir sie lesen wollen – oder ob wir weiterhin die Augen verschließen, während die Welt um uns herum in eine neue Ordnung eintritt, in der für Zögern und Selbsttäuschung kein Platz mehr ist.