Doch was diese Rede von ihren Vorgängerinnen unterschied, war nicht ihr Inhalt, sondern ein Moment, der nur wenige Sekunden dauerte und trotzdem jahrelang in Wahlkampfspots nachhallen wird.

Trump bat die Abgeordneten aufzustehen, wenn sie der Aussage zustimmen, dass die erste Pflicht einer Regierung der Schutz der eigenen Bürger ist – und nicht der Schutz illegaler Einwanderer. Fast alle demokratischen Abgeordneten blieben sitzen. Wohlgemerkt: Sie widersprachen keiner konkreten Politik. Sie bestritten keine Statistik. Sie lehnten kein bestimmtes Gesetz ab. Sie weigerten sich, das elementarste Prinzip demokratischer Regierungsführung zu bejahen – dass eine Regierung ihre Legitimität von den Menschen ableitet, die sie wählen, und diesen gegenüber ihre erste Loyalität schuldet. Trump hatte eine Falle aufgestellt, und die Demokraten marschierten sehenden Auges hinein.

Doch hinter dieser parteipolitischen Blamage steckt etwas Tieferes, etwas Strukturelles. Was die sitzengebliebenen Demokraten zur Schau stellten, hat der Philosoph Benedict Beckeld in seinem Buch „Western Self-Contempt: Oikophobia in the Decline of Civilizations” und seinem Interview mit exxpress als Oikophobie identifiziert: die gefestigte Neigung der Eliten einer Zivilisation, die eigene Kultur, die eigenen Traditionen und das eigene Volk zu verachten. Der Begriff stammt ursprünglich von Roger Scruton, der ihn als „das empfundene Bedürfnis, die Bräuche, die Kultur und die Institutionen herabzusetzen, die erkennbar die unseren sind” definierte. Beckeld geht einen entscheidenden Schritt weiter und argumentiert, dass Oikophobie kein Ausreißer ist, kein Zufall, sondern ein wiederkehrendes Muster im Niedergang von Zivilisationen – so vorhersagbar wie die Jahreszeiten, wenn auch erheblich weniger angenehm.

Seine These ist historisch fundiert und ernüchternd zugleich. Wohlhabende Gesellschaften entwickeln auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs Eliten, die davon überzeugt sind, dass der Wohlstand, den sie genießen, nichts als die Frucht historischen Unrechts sei. Je größer die Errungenschaften, desto tiefer die Schuld. Es geschah im Athen des Perikles, als die Sophisten die traditionelle Frömmigkeit verhöhnten und den Göttern den Dienst aufkündigten. Es geschah in der späten römischen Republik, als Senatoren die Gesellschaft ausländischer Klientelkönige der ihrer eigenen Bürger vorzogen. Es geschah im vorrevolutionären Frankreich, als die Philosophen den edlen Wilden idealisierten und die eigene Gesellschaft als korrupt und verdorben darstellten. Und es geschieht jetzt – in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Europa. Frustierend genug: Das Einzige, was „der Westen” dieser Tage tatsächlich gemeinsam zu haben scheint, ist die permanente Tyrannei durch die eigene vermeintliche historische Schuld, für die er büßen muss, indem er sich selbst zerstört.

Besonders erhellend ist Beckelds Beobachtung, dass Oikophobie das exakte Gegenteil von Xenophobie darstellt. Wo der Xenophobe darauf besteht, seine eigene Kultur sei allen anderen überlegen, versucht der Oikophobe, andere Kulturen nicht etwa auf gleiche Augenhöhe mit der eigenen zu heben, sondern über sie zu stellen. Das ist nicht die Haltung eines weltoffenen Kosmopoliten, auch wenn sie sich gerne als solche verkleidet. Es ist die Haltung einer Führungsschicht, die das Vertrauen in die Zivilisation verloren hat, die sie eigentlich führen soll. Und wenn diese Führungsschicht die Hebel der Regierung kontrolliert, bleiben die Konsequenzen nicht mehr im Philosophieseminar. Dann kann ein erheblicher Teil der politischen Klasse es schlicht nicht mehr über sich bringen, den einfachen Satz auszusprechen, dass die erste Pflicht einer Regierung ihren eigenen Bürgern gilt. Nicht weil sie diesem Satz widersprechen könnten, sondern weil er ihrem gesamten Selbstverständnis zuwiderläuft.

Institutionalisierte Oikophobie

Europäer – und insbesondere Österreicher und Deutsche – sollten diese Szenen nicht mit Belüstigung, sondern mit Wiedererkennung betrachten. Denn was die Demokraten im Kongress vorführten, praktiziert die europäische politische Klasse seit Jahren in institutionalisierter Form. In Deutschland heißt die Oikophobie „Brandmauer“ – eine Vereinbarung des politischen Establishments, Millionen von Wählern von der demokratischen Repräsentation auszuschließen. In Österreich wurde die FPÖ, obwohl stärkste Kraft bei den Nationalratswahlen, monatelang von der Regierungsbildung ferngehalten. Der Kölner „Immigrationspakt“, in dem sich alle Parteien außer der AfD darauf einigten, Migration nicht mit negativen gesellschaftlichen Entwicklungen in Verbindung zu bringen, ist die logische Konsequenz dieser Denkweise: Wenn die Realität dem Narrativ widerspricht, wird nicht das Narrativ, sondern die Debatte abgeschafft.Die EU verkörpert dieses Phänomen in seiner reinsten bürokratischen Form. Brüssels Unfähigkeit, eine kohärente Energie- oder Verteidigungsstrategie zu formulieren, während man gleichzeitig Katar Nachhaltigkeitsstandards predigt, obwohl man vollständig von katarischem LNG abhängt, offenbart eine Regierungsklasse, die sich mit Regulierung wohler fühlt als mit Regieren. Im Jahr 2024 gab Europa zweiundzwanzig Milliarden Euro für russische fossile Brennstoffe aus und schickte gleichzeitig neunzehn Milliarden an Hilfe in die Ukraine – finanzierte also de facto beide Seiten eines Krieges. Das sind nicht die Handlungen seriöser Staatsmänner. Das sind die Handlungen von Oikophoben, die nationales Interesse durch bürokratische Prozedur ersetzt haben und sich dabei auch noch moralisch überlegen fühlen.

Ob in Washington oder Brüssel, ob im Bundestag oder im Europäischen Parlament – die Melodie ist dieselbe, nur die Instrumente unterscheiden sich. In Amerika weigern sich gewählte Abgeordnete, den Vorrang der eigenen Bürger zu bejahen. In Europa weigern sich ganze Regierungen, überhaupt so zu handeln, als hätten Nationen ein legitimes Eigeninteresse. Die europäische Variante ist in gewisser Hinsicht fortgeschrittener, weil sie sich bereits institutionell verfestigt hat: Was in den USA noch als parteipolitische Peinlichkeit erkennbar ist, wurde in der EU längst zur Staatsräson erklärt.

Beckelds historische Analyse legt nahe, dass Oikophobie ein Spätphasen-Phänomen ist – sie tritt auf, wenn eine Zivilisation so erfolgreich geworden ist, dass ihre Eliten es sich leisten können, deren Errungenschaften als selbstverständlich hinzunehmen und sie dann zu verachten. Selbstverachtung als Luxusgut sozusagen. Die Kosten freilich tragen immer die gewöhnlichen Bürger – jene Menschen, die nicht in der Lage sind, die Konsequenzen gescheiterter Migrationspolitik, ideologischer Energiewenden oder unterlassener Landesverteidigung durch den Umzug in ein besseres Viertel zu umgehen. Jene demokratischen Abgeordneten, die sitzen blieben, glauben vermutlich, sie hätten ein Statement über Trump abgegeben. In Wahrheit gaben sie ein Statement über die Zivilisation ab, die sie gewählt hat. Und wenn Beckelds Lesart der Geschichte stimmt, dann hat eine Zivilisation, deren Führung es nicht mehr über die Lippen bringt, dass ihre erste Loyalität dem eigenen Volk gilt, bereits begonnen, ihren eigenen Nachruf zu verfassen.