Ralph Schöllhammer: Die Rückkehr des Imperialismus
Der Imperialismus ist zurück – und die jüngsten Ereignisse in Venezuela beweisen es. Während US-Präsident Donald Trump in der Nacht zum 3. Januar Militärschläge gegen Caracas anordnete und den umstrittenen Präsidenten Nicolás Maduro festnehmen ließ, zeigt sich ein Muster, das weit über Lateinamerika hinausreicht.
Trump selbst erklärte unverblümt, die USA würden Venezuela „so lange führen, bis wir einen sicheren, ordnungsgemäßen und umsichtigen Übergang bewerkstelligen können.” Was früher als inakzeptabler Akt neo-kolonialer Aggression gegolten hätte, wird heute offen artikuliert – weil die Welt in eine neue Phase eingetreten ist, in der imperiale Ambitionen wieder zur Normalität werden.
Die oft verkündete „multipolare Weltordnung” ist keine Welt souveräner Nationalstaaten, die in friedlicher Koexistenz leben. Sie ist vielmehr eine Welt regionaler Hegemonien, die ihre Einflusssphären auf Kosten schwächerer Nachbarn zu erweitern suchen. Russland folgt seiner traditionellen Strategie territorialer Expansion – eine Politik, die bereits unter Peter dem Großen, Putins erklärtem Vorbild, verfolgt wurde. China wiederum praktiziert eine moderne Version des historischen Tributsystems: Durch die Belt-and-Road-Initiative schafft Peking finanzielle Abhängigkeiten und verwandelt den globalen Süden in seine tributpflichtigen Vasallen. Und die Türkei? Präsident Erdoğan spricht offen davon, die Ergebnisse des Ersten Weltkriegs zu revidieren und ehemals osmanische Gebiete in Syrien wieder unter türkische Kontrolle zu bringen.
Doch hier liegt die zentrale Erkenntnis, die wir aus der Geschichte ziehen müssen: Erfolgreicher und dauerhafter Imperialismus ist eine Konsequenz, nicht eine Ursache innerer Stärke. Der britische Historiker John Robert Seeley bemerkte einst, die Briten hätten „gleichsam in einem Anfall geistiger Abwesenheit die halbe Welt erobert und besiedelt.” Auch das Römische Reich expandierte weniger aufgrund eines imperialen Masterplans als durch die überlegene Organisationsfähigkeit und Verwaltungsstruktur Roms. Beide Reiche verfügten über funktionierende Bürokratien, effektive Governance-Systeme, leistungsorientierte Militärstrukturen und die Fähigkeit, einen wirtschaftlichen Überschuss zu produzieren.
Die erfolgreichsten Imperien der Geschichte – Rom, Großbritannien, aber auch China unter der Qin-Dynastie – waren deshalb erfolgreich, weil sie innenpolitisch stark waren, bevor sie ihre Macht nach außen projizierten. Der Reformer Shang Yang verstand bereits im 3. Jahrhundert vor Christus, dass außenpolitische Ambitionen nur durch überlegene innere Strukturen erreicht werden können. Wie Francis Fukuyama dokumentiert hat, konnte die Qin-Dynastie acht bis zwanzig Prozent ihrer Gesamtbevölkerung für den Krieg mobilisieren – eine Leistung, die selbst das Römische Reich mit einem Prozent nicht erreichte.
Neo-Imperialismus des 21. Jahrhunderts
Und hier offenbart sich das Problem des Neo-Imperialismus des 21. Jahrhunderts: Viele jener Nationen, die mit imperialen Ideen liebäugeln, sind innenpolitisch schwach und betrachten ihre imperialen Ambitionen als Gegenmittel zu dieser Schwäche – was das genaue Gegenteil dessen ist, was sie tun sollten. Aus der Perspektive innerer Schwäche erscheint Russlands Invasion in der Ukraine nicht nur als Verbrechen, sondern auch als strategischer Fehler. Wie die meisten Länder kämpft Russland mit einer unhaltbar niedrigen Geburtenrate. Was nützt eine Expansion, wenn dem russischen Volk selbst das Aussterben droht? Einen Krieg führen, um die Bevölkerung zu erhöhen? Das wäre ein historisches Novum.
Ähnlich verhält es sich mit China: Demographische Alterung und innere Spannungen sind weitaus drängendere Probleme als die Konkurrenz mit den USA oder die Wiedervereinigung mit Taiwan. Die Zukunft des Neo-Imperialismus ist nicht die eines neu entstehenden Römischen Reiches, sondern die von Staaten, die von inneren Problemen geplagt sind und diese durch außenpolitische Abenteuer zu kompensieren hoffen.
Venezuela ist dafür das neueste Lehrstück. Ein dysfunktionales Regime, das sein eigenes Land ruiniert hat – Millionen Venezolaner sind geflohen, die Wirtschaft liegt in Trümmern, die Demokratie wurde systematisch abgebaut – wird nun zum Objekt imperialer Ambitionen. Trump rechtfertigt die Intervention mit dem Kampf gegen Drogenhandel und Diktatur, doch seine eigenen Worte verraten die wahre Motivation: Ressourcenkontrolle und Machprojektion. Das ist klassischer Imperialismus im Gewand des 21. Jahrhunderts.
Die Welt bewegt sich nicht auf eine „glückliche Familie multipolarer Mächte” zu, sondern auf eine Welt erneuter imperialer Konflikte. Europa hat in dieser entstehenden Ordnung noch keine Rolle gefunden. Während der Rest der Welt zu einem neo-imperialistischen Mindset übergeht, dominiert in Westeuropa weiterhin eine postmoderne, postnationalistische Denkweise unter den Eliten. Das wird nicht mehr lange tragbar sein. Der „Luxus der Idiotie” – die Überzeugung, man könne Unternehmer durch Regulierer und fossile Energien durch chinesische Solarpaneele ersetzen – ist in einer multipolaren Welt nicht mehr finanzierbar.
Die zentrale Lektion lautet: Imperialismus ist kein Ersatz für gute Regierungsführung, sondern deren Konsequenz. Wer nach außen stark sein will, muss zuerst nach innen stark sein. Das gilt für Großmächte ebenso wie für Europa. In einer Welt, in der die drängendsten Fragen – von der Demographie bis zur Wirtschaft – innenpolitischer Natur sind, werden zu viele die falsche Lehre aus der Geschichte ziehen. Sie werden glauben, imperiale Expansion könne innere Schwäche kompensieren. Venezuela zeigt, wohin das führt: zu Chaos, Gewalt und einer Weltordnung, in der Souveränität nur noch das Privileg der Mächtigen ist.
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