Lange glaubten westliche Eliten, man könne diese gemeinsame Geschichte durch Verfahren, Rechte und technokratisches Management ersetzen. Bürger sollten sich in überlappenden Vereinen organisieren, ihr je eigenes „gutes Leben“ verfolgen und anderen dasselbe zugestehen, während der Staat als neutraler Schiedsrichter darüber wacht, dass die Spielregeln eingehalten werden. In Europa wurde dieses Ideal auf institutionelle Weise radikalisiert: Die Nationalstaaten sollten zu bloßen Verwaltungseinheiten ohne tiefere symbolische Bedeutung werden, Kultur zu einem Kaugummiautomaten der Gefühle, aus dem sich jeder nach Belieben bedienen kann. Übrig blieb eine dünne, prozedurale Identität – ein „Wir“, das auf Wahlterminen und Grundrechtskatalogen beruht, nicht auf geteilten Erinnerungen.

Doch Gesellschaften lassen sich auf Dauer nicht über PDF-Dokumente organisieren. Das Versprechen, dass Verfahren an die Stelle von Geschichten treten können, war nur solange plausibel, wie der materielle Aufstieg dieses Defizit verdeckte. Solange die Wirtschaft boomte, konnte man sich einreden, dass gemeinsame Werte nicht nötig seien, solange das individuelle Vorankommen gesichert ist. Spätestens mit der Doppelkrise aus Finanzcrash und Migrationsschub in den 2010er Jahren zeigte sich jedoch, dass Menschen mehr wollen als eine gut geölte Bürokratie: Sie wollen wissen, zu wem sie gehören – und wer zu ihnen gehört.

Deshalb werden Einwanderungsdebatten so selten durch Zahlen entschieden. Natürlich spielen Kosten, Arbeitsmarkt und Kriminalitätsstatistiken eine Rolle. Aber unter der Oberfläche geht es um etwas anderes: um die symbolische Grenze der Zugehörigkeit. Wer gehört in die Geschichte eines Landes hinein – und wer bleibt auf Dauer Gast? Populistische Bewegungen leben genau von dieser Verschiebung. Sie versprechen eine „dichte“ Zugehörigkeit, die der Liberalismus entweder als gefährlich misstraut oder in seiner neuesten Version überhaupt nicht mehr formulieren kann. Wo liberale Eliten erklären, Identität sei privat, fluide und jederzeit verhandelbar, versprechen ihre Gegner die Rückkehr zu Nation, Religion oder Tradition als fester Anker.

Damit entsteht ein gefährlicher Teufelskreis. Je mehr Politik in der Sprache von Rechten, Diversität und Inklusion spricht, desto schwerer fällt es, auch nur zu benennen, was Bürger jenseits ihres Rechtsstatus miteinander teilen sollen. Wenn aber alles Identität ist, ist nichts mehr verbindlich. Eine Gesellschaft, die sich primär als Mosaik von Minderheiten versteht, hat keinen begrifflichen Platz mehr für eine Mehrheit, die mehr sein will als die Summe ihrer individuellen Lebensentwürfe. Die Folge ist, dass sich diese Mehrheit moralisch diskreditiert fühlt: als „Problem“, nicht als tragende Säule des Gemeinwesens.

Vom Vertrauensverlust zur Legitimitätskrise

Das Misstrauen gegenüber den Institutionen ist die logische Konsequenz. Parlamente, Gerichte, Medien und Verwaltungen erscheinen nicht mehr als Ausdruck eines gemeinsamen „Wir“, sondern als Instrument einer kosmopolitischen Klasse, die ihre eigenen Wertvorstellungen als universell ausgibt. Die behauptete Neutralität des Rechts wird dann als Schleier erlebt, hinter dem sehr konkrete kulturelle Präferenzen stehen: Mobilität statt Verwurzelung, Selbstverwirklichung statt Pflicht, Gegenwart statt Geschichte. Wenn aber der Eindruck entsteht, dass staatliche Institutionen nicht mehr die Erfahrung der Mehrheit repräsentieren, sondern sie pädagogisch „korrigieren“ wollen, verwandelt sich jede Krise in eine Legitimitätskrise.

Das zeigt sich besonders deutlich im digitalen Raum. Dort, wo früher Öffentlichkeit und gemeinsame Narrative entstehen sollten, herrscht heute eine Mischung aus Fragmentierung und Moralisierung. Regierungen und supranationale Institutionen präsentieren sich als neutrale Hüter von Fakten und Sicherheit, während sie gleichzeitig immer weiter definieren, welche Positionen als „desinformierend“, „hasserfüllt“ oder „gefährlich“ gelten. Aus Sicht vieler Bürger entsteht der Eindruck, dass nicht nur Verhalten, sondern auch Erzählungen reguliert werden sollen: Was man über Migration, Pandemiepolitik oder nationale Identität noch sagen darf, ist weniger eine Frage des Arguments als der Risikobereitschaft.

In dieses Vakuum stoßen nun die sogenannten „illiberalen Demokraten“. Ihre Botschaft ist einfach – und politisch wirksam: Demokratie bedeutet nicht primär Verfahren, sondern Volkszugehörigkeit. Erst das „Wir“, dann die Regeln. Sie knüpfen an Religion, Nation oder Tradition an und versprechen, die Hierarchie zwischen Volkswillen und Institutionen umzudrehen. Liberale Eliten haben Recht, auf die Gefahren hinzuweisen: Mehrheitsdiktatur, Druck auf Minderheiten, Erosion individueller Rechte. Aber ihr eigener Einwand bleibt schwach, solange sie nicht zugeben, dass auch liberale Ordnungen auf kulturellen Voraussetzungen beruhen: auf bestimmten Vorstellungen von Person, Gewissen und Geschlechterordnung, die nicht beliebig austauschbar sind.

Wer so tut, als sei Liberalismus eine Art Betriebssystem, das auf jeder gesellschaftlichen „Hardware“ problemlos läuft, überlässt die Sprache der kulturellen Zugehörigkeit seinen Gegnern. Genau das geschieht derzeit. Die einen sprechen von Grenzen, Opferbereitschaft und historischer Kontinuität, die anderen von Prozeduren, Compliance und Resilienz. In einer Welt, in der sich immer mehr Menschen bedroht und entwurzelt fühlen, ist klar, welche Erzählung emotional stärker ist.

Werte, die nicht verhandelbar sind

Der Ausweg liegt deshalb weder in einer Rückkehr zum naiven Verfahrensoptimismus, der glaubt, man könne Krisen durch immer neue Regeln und Kommissionen bewältigen, noch in einer romantischen Homogenitätspolitik, die Differenz nur noch dulden, aber nicht mehr anerkennen will. Liberale Demokratien müssen sich stattdessen an eine unbequeme Aufgabe heranwagen: Sie müssen wieder lernen, eine anspruchsvolle Form gemeinsamen Lebens zu formulieren – eine Erzählung, die emotional bindet und zugleich normative Grenzen zieht.

Das bedeutet erstens, dass bestimmte Werte nicht verhandelbar sind, auch wenn sie im Konflikt zu traditionellen Praktiken oder religiösen Normen stehen: die gleiche bürgerliche Stellung von Männern und Frauen, der Schutz vor Grausamkeit und Erniedrigung, die Achtung des individuellen Gewissens. Eine Demokratie, die diese Grundlagen relativiert, verliert nicht nur ihre moralische Orientierung, sondern auch die Loyalität jener Bürger, die erwarten, dass der Staat ihre Lebensform nicht nur toleriert, sondern schützt.

Zweitens heißt es, dass Bürger mehr brauchen als Rechte, um sich zuhause zu fühlen. Institutionen, Erzählungen und Rituale müssen ihnen das Gefühl geben, Teil eines Projekts zu sein, das vor ihnen begonnen hat und nach ihnen weitergeht. Schulen dürfen nicht zu bloßen Kompetenzfabriken und Identitätsbestätigungslabors verkommen. Sie sind Orte, an denen eine gemeinsame Sprache der Bürgerschaft eingeübt wird – nicht als starres Dogma, sondern als Einladung, an einer geteilten Geschichte mitzuschreiben, statt nur daneben zu stehen.

Das Gleiche gilt für Medien und Zivilgesellschaft. Öffentlich-rechtliche Sender, die nur noch die Segmentierung der Gesellschaft abbilden, aber keine verbindliche Perspektive mehr anbieten, unterschätzen ihre eigene Rolle. Sie müssen Konflikte so rahmen, dass sie als Streit unter Mitgliedern derselben politischen Gemeinschaft erscheinen – nicht als Kulturkampf zwischen moralisch Überlegenen und hoffnungslos Rückständigen. Vereine, Religionsgemeinschaften und lokale Initiativen können wieder Brücken zwischen dem einsamen Individuum und einem abstrakten Staat schlagen, wenn sie nicht als Verdachtsfälle, sondern als Ressourcen sozialer Kohäsion betrachtet werden.

All das wird die Konflikte um Migration, Religion oder nationale Ziele nicht beseitigen. Eine pluralistische Ordnung ohne Streit ist eine Illusion. Entscheidend ist aber, ob dieser Streit innerhalb eines geteilten „Wir“ stattfindet – oder ob jede Auseinandersetzung als Kampf zwischen unversöhnlichen Stämmen geführt wird. Eine Demokratie, in der Bürger Niederlagen akzeptieren, weil sie Institutionen und Mitbürger trotz allem als „ihre“ ansehen, ist stabiler als ein System, das nur auf Angst, Überwachung und Schuldappellen beruht.

Die eigentliche Aufgabe der kommenden Jahre besteht daher nicht in der Erfindung neuer Schlagwörter oder Strategiepapiere, sondern in der Rehabilitierung eines anspruchsvollen Wir. Nicht ethnisch, nicht sakral, aber auch nicht steril‑prozedural. Eine Gemeinschaft, in der Menschen sich nicht ständig fragen müssen, ob sie noch dazugehören – sondern in der sie wissen, dass sie gebraucht werden, gerade weil sie Teil einer Geschichte sind, die größer ist als sie selbst. Wenn den liberalen Demokratien diese Erzählung nicht gelingt, werden andere sie liefern. Und ihre Version des „Wir“ könnte eine sein, in der viele von uns keinen Platz mehr haben.