Raphael Suchomel: Austro-KI-Genie verlässt Europa
Ein Oberösterreicher löst mit einem Hobbyprojekt den größten KI-Hype seit ChatGPT aus. OpenClaw wird weltweit diskutiert, Entwickler feiern die Idee eines handelnden KI-Agenten. Und jetzt verlässt einer der klügsten Köpfe Österreich Richtung USA.
Peter Steinberger hat mit OpenClaw in wenigen Wochen geschafft, woran ganze Marketingabteilungen scheitern. Ein Projekt, das ursprünglich als Experiment begann, wurde plötzlich zum globalen Gesprächsthema. OpenClaw ist kein gewöhnlicher Chatbot. Es ist ein KI-Agent.
Das bedeutet: Das System antwortet nicht nur auf Fragen, sondern führt eigenständig Aufgaben aus. Es plant Schritte, greift auf Werkzeuge zu, recherchiert Informationen und setzt Anweisungen strukturiert um. Genau solche Agentensysteme gelten als nächste Entwicklungsstufe nach ChatGPT, weil sie nicht nur Wissen wiedergeben, sondern handeln. Dass ausgerechnet ein Österreicher diesen Hype auslöst, ist bemerkenswert.
Ein bekannter Name in der Szene
Steinberger hat schon einmal bewiesen, dass er globale Technologie bauen kann. Mit PSPDFKit entwickelte er eine Softwarelösung für digitale Dokumente, die weltweit eingesetzt wird. Milliarden Geräte greifen täglich auf diese Technologie zurück. Er verkaufte seine Anteile, widmete sich anderen Bereichen des Lebens und kam mit Openclaw zurück. Während die ganze Techszene seine Leistung feierte, war die erste Reaktion in Österreich: Skepsis.
Vor zwei Wochen gemahnt
Vor zwei Wochen habe ich hier geschrieben, dass Ethik ohne Einfluss wirkungslos bleibt. Wer Technologie nicht baut, setzt keine Standards. Wer nicht finanziert, entscheidet nicht. Wer nicht betreibt, gestaltet nicht.
Damals war OpenClaw gerade veröffentlicht. Heute ist klar: Einer der größten Köpfe Österreichs verlässt Europa und beginnt bei OpenAI zu arbeiten. Er geht, weil er gestalten will. Er hat mehrfach betont, dass er kein Unternehmen mehr im klassischen Sinn aufbauen möchte. Das hat er mit PSPDFKit bereits getan. Jetzt geht es ihm um etwas anderes. Es geht um Wirkung. Um globale Gestaltungskraft. Und die findet er in den USA.
Das strukturelle Problem
Das Problem ist nicht eine einzelne Entscheidung. Das Problem ist das Umfeld.
Moderne KI-Systeme brauchen enorme Rechenleistung. Man spricht von Compute. Dahinter stehen riesige Rechenzentren mit tausenden spezialisierten Chips, die neuronale Netze trainieren. Neuronale Netze sind mathematische Modelle, die Muster in Daten erkennen und daraus Vorhersagen ableiten. Je größer das Modell, desto mehr Rechenleistung ist notwendig.
Diese Infrastruktur steht überwiegend in den USA. Dort sitzen Unternehmen wie OpenAI, Meta oder Google. Dort fließt das große Wagniskapital. Also Investitionen mit hohem Risiko, aber auch hohem Potenzial. In Europa sind solche Finanzierungen seltener und oft vorsichtiger strukturiert.
Wir diskutieren Regulierung, während andere skalieren. Natürlich ist Regulierung wichtig. Natürlich braucht KI ethische Leitplanken. Aber die Reihenfolge entscheidet. Erst Innovation ermöglichen, dann Verantwortung gemeinsam gestalten. Wer die Reihenfolge umdreht, verhindert Innovation.
Warum nicht hier?
Man könnte fragen: Warum organisieren wir nicht europäische Ressourcen für solche Köpfe? Warum bündeln wir nicht Rechenleistung, Kapital und politische Unterstützung, um Forscher und Entwickler hier arbeiten zu lassen? Warum schaffen wir kein Umfeld, in dem jemand wie Steinberger einfach forschen, entwickeln und skalieren kann?
Europa hat mit Unternehmen wie Mistral gezeigt, dass es technisch mithalten kann. Wir haben exzellente Universitäten. Wir haben starke Forscher. Auch in Österreich entstehen Spitzenleistungen.
Aber wir schaffen es zu selten, diese Stärken strategisch zu bündeln. Statt offensive Industriepolitik zu betreiben, reagieren wir oft defensiv.
Ein Signal an die Politik
Peter Steinberger geht, um die Welt mitzugestalten. Das ist verständlich. Aber für Europa sollte es ein Weckruf sein. Ich weiß ehrlicherweise nicht, wie viele Weckrufe wir noch brauchen.
Denn solange wir Innovation misstrauen, bevor wir sie ermöglichen, wird sich an der aktuellen Situation wenig ändern.
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