Raphael Suchomel: Davos und die neue Weltordnung
Davos gilt als das mächtigste Dialogforum der Welt. Ein Ort, an dem sich einmal im Jahr jene treffen, die Wirtschaft, Politik und Machtlinien prägen. Und selten war so deutlich wie heuer, dass sich hinter höflichen Gesprächen eine Weltordnung verschiebt, die für Europa und auch für Österreich unbequeme Fragen aufwirft.
Das World Economic Forum ist kein Schaulaufen ohne Folgen. Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker, Militärstrategen und Notenbanker kommen hier zusammen, um Interessen abzustecken und Grenzen auszuloten. Offiziell standen auch heuer Themen wie Weltwirtschaft, Wachstum, Inflation und der Krieg in der Ukraine im Mittelpunkt. Doch schon vor dem eigentlichen Beginn war klar, dass diese Agenda von einer anderen Entwicklung überlagert wird.
Die Debatte rund um Grönland hat Davos 2026 eine neue Schärfe gegeben. Die US Administration hat offen klargemacht, dass sie Grönland unter amerikanische Kontrolle bringen will, entweder durch einen Aufkauf oder notfalls durch militärische Gewalt. Und das bei einem Gebiet, das zu einem NATO Verbündeten gehört. Was hier ausgesprochen wurde, markiert einen Bruch mit bisherigen Selbstverständlichkeiten und verändert den Ton internationaler Politik spürbar.
Warum das für Österreich alles andere als trivial ist
Österreich ist ein neutrales Land, und diese Neutralität steht nicht zur Debatte. Dennoch finden solche militärischen Überlegungen nicht außerhalb unseres politischen und wirtschaftlichen Umfelds statt. Europa ist sicherheitspolitisch eng verflochten, wirtschaftlich tief miteinander verbunden und von Bündnissen umgeben, die Stabilität garantieren sollen. Entwicklungen in diesem Gefüge wirken sich nicht nur auf formelle Bündnispartner aus, sondern auf alle, die in diesem Raum leben und wirtschaften. Abhängigkeiten entstehen nicht erst durch Verträge, sondern durch Verflechtung. Was das für Österreich konkret bedeutet, zeigt sich nicht sofort, aber es wird weiter unten noch eine zentrale Rolle spielen.
Als europäische Staaten Solidarität mit Dänemark und den Grönländern zeigten, folgte die nächste Eskalation. Massive Zollandrohungen machten deutlich, wie rasch wirtschaftliche Instrumente heute zu politischen Druckmitteln werden. Nach offiziellen Angaben des Weißen Hauses konnte dieser Handelskonflikt vorerst entschärft werden. Doch genau dieses Wort bleibt hängen. Vorerst. Wie lange diese Entspannung anhält, ist offen. Und diese Unsicherheit ist es, die die internationale Politik derzeit prägt.
Eine neue Qualität der Unsicherheit
Wir sagen oft, dass etwas eine neue Qualität erreicht hat. Meist ist das eine Floskel. Diesmal nicht. Wenn Verbündete nicht nur nicht mehr unterstützt werden, sondern offen unter Druck geraten, dann verändert das die Spielregeln. Militärisch, wirtschaftlich und politisch. Loyalität wird verhandelbar, Abhängigkeit zur Währung.
Unsere Neutralität schafft Abstand zu militärischen Bündnissen, aber keinen Abstand zu den Folgen geopolitischer Entscheidungen. Österreich ist wirtschaftlich und politisch Teil eines eng verflochtenen Raums, in dem Stabilität nicht abstrakt ist, sondern Voraussetzung für Sicherheit und Wohlstand. Verschieben sich Machtverhältnisse, endet ihre Wirkung nicht an formalen Grenzen. Das ist keine Bewertung, sondern eine nüchterne Beschreibung der Lage.
Genau das haben wir in der Vergangenheit bereits erlebt. Handelsabkommen, die Europa faktisch nicht ablehnen konnte, weil wirtschaftliche Interessen und sicherheitspolitische Abhängigkeiten miteinander verwoben waren. Auch Österreich war davon betroffen, obwohl wir formal neutral sind. Abhängigkeit wirkt leise, aber konsequent.
Nicht alles ist mein Fachgebiet
Ich bin weder Militärstratege noch Volkswirt. Die detaillierte Analyse von Truppenstärken, Zollmechanismen oder Bündnislogiken überlasse ich jenen, die das professionell tun. Und davon gibt es in Europa viele hervorragende Köpfe. Ökonomen, Diplomaten, Militärs, die genau wissen, wie man in einer multipolaren Welt agiert.
Was ich aber sehr genau kenne, ist jene Technologie, die all diese Bereiche gleichzeitig durchdringt und verstärkt. Eine Technologie, die Abhängigkeiten nicht nur sichtbar macht, sondern potenziert. Und genau diese Technologie ist im politischen Wirbel rund um Davos fast untergegangen.
Die unsichtbare Macht im Hintergrund
Künstliche Intelligenz ist keine App und kein Spielzeug. Sie ist eine Basistechnologie, die sich in alle Systeme einbettet, die unseren Alltag tragen. Verwaltung, Medizin, Industrie, Medien, Sicherheit. Überall dort, wo Entscheidungen vorbereitet, priorisiert oder automatisiert werden, spielt KI inzwischen eine zentrale Rolle.
In Davos haben die großen Tech-Unternehmen das erstaunlich offen angesprochen. Nicht euphorisch, nicht werbend, sondern nüchtern. KI wird Arbeitsmärkte verändern, und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Besonders Tätigkeiten, auf denen ganze Mittelschichten aufgebaut sind: Büroarbeit, Analyse, Verwaltung, Einstiegsposten. Gleichzeitig wurden Produktivitätsgewinne von zehn bis zwanzig Prozent genannt, sobald KI breit eingesetzt wird. Das klingt nach Fortschritt, bedeutet aber auch: weniger Menschen für denselben Output.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer. KI ist Infrastruktur. So wie Stromnetze oder Verkehrswege. Und Infrastruktur folgt einer klaren Logik: Wer sie kontrolliert, setzt die Regeln.
Daten sind Macht
Jeder KI-Aufruf erzeugt Daten. Milliarden davon, Tag für Tag. Diese Daten zeigen, wie Menschen denken, was sie fragen, wovor sie Angst haben und wie sie Entscheidungen treffen. Wer diese Daten kontrolliert, kann Meinungen beeinflussen, Märkte steuern, politische Narrative setzen und Systeme optimieren, vom Marketing bis zum Militär.
Europa hat diesen Fehler schon einmal gemacht. Bei Social Media wurden wir zum Konsumentenmarkt. Amerikanische Plattformen verdienten Milliarden mit europäischen Daten und bauten damit wirtschaftliche und politische Macht auf. KI geht noch einen Schritt weiter. Sie beeinflusst nicht nur Kommunikation, sondern Entscheidungen in kritischen Infrastrukturen.
Hinzu kommt eine Frage, die oft zu abstrakt behandelt wird: Werte. KI ist nicht neutral. Sie wird trainiert, mit Daten, Regeln und Prioritäten. Die entscheidende Frage lautet daher: Nach wessen Werten funktioniert sie? Nach unseren oder nach jenen, die sie betreiben?
Europas nächste Entscheidung
Europa kann es sich nicht leisten, hier eine weitere Abhängigkeit aufzubauen. Nicht bei einer Technologie, die alle anderen Bereiche durchdringt. Es geht nicht darum, Innovation zu bremsen oder sich abzuschotten. Es geht darum, handlungsfähig zu bleiben.
Eigene Infrastruktur, eigene Systeme in sensiblen Bereichen und eine klare strategische Ausrichtung sind keine ideologischen Forderungen, sondern nüchterne Notwendigkeiten. Wer in dieser neuen Weltordnung am Tisch sitzen will, muss mehr können, als Regeln zu schreiben. Er muss auch bauen.
Am Ende bleibt Verantwortung
Europa hat hervorragende Forscher, starke Unternehmen und klare Werte. Österreich hat kluge Köpfe, Innovationskraft und eine lange Tradition, Brücken zu bauen. Diese Stärken müssen wir nutzen, auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
Ich selbst versuche, mit meiner Forschung, mit meinem KI-Unternehmen und mit meinen Kolumnen einen Beitrag dazu zu leisten, Österreich und Europa technologisch zu stärken und verständlich einzuordnen, was hier gerade passiert.
Denn eines hat Davos 2026 deutlich gezeigt: Der Tisch wird kleiner. Und wer nicht rechtzeitig Platz nimmt, landet nicht daneben, sondern auf der Speisekarte.
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