Raphael Suchomel: Europa schafft Innovation systematisch ab
Ein Österreicher ist gerade für den größten KI-Hype seit ChatGPT verantwortlich. Im Silicon Valley stehen Venture-Capital-Firmen und Big-Tech-Konzerne bei ihm Schlange, während man sich in Österreich und Europa offensichtlich nicht zuständig fühlt. Dieser Fall steht sinnbildlich für ein tiefgehendes technologisches Problem Europas.
Ich wollte über OpenClaw, dieses neue Open-Source-Tool, das ein österreichischer Entwickler programmiert hat, ohnehin schreiben. Nicht nur, weil es von einem Österreicher stammt, was natürlich ein zusätzlicher Pluspunkt ist, sondern vor allem, weil es gerade den größten Hype in der KI-Welt ausgelöst hat, seit ChatGPT veröffentlicht wurde. Das allein wäre Grund genug für eine Kolumne. Was mich allerdings wirklich wütend gemacht hat und diese Geschichte auf eine ganz andere Ebene hebt, ist der heimische Umgang mit diesem Entwickler.
Willkommen in der Welt der KI Agenten
Seit ChatGPT hat es kaum ein Projekt gegeben, das die KI-Szene so elektrisiert hat wie OpenClaw. Der Grund dafür ist nicht Marketing, sondern ein echter technologischer Sprung. Wir erleben gerade den Übergang von klassischen Chatbots zu sogenannten KI-Agenten.
Ein Chatbot beantwortet Fragen. Ein KI-Agent erledigt Aufgaben. Er greift auf Programme zu, verarbeitet Dateien, automatisiert Abläufe und stößt Prozesse an. Für Menschen ohne Technikbezug gesagt: Künstliche Intelligenz hört auf, nur ein Gesprächspartner zu sein, und wird zu einem digitalen Mitarbeiter. Genau das verändert Produktivität, Organisationen und ganze Branchen.
Es ist wichtig, das einzuordnen. KI-Agenten gab es auch davor schon. Neu ist nicht das Konzept an sich, sondern das Niveau, auf dem OpenClaw es umsetzt. Offen, flexibel, lokal betreibbar und so gebaut, dass Entwickler es unmittelbar in reale Arbeitsabläufe integrieren können. Das ist der Grund, warum dieses Projekt gerade überall diskutiert wird.
Wer hinter OpenClaw steht
Hinter OpenClaw steht Peter Steinberger. Ein österreichischer Entwickler. Kein Konzern. Kein staatliches Förderprojekt. Kein großes Team. Sondern jemand, der dieses System als Open-Source-Projekt programmiert hat.
Dass Peter Steinberger mit einem solchen Freizeitprojekt gerade zum größten Shootingstar der KI-Szene wird, ist bemerkenswert. Dass sich das Silicon Valley dafür interessiert, ist die logische Konsequenz. Dort erkennt man sehr schnell, wenn etwas technologisch relevant ist. Dass Europa darauf kaum reagiert, ist leider ebenfalls logisch, wenn man sich unsere bisherigen Muster ansieht.
Das ORF-Interview als Symbol
Um eines klarzustellen: Dass der Entwickler aktuell in San Francisco ist und dort Gespräche mit Investoren und Technologiekonzernen führt, ist kein Vorwurf. Im Gegenteil. Ich bewundere seine Arbeit sehr, und wäre ich in seiner Position, würde ich genau dasselbe tun. Wer möchte, dass ein Projekt wächst, weiterentwickelt wird und Wirkung entfaltet, geht dorthin, wo Kapital, Netzwerke und Geschwindigkeit vorhanden sind.
Was mich wütend macht, ist nicht sein Schritt, sondern unser Umgang damit. Das ORF-Interview mit ihm hat sehr deutlich aufgezeigt, wo das österreichisch-europäische Problem mit neuer Technologie liegt. Der Fokus lag stark auf der Frage, ob er als Einzelentwickler ethische Bedenken ausreichend berücksichtigen und umsetzen könne. Diese Perspektive ist bezeichnend.
Um das sauber festzuhalten: Er hat natürlich auch Anerkennung bekommen. Aber wenn jemand das größte KI-Thema seit ChatGPT auslöst, dann reicht Anerkennung nicht. Dann müsste alles darangesetzt werden, diese Person in Österreich oder zumindest in Europa zu halten. Dass stattdessen Fragen dominieren wie „Schaffen Sie das ethisch überhaupt?“ und nicht „Was brauchen Sie, um hier weiterzubauen?“, ist ein absoluter Skandal.
Ethik ohne Einfluss bleibt wirkungslos
Ethik, Datenschutz und Verantwortung sind essenziell, gerade bei Künstlicher Intelligenz. Aber sie funktionieren nur dort, wo auch Einfluss besteht. Wer die Technologie nicht baut, nicht finanziert und nicht betreibt, setzt auch keine Standards.
Wenn OpenClaw in den USA skaliert wird, dann werden dort die Maßstäbe gesetzt. Europa kann dann diskutieren, kommentieren und kritisieren, aber nicht gestalten. Genau deshalb ist die Reihenfolge entscheidend. Erst Innovation ermöglichen, dann Verantwortung gemeinsam gestalten. Wer diese Reihenfolge umdreht, verhindert Innovation.
Wir behandeln Entwickler nicht als Gestalter, sondern als potenzielle Gefahrenquelle. Und genau deshalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn diese Entwickler gehen.
Sind KI-Agenten gefährlich?
Natürlich gibt es Risiken. Ein zentrales Stichwort ist Prompt Injection. Das bedeutet vereinfacht, dass eine KI durch gezielt formulierte Eingaben zu unerwünschtem Verhalten gebracht werden kann. Bei Systemen, die handeln, ist das ernst zu nehmen.
Aber genau hier zeigt sich die Stärke dieses Projekts. OpenClaw wird offen entwickelt. Der Code ist einsehbar, überprüfbar und verbesserbar. Sicherheitsprobleme werden nicht verdrängt, sondern sichtbar gemacht und behoben. So entsteht robuste Technologie. Nicht durch Verbote, sondern durch Transparenz und Geschwindigkeit.
Ein europäisches Grundproblem
Das vielleicht Absurde an dieser Geschichte ist, dass OpenClaw kein strategisch geplantes Startup war. Es war ein Nebenprojekt. Ein Freizeitprojekt. Und genau daraus ist der größte KI-Hype seit ChatGPT entstanden.
Währenddessen diskutieren wir in Europa, ob so etwas verantwortbar ist, bevor wir überhaupt darüber sprechen, wie wir es ermöglichen können. Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster.
Europa verliert nicht, weil es keine Talente hat. Europa verliert, weil es Innovation misstraut, bevor es sie versteht. Weil es reguliert, bevor es gestaltet. Und weil es zuschaut, während andere handeln.
Ein Österreicher hat eines der wichtigsten KI-Projekte unserer Zeit gebaut. Dass wir darauf mit Skepsis reagieren, ist kein Zufall. Es ist der Grund, warum Europa technologisch zurückfällt.
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