Alex Todericiu: Die offene Rechnung der Bergpredigt
Was das erste Gipfeltreffen zwischen George W. Bush und Putin über Macht, Angst und Glauben erzählt.
„(…) Was ist wirklich geschehen? Sowjetischer guter Wille hat die Welt verändert, freiwillig. Und Russen gaben tausende von Quadratkilometern Territorium auf, freiwillig. Unerhört. (…) Ich kann mir vorstellen, dass wir Verbündete werden. Nur dringende Notwendigkeit könnte uns dazu bringen, mit anderen verbündet zu sein. Aber wir fühlen uns aus der NATO herausgelassen. Wenn Russland nicht Teil davon ist, fühlt es sich natürlich herausgelassen. Warum wird NATO-Erweiterung benötigt?“ Wladimir Putin, 16.06.2001 – Memorandum of Conversation, The White House, declassified: 22.06.2025
Die Begegnung von Brdo vor 25 Jahren ist ein Lehrstück. Der russische Präsident Wladimir W. Putin, geb. 1952 und sein US-Kollege George W. Bush (2001-2009) trafen sich damals auf Schloss Brdo bei Kranj in Slowenien erstmals zu Gipfelgesprächen. Das Treffen diente vor allem dem Kennenlernen, zeigt jedoch, wie Politik an die Schwelle des Evangeliums tritt – und dann zurückweicht. Für die abendländischen Kirchen ist das ein Anlass zur Buße. Denn auch sie haben oft zu spät gehört, zu leise widersprochen, zu selten den Mut zur Feindesliebe aufgebracht.
Ein Gipfel und sein blinder Fleck
Im Juni 2001 befand sich die Welt im Übergang. Die alte Ordnung war zerfallen, die neue noch ungewiss. Bush und Putin begegneten einander wie zwei Männer, die dasselbe Wort – Vertrauen – gebrauchten, aber Verschiedenes meinten. Putins Sprache kreiste um Ehrlichkeit, Kränkung und den Verlust von Einfluss; um den Schmerz freiwilligen Verzichts und das Verlangen nach Anerkennung. Bush sprach von Partnerschaft, Putin von Ausschluss. Zwei Wahrheiten, die sich sahen, aber nicht berührten. Was damals wie ein diplomatisches Randthema klang, markierte in Wahrheit eine Zeitenwende. Denn Putins Denken war bereits festgelegt.
Liest man dieses Gespräch im Licht der Bergpredigt, wird es mehr als ein diplomatischer Austausch. Es wirkt wie ein kurzer Stillstand der Macht (*). Feindesliebe ist kein politisches Instrument. Sie fragt nicht nach Sicherheit, sondern nach Wahrheit. Nicht nach Recht, sondern nach Umkehr. Staaten können dieses Ethos nicht leben, doch sie können sich von ihm befragen lassen. Die Bergpredigt fordert Macht und Glauben gleichermaßen heraus – in Ost wie West.
Zeitenwende der Kränkung
Putins Worte sind auch eine Klage. Viele Menschen in Russland fühlten sich getäuscht: Freiheit sei versprochen, aber nicht erfahren worden. Diese Klage verdient Gehör. Sie erinnert daran, dass Politik nicht abstrakt bleibt, sondern in Lebensläufe eingreift. Feindesliebe beginnt mit Zuhören.
Doch Klage kann auch umschlagen. Aus Erfahrung wird Deutung, aus Deutung Anspruch. Geschichte erscheint dann als eine Kette freiwilliger, aber unerhörter Verluste – „Quadratkilometern Territorium“. Die Verantwortung wandert zu anonymen Instanzen, Schuld wird historisch verteilt. Die Bergpredigt kennt Klage, aber keine Selbstentlastung. Versöhnung beginnt dort, wo man den eigenen Anteil am Zerbruch nicht ausblendet.
Selbst Putins Angebot von Freundschaft bleibt an Bedingungen gebunden. Russland könne sich als Verbündeten vorstellen, aber nur, wenn es einbezogen werde. Politisch ist das nachvollziehbar, moralisch jedoch begrenzt. Feindesliebe kennt keine Bedingungen.
So blieb das Gespräch von Brdo in der Logik der mächtigen Angst gefangen. Sicherheit bedeutete Einbindung in Machtstrukturen, nicht das Wagnis des Vertrauens. Wenn Politik am Rand des Evangeliums innehält, hat die Literatur diesen Schritt längst gewagt, im Herzen des Menschen.
Jeder für alle schuldig
Ein Spiegel zu diesem politischen Lehrstück findet sich in Fjodor M. Dostojewskis (1821 – 1881) Literatur. Er verlegt die Feindesliebe radikal nach innen. In Die Brüder Karamasow ist sie kein Ideal, sondern ein Kampf um Demut. Der Mönchsälteste Sossima erlebt seine Bekehrung in einem Moment der Beschämung. Als junger Offizier fordert er aus verletztem Stolz einen anderen zum Duell. Am Morgen der Begegnung erkennt er die Leere seiner Ehre. Er tritt vor seinen Gegner und sagt: „Mein Herr, verzeihen Sie mir jungem Dummkopf, dass ich Sie […] gezwungen habe, auf mich zu schießen. Ich bin zehnmal schlechter als Sie.“ Der Konflikt endet nicht durch Sieg, sondern durch Selbsterniedrigung. Später lehrt Sossima, jeder Mensch sei für alle schuldig – nicht juristisch, sondern geistlich.
Leo (Lew) N. Tolstoi (1828 – 1910) zieht aus der Bergpredigt eine ebenso radikale Konsequenz. In Worin besteht mein Glaube? erklärt er die Feindesliebe zum Zentrum des Christentums. Kein Widerstand mit Gewalt, kein Rückgriff auf staatliche Macht – wer die Bergpredigt ernst nimmt, verzichtet auf Gewalt, selbst um den Preis der eigenen Sicherheit. Kaum jemand, der in den 70er in Russland aufgewachsen ist, dürfte Tolstoi nicht gelesen haben. Putin absolvierte 1975 sein Jurastudium an der Universität in Leningrad, heute Sankt Petersburg.
Nikolai W. Gogol (1809 – 1852) schließlich weitet den Blick. Für ihn ersetzen Vergebung und Umarmung Rache und Zwietracht. Er knüpft an das Ideal der Bratoljubie, der Bruderliebe, an. Ein wahrhaft christliches Volk, so Gogol, kennt keinen unversöhnlichen Hass. Christus selbst habe dieses Prinzip in die slawische Seele gelegt.
Diese literarischen Stimmen dienen nicht der Beschreibung einer kollektiven Identität, sondern der Konfrontation von Macht mit einem moralischen Maßstab.
Ein Hauch von Wahrhaftigkeit
Dostojewski, Tolstoi und Gogol stehen im Regal eines jeden Russen. Vielleicht wirken sie auch nur im Hintergrund. Doch sie sind da. So zeigt sich, was im Gespräch zwischen Putin und Bush, geführt in Anwesenheit von Condoleezza Rice, Assistant for National Security Affairs und spätere Außenministerin, fehlte. Nicht Klugheit, nicht historisches Bewusstsein, auch nicht profunde Literaturkenntnisse – “Condi” Rice unterrichtet in der Stanford Universität –, sondern der Mut zur inneren Umkehr.
Gelungener Dialog, keine bloße Technik
Feindesliebe kann keinen Frieden erzwingen, sie unterbricht nur für einen Atemzug die Bewegung der Macht. Vielleicht genügt schon dieser Atemzug, damit etwas sichtbar wird: ein stiller, flüchtiger Moment von Wahrhaftigkeit, bevor alles wieder weiterläuft, wie es muss, auf beiden Seiten.
(*) Die Lesart der Bergpredigt als „Stillstand der Macht“ verdanke ich einer Anregung von Herrn Matthias Beck, Universitätsprofessor für Moraltheologie, Buchautor sowie römisch-katholischer Priester und Pfarrer in Wien-Margareten.
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