Stellen wir uns einen jungen Syrer vor. 2012 flieht er als Teenager vor dem Bürgerkrieg in den Libanon – einen Staat, nicht ganz so groß wie Tirol, der dennoch mehr als eine Million syrische Flüchtlinge aufgenommen hat. Gefangen im politischen und sozialen Niemandsland radikalisiert sich der junge Mann ideologisch. Seine Brüder schließen sich dem „Islamischen Staat“ an, er selbst nicht – zumindest nicht nachweisbar.

Jahre später gelten er und seine Familie in Nordostsyrien als zum „IS-Umfeld“ gehörend. Kurdische Kräfte führen Razzien durch. Der Mann flieht weiter – diesmal nach Europa, wo er in das Asylsystem gerät. Nach der neuen Syrien-Leitlinie der Asylagentur der Europäischen Union gilt sein Fall als typisch schutzwürdig. Denn bei Personen mit zugeschriebenen IS-Bezügen wird „im Allgemeinen“ eine „begründete Furcht vor Verfolgung“ angenommen.

Und jetzt die bittere Pointe: Der gleiche Mann ist bei einem Massaker an Christen anwesend. Er greift nicht ein. Er teilt die Ideologie. Aber er ist als aktiver Täter juristisch kaum zu fassen. Im Asylverfahren kann er damit leichter weiterkommen als die betroffenen Christen. Die scheitern oft schon an der ersten Hürde.

Dieses Szenario ist nicht abwegig. Es folgt logisch aus einer neuen EU-Leitlinie – und es darf niemanden wundern, wenn sich solche Konstellationen in der Praxis häufen.

Die neue EU-Asyl-Logik – und ihr Kernproblem

Die im Dezember 2025 veröffentlichte Syrien-Leitlinie der Asylagentur der Europäischen Union (EUAA) ist kein Gesetz, prägt aber die Praxis in allen Mitgliedstaaten. Ihr Kern: Für Personen mit zugeschriebenen IS-Bezügen wird Verfolgungsgefahr grundsätzlich angenommen. Für Christen gilt: Verfolgung komme selten vor, eine begründete Furcht nur noch in Ausnahmefällen.

Begründung der EUAA: IS-nahe Personen geraten ins Visier kurdisch geführter SDF und syrischer Sicherheitsdienste, ihnen drohen Massenrazzien, willkürliche Haft, Misshandlungen. Zwischen März und Mai 2025 habe es sogar Hausdurchsuchungen unter dem Vorwand der IS-Bekämpfung gegeben. Bei Christen heißt es hingegen: Ja, es gebe Vorfälle – aber insgesamt sei Verfolgung selten.

Das Dokument zeigt ein Asylsystem, das moralisch sauber klingt, aber praktisch kollabiert. Hier beginnen zahlreiche Einwände, die von der EUAA ausgeblendet werden.

Terrornähe ist kaum sauber beweisbar – das System ist überfordert

Die EUAA hält zwar fest, es gehe um Personen, denen Terrorismus nur zugeschrieben werde – also nicht um nachweisliche IS-Täter. Nur: Genau hier liegt das praktische Problem. Gerichtsfeste Beweise für Beteiligung an Terror sind selbst bei Verdächtigen oft kaum zu erbringen.

IS-Verfahren in Europa zeigen das seit Jahren: Beweise aus Kriegsgebieten sind schwer zu beschaffen, Zeugenaussagen brüchig, Ermittlungen extrem aufwändig. Wer Täter, Mitläufer oder bloß „Umfeld“ war, lässt sich in vielen Fällen nur mit enormem Ressourceneinsatz klären. Asylbehörden sind damit schlicht überfordert.

Das Prinzip „Nachbarstaat zuerst“ wird politisch verdrängt

Vernünftigerweise sollten politisch Verfolgte Schutz im Nachbarstaat suchen, der auch primär zuständig ist. Dann blieben ihnen unsichere Flüchtlingssrouten erspart, und wenn sich die Lage im Herkunftsland geändert hat, könnten sie wieder zurück. Tatsächlich haben die EU und Angela Merkel vor 2015 regionale Hilfe für Syriens betroffene Nachbarländer komplett vernachlässigt. Libanon, Jordanien und die Türkei mussten die Hauptlast tragen.

Gezielte Hilfe vor Ort wäre billiger, humaner und wirksamer gewesen. Stattdessen ließ Europa die Lage eskalieren – und zahlt seither doppelt: finanziell und gesellschaftlich. Heute gilt faktisch: Wer es nach Europa schafft und Verfolgung plausibel macht, bleibt im System, er muss nur einen Asylantrag stellen.

Das System belohnt gefährliche Routen und überfordert Behörden

Heute entscheidet nicht Schutzbedürftigkeit, sondern Durchsetzungsfähigkeit. Wer Schlepper bezahlt und überlebt, steht im Verfahren. Ob er wirklich schutzwürdig ist, sollen überlastete Behörden klären. Genau diese Behörden sollen dann unterscheiden, ob jemand „nur Familie“, „nur Umfeld“ – oder doch Täter aus den Reihen IS ist. Viel Erfolg!

Das überfordert die staatliche Kapazitäten. Hunderttausende Asylanträge bedeuten nicht nur Druck auf Schulen und Spitäler, sondern vor allem auf Justiz, Gerichte, Staatsanwaltschaften, Haftplätze. Darüber wird kaum gesprochen. Aber Kapazität ist real. Und endlich.

Aufnahme ja – aber gezielt, freiwillig, kontingentiert

Hilfe ist möglich. Aber nicht als universelle Pflicht eines Staates, dessen Ressourcen nun einmal begrenzt sind. Sinnvoll wären staatlich festgelegte Aufnahmekontingente, die aufwändige Asylverfahren in Österreich überflüssig machten. Bevor irgendjemand herkommt, entscheidet der Staat, wen und wie viele Flüchtlinge er aufnimmt.

Ebenso sinnvoll sind Hilfe vor Ort und konsequente Rückführungen, sobald kein Schutzgrund mehr vorliegt. Alles andere bleibt ein Dauerprovisorium.

Asyl abseits von Geopolitik?

m Kalten Krieg waren Flüchtlinge aus dem Ostblock willkommen – als Verfolgte des Kommunismus. Heute blendet Europa Geopolitik aus – mit absurden Folgen: Die Kurden kämpfen gegen den IS – im Interesse des Westens. Der IS ist der Feind Europas. Doch am Ende wird „IS-Umfeld“ zum Schutzargument wegen Verfolgung durch kurdische Kräfte. Das ist nicht nur paradox – das ist politischer Sprengstoff.

Kann man Ideologie einfach ausblenden?

Das System tut so, als seien alle Schutzsuchenden ideologisch neutral. Was ausgeblendet wird: Unter ihnen sind auch jene, die vor Islamisten geflohen sind. Wer vom IS Verfolgte ebenso importiert wie Personen aus dem IS-Umfeld, ohne ideologische Trennschärfe, schafft Spannungen und Parallelmilieus – im Extremfall das Echo des Bürgerkriegs. Das ist Asyl ohne Sicherheits- und Ideologieprüfung.

Europa muss umdenken

Die EUAA-Leitlinie offenbart ein Asylsystem, das Kapazitäten ignoriert, Schlepper belohnt, moralische Paradoxien erzeugt.

Brüssel muss den Weg der universellen Pflicht verlassen. Regionale Hilfe, klare Kontingenten, realistische Verfahren wären sinnvoll (gewesen), und dazu die Ehrlichkeit, dass der Staat nicht für alle alles leisten kann. Alles andere ist organisierte Überforderung.