Stefan Beig: Glamour in Kitzbühel – Bablers Klassenkampf im VIP-Bereich
Andreas Babler posiert in Kitzbühel mit Arnold Schwarzenegger. Er spricht von Klima, Charity und Wirtschaftsstandort – doch das Foto erzählt eine andere Geschichte: Der Klassenkämpfer posiert im VIP-Bereich der High Society. Bei näherem Hinsehen ist diese Selbstinszenierung ein Eigentor.
Andreas Babler postet auf Facebook ein Foto mit Arnold Schwarzenegger – und dazu einen Text, der alles zugleich sein will: Hahnenkamm, Kitzbühel, Weltklasse, Charity, Klima, Wirtschaftsstandort, Arbeitsplätze.
„Ein Österreicher, der in die Geschichte eingegangen ist“, schwärmt der rote Vizekanzler. Er preist Schwarzeneggers „mahnende Worte an Donald Trump“, seine „laute Stimme“ gegen die Erderhitzung und Arnolds Charity-Auktion: 1,3 Millionen Euro für Klimaschutz. Das Hahnenkamm-Rennen sei ein globales Volksfest, das den Standort stärke.
Nach all dem Promi-Glanz bedankt sich Babler für den „Austausch“. Über Energiepreise? Über Inflation? Über Wohnkosten? Wohl eher nicht.
Polit-Kosmetik mit dem falschen Make-Up
Babler liefert politische Kosmetik mit dem falschen Make-up. Sonst spielt er den Klassenkämpfer – doch dann macht er ein VIP-Selfie.
Ein Fehlgriff.
Damit entlarvt er seine sozialistische Rhetorik als Requisite.
Den Einwand scheinbar vorwegnehmend schreibt der SPÖ-Chef: „Und vergessen wir nicht, wie viele Menschen hinter den Kulissen Tag und Nacht ihr Bestes geben, um dieses Riesenevent auf die Beine zu stellen.“ Dann hätte er sich mit ihnen abbilden lassen sollen. Das wäre stimmig gewesen.
Doch in Wahrheit zieht es ihn lieber in die High Society der Superreichen. Genau das verrät dieses Posting – und es passt so gar nicht zu den marxistischen Etiketten und der Klassenkampf-Rhetorik gegen „die da oben“, derer sich Babler bisher so gern bedient hat.
Man kann nicht alles auf einmal sein
Wir kennen dieses Spiel längst auswendig: Sein und Schein, Pose und Moralgerede – die Heuchelei der High Society. Auch der Vizekanzler gehört dazu. Man fühlt sich an Ferdinand Raimunds Kammerdiener Wolf aus „Der Verschwender“ erinnert, der trocken festhielt:
„Die Natur hat mir nur eine starke Gallenblase gegeben,
die nicht zerplatzt ist bei all dem Unsinn,
den ich seit fünf Jahren in diesem Haus hab sehen müssen.
Aber die Klugheit hat mich lächeln gelehrt.
Oh, es ist eine große Sache um das Lächeln!
Wie viele Menschen haben sich ihr Glück erlächelt.“
Wolf ist kein guter Mensch. Aber er ist der einzige im Stück, der das Spiel durchschaut. Und genau dieses Gefühl hat man auch hier: Wir haben es längst kapiert. Es geht nicht um Klassenkampf. Nicht um soziale Gerechtigkeit. Nicht um Industriepolitik. Es geht um das High-Life. So wie bei allen anderen auch.
Kreisky hatte wenigstens noch ein Fundament
Bruno Kreisky war ein Meister der Inszenierung. Er verstand Bildsprache, Symbolik, politische Choreografie. Der Vergleich ist auch unfair, denn Kreisky hatte etwas, das Babler fehlt: realen wirtschaftlichen Rückenwind.
Der Wirtschaftsboom der 1960er- und frühen 1970er-Jahre trug seine Politik. Die verstaatlichte Industrie lief. Die Beschäftigung war hoch. Das Wachstum finanzierte die Versprechen. Kreisky konnte sich in Werkshallen fotografieren lassen, nicht in Luxus-Lounges. Er konnte mit Arbeitern posieren, nicht mit Multimillionären. Und das wirkte nicht wie PR, sondern wie visuelle Beweisführung für seine Linie.
Solange der Boom lief, ging diese Rechnung auf. Als der Rückenwind nachließ – und ein durchaus talentierter Finanzminister gehen musste –, war auch Kreisky ratlos. In den 1980er-Jahren geriet die Verstaatlichte in die Krise: Viele Betriebe waren strukturell nicht mehr konkurrenzfähig, die Defizite explodierten. Auch Kreisky hatte darauf keine Antworten mehr. Er trat 1983 zurück. Seine große Erzählung trug nicht mehr.
Selbst die alte sozialdemokratische Inszenierung funktionierte nur so lange, wie sie von realem Wachstum getragen wurde.
Auch Stalin wusste, wie Marketing im Kapitalismus funktioniert
Die linke Ideologie bestand den Reality-Check nie. Sie litt immer unter dem Widerspruch, dass nur die freie Marktwirtschaft den Wohlstand der Menschen steigert – und dass ein vermeintlich kalter Industriekapitalismus Luxuswaren früher oder später zu Massenwaren macht. Doch von Inszenierung verstand sie früher mehr.
Der deutsch-russische Kulturphilosoph Boris Groys schilderte einmal in Die Zeit eine treffende Szene, die sich in der Sowjetunion zutrug:
„In den dreißiger Jahren sollte in einer der zahlreichen Datschen Stalins ein Sitzungssaal für angereiste Parteifunktionäre eingerichtet werden. Der Innenarchitekt schlug vor, die Sessel mit echtem Leder zu beziehen.
Stalin war unzufrieden: Ein Bolschewik sitzt doch nicht wie ein Bourgeois auf echtem Leder! Vielmehr solle Lederimitat verwendet werden, um die kommunistische Bescheidenheit zu unterstreichen.
Den Einwand des Architekten, in Russland koste echtes Leder viel weniger als Imitat, das man für teure Devisen aus dem Westen importieren müsse, wischte Stalin weg: Für den Lifestyle der kommunistischen Bescheidenheit dürften keine Ausgaben gescheut werden.“
Stalins Ansatz entlarvt zwar die unauflöslichen Widersprüche des theoretischen und des realen Sozialismus. Aber immerhin: Die Symbolik war in sich stimmig. Der Unterschied zu heute: Nicht einmal die Pose passt mehr zur Erzählung. Ein Selfie mit einem Multimillionär taugt nicht, um mit sozialer Bodenhaftung zu punkten – und ebenso wenig taugt eine Charity-Gala, um Wirtschaftskompetenz zu simulieren. Dass sich Klimarhetorik nicht mit Arbeiterromantik verknüpfen lässt, ist einer der uneingestandenen inneren Widersprüche, unter denen die Sozialdemokratie nach wie vor leidet.
Kreisky verkaufte Schulden für Jobs. Babler verkauft Selfies für Likes. Ein Fortschritt ist das nicht.
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