Österreich steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise – der längsten seit 1945. Der Abschwung begann Mitte 2022, spätestens seit 2023 hält eine schmerzhafte Rezession das Land fest im Griff. 2023 schrumpfte das BIP um 0,8 Prozent, 2024 nochmals um 0,7 Prozent. Und selbst für 2025 rechnet das WIFO nur noch mit Stagnation.

Die Ausrede im Regierungspapier

Die Regierung liefert dafür im Ergebnispapier der Arbeitsklausur eine Erklärung – oder besser gesagt: ein Alibi. Schuld seien „unvorhersehbare globale Herausforderungen“. Genannt werden der russische Angriffskrieg, steigende Energiepreise, geopolitische Unsicherheit und deren „nationale Implikationen“ für eine offene, exportorientierte Volkswirtschaft wie Österreich.

Wie praktisch. Dann muss niemand erklären, warum Österreich bei Kosten und Abgaben seit Jahren zur europäischen Spitze zählt. Und warum Reformen immer wieder vertagt werden.

Krise ist der Stresstest

Bei näherer Betrachtung ist das Realitätsverdrängung. Dass Österreich im EU-Vergleich beim Wachstum Schlusslicht ist, hat es sich nicht vom Weltgeschehen aufzwingen lassen – das ist hausgemacht. Denn Krisen sind kein gottgegebenes Schicksal. Sie sind der Moment der Wahrheit. Dann zeigt sich, ob Politik führt – oder nur erklärt.

Wachstum: Warum Österreich nicht hochkommt

Im EU-Vergleich trägt Österreich in der Zwischenzeit die „rote Laterne“: Das reale BIP pro Kopf ist seit 2019 um rund 1,7 Prozent gesunken, während andere Staaten diese Phase deutlich besser überstanden haben. Auch sie leben mit Krieg, Energiekrise und geopolitischer Unsicherheit. Der Unterschied: Sie kommen schneller wieder hoch. Österreich nicht.

Und das hat Gründe, die man nicht nach Moskau oder in die Weltpolitik auslagern kann.

Abgabenrekord: Der Standort wird abgewürgt

Österreich ist nicht nur teuer – es ist strukturell überladen. Bei Steuern und Sozialbeiträgen lag die Quote 2024 bei 43,8 Prozent des BIP: EU-Spitzengruppe. Mehr noch: Gemessen an der schwachen Wirtschaftsleistung leistet sich Österreich mittlerweile den teuersten Sozialstaat der OECD, womöglich der Welt.

Wer so viel aus Arbeit und Wertschöpfung herauszieht, darf sich nicht wundern, wenn Investitionen ausbleiben und der Standort an Tempo verliert.

Teurer arbeiten, ohne mehr zu leisten

Besonders fatal: Arbeit wird immer teurer, bringt aber kaum mehr Ertrag.

Seit 2016 sind die Kosten pro produzierter Einheit (Lohnstückkosten) um 34,6 Prozent gestiegen. Die Leistung pro Kopf (Arbeitsproduktivität) wuchs im selben Zeitraum aber nur um 5,1 Prozent – 2023 und 2024 ging sie sogar zurück.

Übersetzt: Wir zahlen deutlich mehr, bekommen aber nicht mehr heraus. So preist sich Österreich schleichend aus dem Markt – vor allem gegenüber Deutschland, wo die Kosten deutlich langsamer steigen.

Ranking-Absturz: Wettbewerbsfähigkeit im Sinkflug

Die Folgen zeigen sich längst in den Rankings. Im Competitiveness Index von EcoAustria fiel Österreich innerhalb von nur zwei Jahren von Platz 14 auf Platz 20 zurück. Exporte, Investitionen und Produktivität schwächeln gleichzeitig. Bleibt es beim Status quo, droht eine schleichende Deindustrialisierung.

Insolvenzen rauf, Gründungen zu schwach

Auch die Unternehmenslandschaft kippt: Die Insolvenzen steigen, während zu wenige neue, innovative Betriebe nachkommen. Im ersten Halbjahr 2025 mussten bereits 3.491 Unternehmen Insolvenz anmelden – im Schnitt 19 pro Tag. Für 2025 zeichnet sich mit 6.857 Pleiten ein Rekordniveau ab.

Selbst dort, wo es erstmals wieder zarte Lichtblicke gibt – etwa in der Industrie –, bleibt die Lage fragil: Nach drei Jahren im Minus reicht ein kurzer Ausschlag nach oben nicht für eine nachhaltige Erholung.

Teuerung: Warum Österreich aus dem Rahmen fällt

Auch bei der Teuerung fällt Österreich negativ auf. Viele EU-Länder bekamen die Inflation schneller in den Griff, EU-weit lag sie im November 2025 bei 2,4 Prozent. In Österreich blieb sie hartnäckiger hoch bei 4 Prozent. Bleiben Preise hoch, wird jede Lohnrunde zum Brandbeschleuniger – und Planungssicherheit zur Illusion.

Goodies heizen an – Angebot bleibt hinten

Dazu beigetragen hat nicht nur die Weltlage, sondern auch die politische Reaktion. Mit immer neuen Boni, Beihilfen und Nachfrage-Anreizen wurden die Menschen entlastet, während die Angebotsseite kaum gestärkt wurde. Ergebnis: mehr Geld jagt zu wenige Leistungen.

Defizitfalle: Milliardenloch statt Strukturreform

Und dann das Budget. 2024 lag das staatliche Defizit bei 4,7 Prozent des BIP – rund 22,5 Milliarden Euro. Der Fiskalrat rechnet auch für 2025 und 2026 mit Defiziten von mehr als vier Prozent. Den aktuellen Budgetpfad nennt er eine „lasche Vorgabe“.

Bleibt alles wie bisher, droht bis 2029 eine Staatsschuldenquote von 87,7 Prozent. Fiskalrats-Chef Christoph Badelt fordert daher eine konsequente Konsolidierung – mit Fokus auf die Ausgabenseite und echte Strukturreformen bei Pensionen, Gesundheit und Förderungen.

Moment der Wahrheit: Verwaltet statt gestaltet

Auffällig ist nicht nur, dass die Krisen weltweit gleichzeitig zuschlagen – auffällig ist auch, wie schlecht Österreich darin abschneidet. Der Verdacht ist unangenehm, aber naheliegend: Österreichs Wohlstand lebte lange vom Rückenwind, von Weltkonjunktur – und vom Erbe früherer Reformen.

Die Jahre der Regierungen Gusenbauer und Faymann waren nicht die des großen Reformfurors – extrem höflich formuliert. Und doch blieb der Wohlstand lange stabil. Das spricht weniger für politische Genialität als für ein System, das vom generellen Wirtschaftswachstum und vom Reform-Erbe lebte. Der Vergleich mit Deutschland drängt sich auf: Wie Angela Merkel jahrelang von Gerhard Schröders Reformen profitierte, profitierte Österreich lange von den Reformen der Regierungen Schüssel I und II. Verwaltet wurde viel. Gestaltet wenig.

Heute beginnt das Problem dort, wo Politik gestalten müsste: bei Abgaben, Kosten, Tempo und Bürokratie – und bei einem Staat, der immer teurer wird, während das Wachstum ausbleibt. „Globale Herausforderungen“ sind kein Schicksal. Sie sind der Stresstest – und Österreich fällt durch.