Stefan Beig: Marco Rubios Warnung an Europa: Schluss mit den Illusionen
Alle reden über den Ton. Kaum jemand über den Kern. Marco Rubio hielt in München keine Gefühlsrede, sondern eine Diagnose – und ein Gegenrezept. Genau darüber wird zu wenig gesprochen. Worum es wirklich geht, lesen Sie hier.
Nach Marco Rubios Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz wurde viel über den Tonfall, das gestörte Vertrauen, Donald Trump und über transatlantische Empfindlichkeiten gesprochen. „Freundlich im Ton, hart in der Sache“, schrieb die Welt. „Freundschaft – aber zu Trumps Bedingungen.“
Die Zeit meinte, die USA wünschten sich „Partner, die sich völlig unterwerfen“. Das Handelsblatt sprach vom verspielteten Vertrauen, t-online von einer „elegant verpackten, ideologischen Kampfansage“.
Der Tenor: Entwarnung light. Die USA bleiben im Bündnis – aber zu eigenen Bedingungen. Sie übten weiterhin Druck aus, halt sanft – und bei den Europäern bleibt viel Skepsis. Nur eines wird kaum diskutiert: Worum es inhaltlich eigentlich ging. Denn Rubio hielt keine Stimmungsrede. Er stellte eine Diagnose, und lieferte ein Rezept.
Die Diagnose: Das Zeitalter der Illusionen
Rubios Kernthese ist historisch angelegt – und radikal. Nach 1989, sagte er, sei der Westen in eine „gefährliche Selbsttäuschung“ geraten. Man habe geglaubt, das „Ende der Geschichte“ erreicht zu haben. Dass jede Nation zur liberalen Demokratie werde. Dass Handel nationale Interessen ersetze. Dass eine „regelbasierte Ordnung“ Machtpolitik überflüssig mache. Dass wir künftig „in einer Welt ohne Grenzen leben würden“.
Diese Täuschung ignoriere „die menschliche Natur“ und „mehr als 5000 Jahre aufgezeichneter Menschheitsgeschichte“. Und sie habe „uns teuer zu stehen kommen lassen“. Mit anderen Worten: Es herrschten Illusionen statt Realismus, Moral statt Macht, Regeln statt Stärke. Rubio sagt nicht: Europa hat versagt. Er sagt: Wir lagen falsch – die USA und Europa. Das ist westliche Selbstkritik – keine transatlantische Abrechnung.
Verhängnisvolle Irrtümer
Rubio bleibt nicht abstrakt. Durch Fehlannahmen entstand eine Allianz, die „durch Angst in Untätigkeit gelähmt ist – Angst vor Klimawandel, Angst vor Krieg, Angst vor Technologie“. Der Glaube an eine Welt „ohne Grenzen“, in der jeder „Weltbürger“ sei „töricht“. Der Westen habe es seinen Gegnern ermöglicht, sich „hinter Abstraktionen des Völkerrechts zu verstecken, das sie selbst regelmäßig verletzen“. Auch Freihandel brauche Kontrolle: Man müsse „die Kontrolle über unsere eigenen Industrien und Lieferketten zurückgewinnen“.
Kein „gemanagter Niedergang“ mehr
Rubio formuliert es drastisch: So zerstöre der Westen sich selbst. Und: Die USA hätten „kein Interesse daran, höfliche und ordentliche Verwalter eines ‚gemanagten Niedergangs des Westens‘ zu sein“. Er spricht von einem „Unbehagen aus Hoffnungslosigkeit und Selbstzufriedenheit“. Doch „dieser Niedergang war eine Wahl.“
Er zählt die Folgen auf – implizit und explizit: Deindustrialisierung, Strategische Erpressbarkeit, militärische Defizite, innere Destabilisierung, Kontrollverlust. Er fragt: „Was genau verteidigen wir? Denn Armeen kämpfen nicht für etwas Abstraktes. Armeen kämpfen für ein Volk. Armeen kämpfen für eine Nation. Armeen kämpfen für eine Lebensweise.“
Das Gegenrezept: Stärke vor Sentimentalität
Rubio bleibt nicht bei der Diagnose. Es gehe darum, „eine große Zivilisation“ zu sein, „die stets Herrin ihres eigenen wirtschaftlichen und politischen Schicksals sein will.“. Es gehe um Selbstbehauptung: „Unter Präsident Trump werden die Vereinigten Staaten … die Aufgabe der Erneuerung und Wiederherstellung übernehmen.“ Und weiter: „Auch wenn wir, falls nötig, bereit sind, dies allein zu tun, ist es unsere Präferenz … es gemeinsam mit Ihnen zu tun.“
Sein Programm: Industrie zurückholen, Lieferketten sichern, in neuen Schlüsseltechnologien dominieren, Verteidigungsfähigkeit stärken. Souveränität zurückgewinnen. „Gemeinsam können wir ein neues westliches Jahrhundert bauen.“ Und er macht klar: „Wir wollen nicht, dass unsere Verbündeten schwach sind – denn das macht uns schwächer.“ Ein starkes Europa ist Partner. Ein schwaches Europa ist Risiko.
Die eigentliche Frage
Die Debatte kreist um Stil. Aber die Kernfrage lautet: War das Post-1989-Projekt ein Irrtum? Ist Energiepolitik ohne Wettbewerbsfähigkeit tragfähig? Sind offene Grenzen ohne Kontrolle stabil? Ist Freihandel ohne Geopolitik verantwortbar? Kann ein Westen ohne industrielle Basis seine Werte verteidigen?
Rubio sagt: „Dieser Niedergang war eine Wahl.“ Man kann widersprechen. Man kann es widerlegen. Aber man sollte es diskutieren. Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger über „Trumps Bedingungen“ zu schreiben – und mehr über die Bedingungen von Stärke. Denn Rubio sprach nicht über Unterwerfung. Er sprach über Überlebensfähigkeit. Und genau darum geht es.
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