Die Debatte ist zurück, weil Donald Trump Europas Zurückhaltung im Iran-Krieg als Illoyalität brandmarkt. Damit ist das Gedankenexperiment einer NATO ohne USA nicht länger bloß Theorie. Es legt überdies Europas eigentliche Schwäche frei: Es fehlen nicht zuerst Panzer, sondern jene Fähigkeiten, ohne die moderne Kriegsführung gar nicht funktioniert.

Die erste europäische Lücke heißt Aufklärung – also Vernetzung, Echtzeitkommunikation und Weltraumzugang. Genau hier sieht das Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien im Fall eines amerikanischen Ausfalls die heikelste Leerstelle.

Augen, Daten, Orbit

Das Problem beginnt im All. Europa brachte es 2025 bei den Orbitalstarts nur auf eine einstellige Zahl. Allein die Falcon 9 von SpaceX kam im selben Jahr auf 165 Starts. Ein einziges amerikanisches System startete also um ein Vielfaches häufiger als ganz Europa. Selbst bei strategischen Galileo-Satelliten musste die Europäische Union zuletzt auf SpaceX zurückgreifen. Wer so abhängig ins All kommt, bleibt meist auch unten abhängig.

Europa versucht gegenzusteuern, aber das Tempo ist ernüchternd. Die neue Satelliteninfrastruktur IRIS² soll erste Dienste erst 2029 liefern. Während andere längst skalieren, arbeitet Europa vielerorts noch am Gerüst.

Auch bei Künstlicher Intelligenz abgehängt

Zur militärischen Aufklärung gehört heute nicht mehr nur der Satellit, sondern auch Künstliche Intelligenz, die Bilder, Signale und Datenmassen überhaupt erst auswertbar macht. Auch hier läuft Europa hinterher. Laut Europäischer Zentralbank EZB stammen nur 3 Prozent der Patente im Euroraum aus dem KI-Bereich; in den USA sind es 9 Prozent. Gleichzeitig zahlen die Länder des Euroraums jährlich fast 250 Milliarden Euro an Lizenzgebühren an ausländische Patentinhaber, meist in die USA. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist technologische Tributpflicht.

Und Künstliche Intelligenz braucht Strom. Viel Strom. Die Internationale Energieagentur beziffert den weltweiten Stromverbrauch von Rechenzentren 2024 auf rund 415 Terawattstunden. Die USA standen dabei für 45 Prozent, China für 25 Prozent, Europa nur für 15 Prozent. Wer bei der Rechenleistung hinten liegt und zugleich unter hohen Energiepreisen leidet, verliert doppelt: bei der Technologie und bei der Skalierung.

Der letzte Schirm

Noch tiefer reicht nur die zweite Lücke: die nukleare Abschreckung. Hier geht es nicht um ein Zusatzmodul, sondern um die letzte Sicherheitsgarantie gegen Erpressung und Großkrieg. Die NATO sagt selbst, dass die strategischen Nuklearstreitkräfte des Bündnisses, besonders jene der Vereinigten Staaten, die oberste Garantie ihrer Sicherheit sind. Fällt Amerika als nuklearer Garant weg, verliert Europa nicht bloß einen Partner. Es verliert den tragenden Pfeiler seiner Abschreckungsarchitektur.

Was heute noch wie ein Tabubruch klingt – etwa eine neue Debatte über nukleare Abschreckung in Ländern wie Deutschland –, könnte dann sehr schnell politische Realität werden. Denn wenn der amerikanische Schirm wankt, wird die Frage nicht mehr theoretisch gestellt, sondern existenziell.

Kaufen ist nicht Souveränität

Der dritte Mangel ist die fehlende Kontrolle über die militärische Wertschöpfungskette: Waffen, Software, Wartung, Ersatzteile, Interzeptoren und Freigaben. Europa kann heute vieles bezahlen. Das tut es bereits für die Ukraine in großem Umfang. Aber Bezahlen ist nicht Beherrschen. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine gingen 78 Prozent der Beschaffungsausgaben der Europäischen Union an Anbieter außerhalb der Union, 63 Prozent davon in die USA. Gleichzeitig hat Europa nur 3 der 15 größten Rüstungskonzerne der Welt. Das ist keine Autonomie. Das ist teure Abhängigkeit.

Gerade deshalb greift auch das bequeme Gegenargument zu kurz, Amerika werde doch weiterhin gern Waffen nach Europa verkaufen. Natürlich liegt das im US-Interesse. Europa ist mittlerweile der größte Absatzraum für amerikanische Rüstungsexporte. Aber ein Waffenhändler ist noch kein Schutzpatron. Wer nur einkauft, ohne selbst die Kette zu kontrollieren, bleibt abhängig von Updates, Freigaben, Munitionsnachschub und politischem Wohlwollen.

Auch digital abhängig

Die Abhängigkeit endet nicht bei Raketen und Munition. Europas digitales Nervensystem läuft zu großen Teilen über amerikanische Technologie. Eine aktuelle Analyse für das Europäische Parlament hält fest: Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud kontrollieren zusammen rund 70 Prozent des Cloud-Markts in der Europäischen Union. Rund 80 Prozent der europäischen Ausgaben für Unternehmenssoftware und Cloud-Dienste fließen an US-Anbieter. Wer von strategischer Autonomie redet, aber beim digitalen Unterbau fast vollständig auf fremde Plattformen angewiesen ist, redet über Souveränität auf Pump.

Noch grundsätzlicher formuliert es der Draghi-Bericht für die Europäische Kommission: Die Europäische Union ist bei mehr als 80 Prozent ihrer digitalen Produkte, Dienstleistungen, Infrastrukturen und geistigen Eigentumsrechte auf das Ausland angewiesen. Das ist nicht bloß ein ökonomisches Problem. Es ist im Ernstfall ein Machtproblem. Denn wer den digitalen Unterbau nicht selbst kontrolliert, kontrolliert auch nicht vollständig Kommunikation, Datenräume und Verwundbarkeit.

Die Fakten widersprechen der Rhetorik

Gegen diese Realität wirken viele Brüsseler Sonntagsreden über „strategische Autonomie“ wie Verwaltungsprosa in einer Welt, die längst von Skalierung, Geschwindigkeit und technologischer Dominanz entschieden wird. Europa redet oft so, als sei Souveränität eine Frage des guten Willens. In Wahrheit ist sie ebenso eine Frage von Macht, Tempo und Durchhaltefähigkeit.

Wer soll dafür kämpfen?

Zuletzt kommt die heikelste Lücke: die innere Widerstandskraft. Eine Gesellschaft kann Milliarden in Raketen, Satelliten und Rechenzentren stecken und trotzdem innerlich wehrlos sein. Wenn große Teile der Bürger nicht mehr bereit sind, für ihre Heimat einzustehen, weil ihnen das Bewusstsein fehlt, wofür sie überhaupt kämpfen, dann ist man feindlichen Kräften unterlegen.

Was die Sache zusätzlich erschwert: Wenn die Bevölkerung den Eliten nicht mehr traut, wenn sich die Führung moralisch über die eigenen Leute erhebt, dann will irgendwann auch keiner mehr für „die da oben“ kämpfen. Doch wenn niemand mehr für die Führungsschicht kämpfen will, wird das am Ende für alle zum Problem. Denn dann zerfällt nicht nur das Vertrauen nach oben – dann bröckelt das Gemeinwesen insgesamt.

Die Geschichte kennt solche Momente. 1917 zerfiel die russische Front nicht einfach wegen schlechterer Waffen; selbst Encyclopaedia Britannica betont, dass die Armee trotz verbesserter Ausrüstung am inneren Kollaps zerbrach. 1918 wiederum brach Österreich-Ungarn nicht nur militärisch zusammen, sondern auch politisch: Loyalitäten, Nationalitäten und staatliche Bindekräfte fielen auseinander. Staaten scheitern eben nicht nur an Materialmangel. Sie scheitern auch dann, wenn Führung und Geführte nicht mehr an dieselbe Sache glauben.

Die eigentliche Bilanz

Wenn Amerika also wirklich geht, fehlt Europa nicht zuerst Stahl. Es fehlen Augen, Schirm, Systemhoheit. Und vielleicht noch etwas Entscheidenderes: eine politische und kulturelle Bindekraft, die aus Bürgern mehr macht als bloße Steuerzahler. Wer den eigenen Wohlstand verteidigen will, muss wissen, dass es um mehr geht als nur um den eigenen Wohlstand. Eine Zivilisation verteidigt sich nur dann, wenn sie technisch kann – und innerlich noch will.