Die Österreicher spüren es längst: Mit diesem Land läuft etwas schief. Diese Stimmung ist kein Bauchgefühl mehr – sie ist messbar. Nur 15 Prozent glauben, dass 2026 besser wird, 41 Prozent erwarten eine Verschlechterung. Österreich liegt bei den Zukunftserwartungen mittlerweile bei minus 26 – vor wenigen Jahren war das Land noch im Plus.

Die Menschen sind nicht kollektiv unglücklich. Aber sie haben das Vertrauen verloren, dass es aufwärtsgeht. Und sie reagieren längst wie in einer Krise.

Die Geburtenrate ist auf 1,29 Kinder pro Frau abgestürzt – ein historisches Tief. Gleichzeitig wird Geld zurückgehalten: Die Sparquote liegt bei 11,7 Prozent, deutlich über dem Eurozonen-Schnitt von rund 8,4 Prozent.

Pessimismus ist kein Gefühl – sondern Verhalten

Auch die Stimmungsindikatoren zeigen klar nach unten: Das Konsumentenvertrauen liegt bei rund -13 Punkten, die Industrie bei etwa -15, der Bau sogar bei rund -26. Das sind eindeutige Umfragewerte: Deutlich mehr Unternehmen und Haushalte schätzen die Lage negativ als positiv ein.

In der Politik wird diese Entwicklung dennoch oft als überzogen dargestellt. NEOS-Staatssekretär Sepp Schellhorn beklagte die „Mieselsucht“ hierzulande, Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) warnte vor „Schlechtreden“ des Standorts, Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) betonte, Österreich stehe besser da als vor einem Jahr.

Ist also die Stimmung das Problem – oder doch die Lage?

Die Regierung arbeitet – aber nichts wird spürbar besser

Gemessen an vielen Vorgängern wirkt diese Regierung tatsächlich handlungsfähiger. Sie hat früh ein Doppelbudget mit rund 15 Milliarden Euro beschlossen – etwas, woran frühere Regierungen oft scheiterten oder es jahrelang hinauszögerten. Sie hat eine politisch riskante Pensionsreform umgesetzt und erste Schritte in Richtung Föderalismusreform gesetzt. Dazu kommt ein hoher Output: Hunderte Ministerratsvorträge, mehr als 100 Gesetze, zahlreiche Verordnungen.

Zum Vergleich: Unter Gusenbauer und Faymann II wurden zentrale Reformen oft blockiert oder vertagt. Budgetkonsolidierungen scheiterten an Koalitionskonflikten, strukturelle Eingriffe wurden aus Angst vor politischem Streit vermieden.

Kurz: Damals herrschte Stillstand – aber er fiel weniger auf, weil die Wirtschaft wuchs. Heute passiert mehr – aber es ist zu wenig wirksam, weil es nicht reicht.

Kissinger erklärt das Grundproblem

Was läuft also schief? Ein Blick in Henry Kissingers letztes Werk „Staatskunst“ liefert eine erstaunlich präzise Antwort. Eine zentrale Beobachtung des legendären US-Außenministers: Die meisten Führungspersönlichkeiten sind keine Gestalter, sondern Verwalter. In normalen Zeiten reicht das aus. In Krisenzeiten wird es zum Hauptproblem.

Kissinger schreibt: „Die meisten Führungspersönlichkeiten haben keine visionären, sondern vor allem Managerfähigkeiten. In jeder Gesellschaft und auf jeder Verantwortungsebene braucht man Verwalter für das Tagesgeschäft, um die Institutionen zu leiten. Doch in Krisenzeiten – im Krieg, bei einem schnellen technologischen Umbruch, einer jähen wirtschaftlichen Disruption oder einem ideologischen Umsturz – kann das bloße Management des Status quo der gefährlichste Kurs überhaupt sein.

Österreich ist nicht mehr im Normalmodus

Genau das ist der entscheidende Punkt: Österreich befindet sich nicht mehr in stabiler Normalität. Wirtschaftliche Schwäche, gesellschaftlicher Druck und ungelöster Strukturwandel fallen zusammen. Und das Kennzeichen jeder Krise ist: Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr. Hinweise dafür gibt es zuhauf.

Wirtschaft: Stillstand statt Aufschwung

Die Wirtschaft liefert dafür die klarsten Belege. 2025 lag das Wachstum bei nur 0,6 Prozent, nachdem die Wirtschaft 2024 um 0,7 Prozent geschrumpft war. Österreich kommt aus der Schwächephase nicht heraus – es bewegt sich knapp über der Nulllinie.

Noch gravierender ist das Einkommen: Das real verfügbare Einkommen pro Kopf ist seit 2010 in Österreich nur um 1,9 Prozent gestiegen, im EU-Durchschnitt aber um 16,2 Prozent. Viele Menschen treten also real auf der Stelle.

Im Alltag bleibt der Druck durch die Teuerung hoch: Mieten +4,5 Prozent, Dienstleistungen +4,0 Prozent, Gastronomie +5,1 Prozent. Das tägliche Leben signalisiert nicht Entspannung.

Arbeit, Wohnen, Produktivität: Die Basis erodiert

Auch der Arbeitsmarkt kippt: Die Arbeitslosigkeit steigt wieder, während in der Industrie genau jene Jobs verschwinden, die lange den Wohlstand getragen haben.

Der Wohnbau bricht massiv ein – von 74.500 Wohnungen (2021) auf nur noch 33.400 (Prognose für 2026). Weniger Angebot bedeutet dauerhaft hohe Preise.

Am tiefsten sitzt das Problem bei der Produktivität. Sie ist von durchschnittlichen Wachstumsraten von über 4 Prozent in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren auf zuletzt nur noch rund 0,6 Prozent gefallen. Ohne Produktivitätszuwächse wächst auch der Wohlstand kaum.

International verliert Österreich an Boden. Im Wettbewerbsranking fällt es von Platz 14 auf Platz 20. Andere Länder werden schneller besser.

Der Staat: teuer – und trotzdem überfordert

Besonders brisant ist die Lage der Staatsfinanzen. Österreich hat eine Steuerquote von 43,1 Prozent und eine Abgabenbelastung auf Arbeit von 47 Prozent – ein Spitzenwert. Der Staat nahm 2024 insgesamt 249,6 Milliarden Euro ein, gab aber gleichzeitig 272,7 Milliarden Euro aus. Trotz Rekordeinnahmen bleibt ein Defizit von 23,1 Milliarden Euro.

Für viele Bürger steht damit fest: Man zahlt immer mehr – aber die Leistung wird nicht besser.

Migration und Sicherheit: Dauerproblem ohne Lösung

In Österreich haben 27,8 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. In Schulen zeigen sich wachsende Sprach- und Leistungsdefizite, am Arbeitsmarkt bleiben Unterschiede deutlich.

Gleichzeitig bleibt die Sicherheitslage angespannt: Terrorwarnstufe „Hoch“, steigende islamistische Tathandlungen. Der Verfassungsschutz warnt vor langfristiger Einflussnahme.

Auch auf EU-Ebene keine Entwarnung: rund 1 Million Asylanträge pro Jahr, mehr als 450.000 Ausreiseanordnungen, aber nur rund 110.000 Rückführungen. Auch hier: Das Problem ist bis jetzt nicht gelöst. Es wird verwaltet. Doch mehr als zehn Jahre nach dem Flüchtlingsjahr 2015 reißt immer mehr Menschen der Geduldsfaden.

Bildung und Gesundheit: Mehr Geld, gleiche Probleme

In der Bildung wird der Lehrermangel laut Rechnungshof nicht gelöst, sondern durch Mehrdienstleistungen, fachfremden Unterricht und den Einsatz nicht voll qualifizierter Lehrkräfte kaschiert; allein die Mehrdienstleistungen entsprachen rund 7.000 Vollzeitstellen.

Im Gesundheitssystem steigen die Ausgaben auf 57,8 Milliarden Euro – das entspricht 11,7 Prozent des BIP. Gleichzeitig wird die Versorgung nicht besser: Die Kassenarzt-Dichte sinkt, der Ausbau der Primärversorgung hinkt hinterher, und die Wahlarztrechnungen explodierten von 369 Millionen Euro im Jahr 2020 auf 551 Millionen Euro im Jahr 2023. Zwei-Klassenmedizin ist damit keine Warnung mehr, sondern Realität.

Überall gilt: mehr Geld – aber keine Wende.

Technologischer Rückstand wird zum Risiko

Kissinger nennt auch den technologischen Umbruch als möglichen Krisentreiber, wenn man den Anschluss verliert – wie zurzeit Europa.

Seit 2000 wächst die Produktivität langsamer als in den USA. Europa vereint nur etwa 5 Prozent des globalen Venture Capitals, die USA rund 50 Prozent. Bei KI entstanden 2024 in den USA 40 relevante Modelle, in Europa nur 3. Fast 30 Prozent der europäischen Unicorns wandern ab – meist in die USA.
Raumfahrt zeigt den Rückstand besonders deutlich

Besonders deutlich wird der Rückstand bei der Raumfahrt: Während SpaceX mehr als 100 Raketenstarts pro Jahr schafft, kommt Europa auf etwa 10. Wer hier zurückfällt, verliert auch strategisch an Souveränität. Satelliten sind längst kritische Infrastruktur – für Kommunikation, Navigation, Militär und Wirtschaft.

Österreich steht nicht hoffnungslos da, aber zu langsam: solide Forschung, schwache Umsetzung. Zu wenig Kapital, zu wenig Tempo.

Kissinger: Was jetzt fehlen würde

Henry Kissinger beschreibt auch, was in solchen Zeiten nötig wäre. Staatsmänner, die gestalten statt verwalten. Die ihre Gesellschaft schützen, „indem sie die Umstände beeinflussen und sich nicht von ihnen überwältigen lassen“. Das bedeutet auch: keine Ausreden unter Verweis auf internationale Krisen. Kissinger: „Solche Führungsfiguren fördern Wandel und Fortschritt, während sie dafür sorgen, dass ihre Gesellschaft sich gleichzeitig eine elementare Wahrnehmung ihrer selbst bewahrt.“

Kissinger schreibt weiter, sie sollten ihre Vorstellungskraft „mit Vorsicht mäßigen“ und Verantwortung nicht nur für das beste, sondern auch für das schlechteste Ergebnis übernehmen. Sie wissen auch um die „zahllosen guten Absichten, die nicht umgesetzt werden konnten“, wegen „der starrsinnigen Beharrungskraft des menschlichen Egoismus, des Machthungers und der Gewalt.“

Nein, solche Persönlichkeiten haben wir zurzeit nicht. Deshalb bleiben Österreichs Probleme ungelöst.  Die schlechte Stimmung ist kein Kommunikationsproblem. Sie ist die logische Reaktion auf ein Land, das teurer geworden ist, langsamer wächst und keine klare Richtung mehr erkennen lässt. Auch die besten Kommunikationsberater können das nicht überdecken.

Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ist nicht irrational. Die Menschen spüren nicht nur die Probleme – sie spüren, dass niemand sie wirklich löst. Denn dafür bräuchte es einen Politikertypus, der in Österreich derzeit fehlt.