An iranischen Universitäten lodert der Protest erneut auf – etwa an der Technischen Universität Amir Kabir in Teheran. In sozialen Medien kursieren Videos, in denen Studenten offen regimekritische Parolen rufen und monarchistische Slogans skandieren. Besonders brisant ist ein Clip, in dem zu hören ist: „Tod den drei Korrupten: den Mullahs, den Linken und den Volksmudschahedin.“

Das ist mehr als bloßer Zorn, es kommt einem historischen Verdikt gleich. Die Studenten attackieren nicht nur das theokratische Regime, sondern nehmen zugleich das Reformlager und Teile der alten Exilopposition ins Visier. Eine neue Generation kündigt offen den politischen Erben der Revolution von 1979 die Gefolgschaft.

Warum „gegen die Linken“?

Die Antwort liegt nicht im Jahr 2026. Als Millionen Iraner im Jahr 1979 gegen den Schah auf die Straße gingen, war die Revolution kein rein islamistisches Projekt. Islamisten, marxistische Gruppen, linke Intellektuelle – sie alle wollten dasselbe: den Sturz von Mohammad Reza Pahlavi.

Der gemeinsame Nenner: Anti-Schah. Der ideologische Kitt: Antiimperialismus. Was folgte, war eine Zweckgemeinschaft, deren Wurzeln in die 1960er Jahre zurückreichten.

1967: Berlin als ideologischer Auftakt

Der Besuch des Schahs am 2. Juni 1967 in West-Berlin wurde zu einem Schlüsselmoment der deutschen 68er-Bewegung. Studenten und iranische Exiloppositionelle protestierten gegen Repression im Iran und gegen die demonstrative Hofierung des Monarchen durch die Bundesrepublik.

Die Situation eskalierte. Vor der Deutschen Oper kam es zu schweren Zusammenstößen. Im Hinterhof der Krumme Straße 66 erschoss der Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg. Der Tod Ohnesorgs wurde zum politischen Fanal: Er radikalisierte eine ganze Generation.

Iran wurde damit in Deutschland zum Projektionsraum – für Anti-Diktatur, Anti-Imperialismus, Anti-Establishment. Der Schah stand fortan nicht nur für ein autoritäres Regime, sondern für ein „System“.

Der Schah stand nicht mehr nur für ein Regime – sondern für „das System“. Diese Denkfigur wirkte 1979 nach: Wer gegen den Schah war, erschien automatisch progressiv. Dass sich hinter antiimperialistischer Rhetorik ein theokratisches Machtprojekt verbarg, wurde verdrängt – oder ignoriert.

1979: Revolution – Koalition – Machtübernahme

Als sich 1979 Millionen Iraner gegen den Schah erhoben, war die Bewegung heterogen. Linke Organisationen organisierten Streiks – vor allem in der Ölindustrie –, mobilisierten Studenten und betrieben Untergrundarbeit. Auch die Volksmudschahedin (MEK) spielten eine aktive Rolle im Widerstand.

Ajatollah Khomeini verstand es, diese unterschiedlichen Strömungen unter einem Dach zu vereinen – zumindest vorübergehend. Seine antiamerikanische Rhetorik, seine Ablehnung des Schah-Regimes und seine Versprechen sozialer Gerechtigkeit klangen für viele Linke kompatibel mit eigenen Zielen.

Nur: Wer gegen den Schah war, war noch lange nicht für Freiheit.

Antiimperialismus als Legitimationsmaschine

Für Teile der Linken war entscheidend, dass Khomeini sich als Gegner der USA inszenierte. In der Logik der Zeit galt: Wer gegen „Imperialismus“ kämpft, steht auf der richtigen Seite der Geschichte.

Diese Lesart lebt bis heute fort – oft eingebettet in postkoloniale Deutungsmuster, die antiwestliche Akteure reflexhaft als „antikoloniale“ Kräfte interpretieren. Auch an westlichen Universitäten findet diese Denkfigur erneut viele Anhänger.

Die Gleichsetzung – antiwestlich = progressiv – erwies sich als fatal. Sie dämpfte frühe Warnungen vor Khomeinis theokratischem Machtanspruch.

Die Geiselkrise – der entscheidende Moment

Im November 1979 besetzten islamistische Studenten die US-Botschaft in Teheran. 52 Amerikaner wurden 444 Tage lang festgehalten. Innenpolitisch wirkte die Geiselkrise wie ein Katalysator. Der gemäßigte Premierminister Mehdi Bazargan trat zwei Tage nach der Besetzung zurück – die Revolution verlor ihre wichtigste moderate Figur.

Khomeini sprach von einer „zweiten Revolution – größer als die erste“. Kritik konnte nun leicht als Illoyalität gebrandmarkt werden; Gegner galten als „Agenten Amerikas“. Aus beschlagnahmten Botschaftsdokumenten wurden „Beweise“ konstruiert, um Rivalen zu diskreditieren.

Im Dezember 1979 wurde die neue Verfassung mit dem Prinzip der „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ ratifiziert. Aus der Revolutionskoalition wurde ein Machtmonopol. Erst Koalition. Dann Monopol.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Sobald die Islamisten die Institutionen kontrollierten, begann die Abrechnung. Linke Parteien wurden verboten, Funktionäre verhaftet, öffentliche „Geständnisse“ erzwungen. Die Tudeh-Partei wurde zerschlagen, die MEK brutal verfolgt.

Die Revolution, die von einer breiten Allianz getragen worden war, verwandelte sich in eine theokratische Machtstruktur – und beseitigte ihre ehemaligen Partner.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Sobald die Islamisten die Institutionen kontrollierten, begann die Abrechnung. Linke Parteien wurden verboten, Funktionäre verhaftet, öffentliche „Geständnisse“ erzwungen. Die Tudeh-Partei wurde zerschlagen, die MEK brutal verfolgt.

Die Revolution, die von einer breiten Koalition getragen worden war, verwandelte sich in eine theokratische Machtstruktur – und beseitigte ihre ehemaligen Partner.

2026: Das Urteil einer neuen Generation

Wenn iranische Studenten heute „Tod den Linken“ rufen, dann meinen sie nicht nur westliche Aktivisten. Sie meinen jene politische Tradition, die aus taktischem Antiimperialismus falsche Bündnisse einging – und damit half, die Islamische Republik durch ihre Gründungsphase zu tragen.

Gleichzeitig wächst in der iranischen Diaspora die Wut über das Schweigen westlicher Progressiver. Das US-Magazin Newsweek fasst die Stimmung so zusammen: „Wir erleben die größte progressive Bewegung unserer Zeit – aber die lautesten Progressiven sind nirgends zu sehen.“ Der im Artikel zitierte Analyst Khosro Isfahani, Senior Research Analyst bei der „National Union for Democracy in Iran“, klagt: „Die lautesten Stimmen, die nicht aufhören konnten, über Gaza zu sprechen, sind jetzt still.“ Er zeigt sich besonders enttäuscht über prominente Hollywood-Aktivisten, die sonst bei progressiven Themen vorneweg marschieren – etwa Mark Ruffalo oder Angelina Jolie.

Isfahani legt nach: „Viele junge Menschen in entwickelten, demokratischen Ländern sind von linksgerichteten Medien darauf konditioniert worden zu glauben, die USA und Europa seien das absolute Böse auf Erden – und jeder, der sich diesen Ländern widersetzt, sei automatisch ein guter Mensch.“ Und obwohl er selbst, wie er betont, „aus einem linken Hintergrund“ komme, urteilt er gnadenlos: „Das Einzige, was diese Leute wollen, ist die Zerstörung der westlichen Zivilisation. Sie sind nützlich – sie wiederholen die Argumentationslinien des Ajatollah.“

Eine doppelte Niederlage?

Ein erfolgreicher Sturz der Mullahs und das Entstehen eines demokratischen Iran wäre das Ende einer Theokratie. Aber es wäre auch das Ende einer politischen Illusion: dass antiwestliche Rhetorik automatisch progressiv ist.

1979 unterschätzten Teile der Linken Khomeinis Projekt – und halfen ihm durch die Übergangsphase. 2026 urteilt eine neue Generation. Nicht nur über die Mullahs. Sondern auch über jene, die ihnen den Weg bereiteten – oder sie zu lange entschuldigten, teilweise bis heute.