Andreas Babler hielt es für ein wichtiges Signal: Nach dem Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann erklärte der SPÖ-Chef: „Dem ORF und der Gesellschaft täte es gut, wäre die Nachfolge eine Generaldirektorin.“ Schließlich müsse man „der strukturellen Benachteiligung von Frauen entschieden entgegenwirken. Das gilt auch und insbesondere für den ORF.“

Tatsächlich hat er damit Interims-ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher – und weiteren Frauen in diesem Amt, sollten sie nachfolgen – einen Bärendienst erwiesen. Denn mit einem solchen Satz verschiebt er den Maßstab der Debatte: weg von Erfahrung, Kompetenz und Führungsstärke, hin zum richtigen Geschlecht. Sofort entsteht der Verdacht: Hat sie diese Position wegen ihres Könnens bekommen – oder weil nun eben eine Frau gewünscht war?

Und genau das ist das Paradoxe an Bablers Vorstoß: Ausgerechnet eine Frau, die keine Quote nötig hat, gerät nun unter Quotenverdacht. Eine erfahrene Moderatorin und Redakteurin, die sich ihre Reputation über Jahrzehnte erarbeitet hat, wird dadurch in eine falsche Optik gedrängt. Nicht, weil sie irgendetwas falsch gemacht hätte. Sondern weil ein Politiker ihre Eignung mit einem gruppenpolitischen Wunsch überlagert hat.

Genau vor diesem Mechanismus warnt seit Jahrzehnten US-Ökonom Thomas Sowell.

„Bevorzugung stellt Kompetenz in Frage“

Sowell, selbst Afroamerikaner, wandte sich früh gegen Programme, die Schwarze und andere Minderheiten durch Quoten oder ähnliche Bevorzugungen fördern sollten. Einer seiner schärfsten Einwände war nicht nur die Ungerechtigkeit gegenüber anderen, sondern der Schaden für die angeblich Begünstigten selbst.

Sobald Institutionen offen signalisieren, dass bestimmte Gruppen bevorzugt werden sollen, entsteht Misstrauen. Erfolg erscheint dann nicht mehr als eindeutige Leistung, sondern als möglicher Quotenfall. Sowell kritisierte deshalb besonders scharf Programme, die Afroamerikaner bevorzugen: „Affirmative Action stellt die Kompetenz aller Schwarzen in Frage.“

Exakt dieser Mechanismus kann auch Frauen in Führungspositionen schaden – und Babler hat ihn nun ohne jeden Grund ins Spiel gebracht. Was als Aufwertung gedacht war, kann zur Abwertung werden – nicht real, aber in der Wahrnehmung. Und Wahrnehmung ist in Spitzenpositionen alles.

Bablers Satz passt zur SPÖ-Linie

Babler hat damit keinen Ausrutscher geliefert, sondern die offizielle SPÖ-Linie wiedergegeben. SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz lobte kürzlich die Anhebung der Frauenquote in staatsnahen Aufsichtsräten als „Beweis dafür, dass verbindliche Quoten wirken“. Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner erklärte sogar: „Frauen müssen dort Platz nehmen, wo Entscheidungen getroffen werden – gleichberechtigt, auf Augenhöhe und in ausreichender Zahl.“

Genau diese Logik – gut gemeint, moralisch aufgeladen, aber folgenblind – ist es, gegen die Thomas Sowell seit Jahrzehnten argumentiert. Seine Argumente sind hochaktuell. Schließlich werden in Zeiten linker Identitätspolitik Bevorzugungen auf immer mehr Gruppen übertragen, nicht nur auf Frauen – und das alles im Namen von Gerechtigkeit und Fortschritt.

Nicht die Absicht zählt, sondern die Wirkung

Sowells Ausgangspunkt ist simpel und radikal zugleich: Politische Maßnahmen müssen nach ihren realen Folgen beurteilt werden, nicht nach ihren edlen Absichten. Die Wirkung von Affirmative Action hat er ausführlich untersucht. Sein Resümee: Solche Programme haben auf die Gruppen, denen sie helfen sollen, „bestenfalls einen vernachlässigbaren Effekt“. Die moralische Rhetorik ist groß, die tatsächliche Wirkung oft klein – und die Nebenwirkungen umso größer.

Fortschritt begann oft lange vor der Quote

Gestützt auf seine Analysen wendet sich Sowell mit Nachdruck gegen die politische Erzählung, der Aufstieg benachteiligter Gruppen sei primär das Ergebnis späterer Programme.

Für die USA verweist er darauf, dass die Armutsquote schwarzer Amerikaner bereits von 87 Prozent im Jahr 1940 auf 47 Prozent im Jahr 1960 gefallen sei – also vor der großen Ausweitung von Affirmative Action. Sein brisanter Vorwurf: Quotenpolitiker schreiben sich oft Entwicklungen zu, die längst im Gange waren.

Unterrepräsentation ist noch kein Beweis für Diskriminierung

Das Quotendenken beginnt Sowell zufolge bereits mit einem Grundirrtum: aus bloßer Unterrepräsentation automatisch auf Benachteiligung zu schließen.

Nicht jede statistische Ungleichheit ist ein Beweis für Diskriminierung. Unterschiede zwischen Gruppen können aus ganz verschiedenen Gründen entstehen – etwa aus Bildung, Interessen, kulturellen Prägungen, familiären Strukturen oder historischen Entwicklungen. Wer jede ungleiche Verteilung politisch ausgleichen will, verwechselt Gleichheit der Chancen mit Gleichheit der Ergebnisse.

Oft profitieren nicht die Schwächsten

Hinzu kommt für Sowell ein zweites Problem: Präferenzprogramme helfen oft gar nicht den am stärksten Benachteiligten. In seinen internationalen Vergleichen zeigt er, dass häufig eher jene Mitglieder einer Gruppe profitieren, die ohnehin relativ gute Voraussetzungen haben.

Der Nutzen landet also nicht unten, sondern eher in den oberen Segmenten der begünstigten Gruppen. Damit verliert das moralische Hauptargument der Quotendebatte – Hilfe für die Schwächsten – viel von seiner Überzeugungskraft.

Misstrauen und Stigma

Eines seiner wichtigsten Argumente ist – wie gesagt – der Reputationsschaden: Wenn bekannt ist, dass Institutionen nach Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht auswählen, wird jede spätere Ernennung doppeldeutig. Menschen fragen sich nicht mehr nur: Ist diese Person gut? Sondern auch: Wurde hier nachgeholfen?

Sowell argumentierte dabei nicht nur theoretisch, sondern auch aus eigener Erfahrung. Früher sei ihm eher Kompetenz zugetraut worden, berichtet er, gerade weil es keine systematische Präferenzlogik gegeben habe. Später, mit dem Aufstieg solcher Programme, sei stärkeres Misstrauen entstanden.

Wichtiger als die Zulassung ist der Erfolg

Eine der wichtigsten Pointen Sowells lautet: Entscheidend ist nicht, wer irgendwo hineinkommt, sondern wer dort auch erfolgreich bestehen kann. Nicht die prestigeträchtige Aufnahme ist der Maßstab, sondern die tatsächliche Bewährung. Quotenpolitik verwechselt Symbolerfolge mit realem Erfolg.

Mehr noch: Wenn Gruppenzugehörigkeit neben Leistung ein Auswahlkriterium wird, verändert sich der Maßstab der Institution selbst. Dann zählt nicht mehr nur, wer am besten geeignet ist, sondern auch, wer in ein politisch gewünschtes Raster passt.

Institutionen profitieren oft selbst davon

Die wahren Profiteure solcher Programme sind Sowell zufolge oft nicht die angeblich Begünstigten selbst, sondern die Institutionen. Universitäten, Unternehmen, Behörden, staatliche Einrichtungen und Parteien können damit Prestige gewinnen oder politischen Druck abwehren. Die Begünstigten werden zum sichtbaren Zeichen institutioneller Tugendhaftigkeit.

Kein amerikanischer Sonderfall

Weil Sowell nicht nur die USA betrachtet, sondern auch Länder wie Indien, Malaysia oder Nigeria, betont er: Das ist kein amerikanisches Sonderproblem. Wo Staaten oder Institutionen beginnen, Gruppen systematisch zu bevorzugen, entstehen fast überall ähnliche Nebenwirkungen.

Frauen schaffen es auch ohne Quote

Und damit zurück zu Ingrid Thurnher. Wer ihre Laufbahn betrachtet, erkennt schnell: Als Journalistin ist sie zweifellos hoch qualifiziert – und das in weit höherem Maße als ihre beiden männlichen Vorgänger. Einem breiten Publikum ist sie durch Leistung bekannt – nicht durch Quote. Nein, sie benötigte keine staatlichen Förderprogramme für Frauen, mit denen Politiker sich selbst rühmen.

Gerade deshalb ist Bablers Satz so unerquicklich. Er hat eine unnötige Zweideutigkeit in eine Personalfrage hineingetragen, die sich allein an Eignung und Leistung messen sollte. Er wollte Frauen stärken. Tatsächlich hat er eine Frau belastet.

Die Realität zeigt ohnehin längst, dass Frauen keine Quote brauchen, um nach oben zu kommen. Medienunternehmen und Redaktionen haben heute hohe oder sogar mehrheitliche Frauenanteile – auch in Führungspositionen –, und das ohne starre Quotenregelungen. Der exxpress ist dafür nicht das einzige Beispiel.

Der nachhaltige Weg heißt nicht politische Bevorzugung. Er heißt Leistung und faire Chancen für alle.