Europa steuert nicht auf eine Krise zu. Der Kontinent ist bereits im Krisenmodus – mehrere Krisen beschleunigen sich gleichzeitig. Und nichts deutet auf Entspannung hin. Im Gegenteil: Diese Dynamik dürfte sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen.

Schengen und illegale Migration sind ungelöst, die innere Sicherheit steht unter Druck – Terrorgefahr inklusive. Die Wirtschaft stagniert, während die USA und Teile Asiens wachsen. Wohlstand wird verbraucht, aber nicht erneuert. Die demografische Rechnung kommt jetzt, nicht irgendwann. Die Energiewende gefährdet industrielle Kernbereiche, die Autoindustrie verliert ihre technologische Führungsrolle. Europa ist bei KI und Digitalisierung abgehängt, globale Digitalchampions sind kaum entstanden.

Und der Ukraine-Krieg macht in dramatischer Weise deutlich: Der Kontinent bleibt militärisch, strategisch und politisch von den USA abhängig – ohne eigene Linie, ohne klare Prioritäten, ohne Plan B.

Das Entscheidende: Diese Krisen treten nicht nacheinander, sondern gleichzeitig auf – und verstärken sich gegenseitig. Doch hinter all dem liegt etwas Tieferes: Vertrauen geht verloren. In Frankreich denkt jeder vierte offen über Auswanderung nach. Das Vertrauen in nationale Regierungen, Parteien und EU-Institutionen erodiert spürbar – auch in Österreich, wie Umfragen belegen.

Zwei Entwicklungen dürften Europa in diese Lage gebracht haben.

Alternde Strukturen auf nationalstaatlicher Ebene

Die großen Parteien verlieren ihre Mehrheiten, bleiben aber in Ländern wie Deutschland und Österreich in den Machtapparaten verankert. Ehemalige Volksparteien werden zu Selbstbedienungsläden für immer kleinere, homogener werdende Eliten.

Der Wohlfahrtsstaat wurde nicht reformiert, sondern ausgeweitet: Immer mehr wird verteilt, immer weniger erwirtschaftet. Reformen werden vertagt, Konflikte verwaltet, Probleme verschoben. Politik ersetzt Führung durch Moderation, Verwaltung ersetzt Entscheidung. In der Nachkriegszeit entstandene Strukturen werden von immer weniger Bürgern als zeitgemäß empfunden.

Doch es gibt noch einen zweiten Grund.

Die Illusionen nach 1989

Nach dem Ende des Kalten Krieges glaubte Europa an das „Ende der Geschichte“: an dauerhaften Frieden, Moral statt Macht, humanitäre NGOs statt Geopolitik, Multikulturalismus ohne Integrationskosten, Demokratie ohne Verteidigung, eine Welt ohne Patriotismus und strategisches Denken, dafür mit immer offeneren Grenzen – und mit dem Aufstieg der Grünen auch an eine Energiewende ohne Wohlstandsverluste.

Diese Illusionen funktionieren nicht. Sie spiegeln sich unter anderem in Geopolitik und Energiepolitik wider – vor allem aber in der Europäischen Union. Die EU, 1989 noch eine Wirtschaftsgemeinschaft, wollte zur politischen Union werden. Heute ist sie kein geopolitischer Akteur, sondern ein bürokratisiertes Gebilde ohne gemeinsames strategisches Interesse. Der Ukraine-Krieg zeigt es deutlich: Von Portugal bis zu den baltischen Staaten sind die Interessen höchst unterschiedlich, auch wenn Brüssel dies rhetorisch übertüncht.

Mit der EU kam überdies der Euro, der die Spannungen zwischen Nord und Süd während der Eurokrise dramatisch verschärfte. Im  Schengenraum wirken drei Faktoren gleichzeitig zusammen: unterschiedlich attraktive Wohlfahrtsstaaten, freier Personenverkehr und die Integration von Migranten in bestehende Sozialsysteme. Das ist ein Prinzip zu viel.

Das System wird fragiler.

Auf nationaler wie europäischer Ebene wachsen Bürokratie und Regulierung – nicht jedoch die Handlungsfähigkeit.

Die Beschleuniger: Seit 2001 zerplatzen Illusionen in immer kürzeren Abständen

Diese strukturellen Schwächen traten durch eine Serie von Ereignissen immer rascher zutage – zunächst schleichend, dann in immer kürzerem Abstand:

Es begann mit dem Terror von 9/11: Er zerstörte die Multikulti-Illusion. Islamismus wurde zu einem zentralen innenpolitischen Sicherheitsproblem Europas.

Die Finanzkrise 2008 markierte den wirtschaftlichen Bruch. Seither fällt Europa beim Wachstum hinter die USA zurück.

Die Flüchtlingskrise ab 2015 ließ – spätestens mit der Kölner Silvesternacht – das Vertrauen in Eliten und Medien massiv erodieren. Migration wurde zum politischen Dauerthema.

Corona 2020 beschleunigte Verschuldung, Inflation und Polarisierung.

Die Ukraine-Invasion 2022 entlarvte Europas strategische Hilflosigkeit: Pazifismus, Abhängigkeit von den USA, Moral ohne Macht.

Das Hamas-Massaker 2023 beendete endgültig die Oslo-Illusion sowie den Glauben an Dialog und Appeasement gegenüber Terrororganisationen.

Der erneute Amtsantritt Donald Trumps machte schließlich unmissverständlich klar: Europas Sicherheit ist nicht garantiert. Schutz von außen ist politisch bedingt – und nicht verlässlich.

Blick aus der Zukunft: Implosion oder Erneuerung?

Aus der Distanz kommender Jahrzehnte wird die jetzige Phase entweder als Implosion eines einst dominierenden Kontinents gelten – oder als entscheidender Wendepunkt zur Erneuerung. Beides ist möglich.

Was für den Untergang spricht

Geschichte zeigt: Reiche gehen nicht unter, weil sie Krisen erleben, sondern weil sie diese nicht mehr bewältigen können. Das späte Römische Reich scheiterte an Institutionen, die auf Dauerverwaltung statt Erneuerung ausgelegt waren. Das britische Empire verlor seine Rolle durch strategische Erschöpfung. Die spanischen Habsburger verfügten über immense Ressourcen, konnten Krisen aber nur noch mit Schulden, Bürokratie und Verschiebung beantworten.

Allen gemeinsam waren verfestigte Eliten, geringe Lernfähigkeit und fehlende Priorisierung.

Ähnliche Muster zeigen sich heute in Europa. Überdies könnte der Einbruch zentraler Industrien – etwa in Deutschland – irreversibel sein. Die demografische Entwicklung ist es jedenfalls. Gleichzeitig wächst die Entfremdung zwischen Bürgern und Eliten, neue Identitätskonflikte innerhalb der Gesellschaft schwächen den Zusammenhalt zusätzlich. Die Opposition kanalisiert Protest, hat bislang aber keine überzeugenden Zukunftsbilder geliefert.

Was für den Aufbruch spricht

Doch es gibt auch das andere Szenario. Die Beschleunigung der Krisen verhindert ein langsames Siechtum, das am Ende noch verheerender wäre. Jetzt wird es existenziell. In Washington sitzt nicht länger ein US-Präsident, der Europa freundlich in den Abstieg begleitet – eine Art geopolitische Sterbehilfe –, sondern einer, der schonungslos vorführt, wie schwach der Kontinent geworden ist.

Geschichte kennt Staaten, die gerade durch Krisen stärker wurden: Die frühe römische Republik lernte aus Niederlagen. Das Byzantinische Reich überlebte Jahrhunderte im Dauerstress durch Anpassungsfähigkeit. Großbritannien wurde zunächst durch Konkurrenz und Reformdruck groß. Israel entwickelte unter permanentem Ausnahmezustand eine außergewöhnliche Innovations- und Mobilisierungskraft.

Krisen zerstören nicht automatisch. Sie zwingen zur Reife – oder zum Scheitern. In Europa haben sie sich binnen kurzer Zeit so verdichtet, dass der Kontinent seinen Niedergang nicht länger schlafwandlerisch verwalten kann – und das in einem Moment, in dem er im globalen Vergleich noch über beachtliche Ressourcen verfügt. Es ist noch nicht zu spät.

Europas unterschätzte Stärke

Wäre Europa eine Aktie, wäre sie derzeit massiv unterbewertet. Trotz aller Krisen ist der Kontinent im globalen Vergleich in mehreren harten Dimensionen stark: Größe, Sicherheit, Bildung, Wissenschaft, institutionelle Qualität – und Ressourcen, wenn er sie mobilisiert.

Allein die Europäische Union zählt rund 450 Millionen Einwohner – deutlich mehr als die USA mit rund 335 Millionen und mehr als dreimal so viele wie Russland. Europa insgesamt kommt auf über 500 Millionen Menschen. Das ist ein riesiger Binnenmarkt – und zugleich ein vergleichsweise stabiler. Europa zählt weiterhin zu den sichersten Weltregionen: Gewaltkriminalität und Tötungsdelikte liegen im internationalen Vergleich deutlich niedriger als in den USA oder Russland. Sicherheit ist kein Nebenaspekt, sondern ein Standortfaktor – sie schafft Vertrauen, Investitionsbereitschaft und gesellschaftliche Stabilität.

Auch militärisch ist Substanz vorhanden, selbst wenn sie politisch und strukturell oft zersplittert bleibt. Die EU-Staaten geben 2025 zusammen rund 380 Milliarden Euro für Verteidigung aus – rechnet man das Vereinigten Königreich und Norwegen dazu, ist die Zahl nochmals deutlich höher. Zum Vergleich: Russland lag zuletzt bei umgerechnet rund 140 Milliarden Euro, China bei etwa 290 Milliarden Euro. Europas Schwäche liegt damit nicht im Mangel an Ressourcen, sondern in Koordination, Strategie und politischem Willen.

In der Wissenschaft ist Europa weiterhin Weltspitze. Im QS World University Ranking 2026 liegen fünf der zehn besten Universitäten weltweit in Europa, insgesamt 37 der Top 100. Hunderte Milliarden Euro fließen jährlich in Forschung und Entwicklung. Hinzu kommen enorme private Ersparnisse der europäischen Haushalte – Kapital ist vorhanden, wird aber zu selten in europäische Zukunftsprojekte investiert.

Vor allem aber ist Europa kein autoritärer Einheitsstaat. Es ist ein Kontinent der Vielfalt, des Wettbewerbs und der Kooperation. Über Jahrhunderte war genau das ein zentraler Fortschrittstreiber. Gerade in Krisen kann eine Landschaft vieler kleiner und mittelgroßer Demokratien ein Vorteil sein: Sie erlaubt Kurswechsel, Experimente und Erneuerung – bevor alles zugleich kippt.

Zukunft offen – aber nicht beliebig

Europas Zukunft ist offen. Aber sie ist nicht beliebig. Naiver Optimismus – „die Dinge werden sich schon wieder verbessern“ – wird nicht helfen. Doch ein gesunder schon: die Überzeugung, dass wir auch diese turbulenten Zeiten bewältigen können. Erneuerung ist möglich.

Europa hat nicht zu viele Krisen. Entscheidend ist, ob es lernt, mit ihnen umzugehen.