Kanadas Programm für medizinisch assistierten Suizid steht vor einer historischen und zugleich hoch umstrittenen Marke. Noch vor dem zehnten Jahrestag der Einführung am 17. Juni könnte die Gesamtzahl der Sterbefälle durch das Programm „Medical Assistance in Dying“ (MAID) die Schwelle von 100.000 erreichen.

Laut aktuellen Daten aus Ottawa wurden allein im Jahr 2024 insgesamt 15.767 Menschen im Rahmen des Programms getötet. Das entspricht 5,1 Prozent aller Todesfälle im Land. Umgerechnet bedeutet das: Rund 45 Menschen pro Tag sterben durch medizinisch assistierten Suizid.

Seit der Einführung des Programms im Jahr 2016 steigen die Zahlen kontinuierlich. 2021 wurden 9.842 Fälle registriert. Bis Ende 2024 lag die Gesamtzahl bereits bei 76.475 Todesfällen.

Damit liegt die Zahl der MAID-Toten bereits deutlich über einer historischen Vergleichszahl: Im Zweiten Weltkrieg starben laut Canadian War Museum insgesamt 42.042 kanadische Soldaten im Kampf.

Das Sterbehilfeprogramm steht deshalb zunehmend in der Kritik – auch international.

Eine menschliche Tragödie

Dennis Poust von der New York State Catholic Conference spricht von einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Er erklärte: „Die Ausbreitung des assistierten Suizids in Kanada ist eine menschliche Tragödie und ein gesellschaftliches Versagen.“

Poust warnt zudem vor einem möglichen Dominoeffekt in anderen Ländern und Bundesstaaten. Besonders kritisch sieht er, dass sich eine ursprünglich als freiwillige Option gedachte Praxis zu einem gesellschaftlichen Erwartungsdruck entwickeln könne.

Er sagt: „Was als ‚Wahl‘ beginnt, wird schnell zu einer Erwartung für Patienten – besonders für Arme, Nichtversicherte und Menschen mit Behinderungen.“

Das kanadische Programm gerät derzeit auch wegen einzelner Fälle erneut unter Druck. Medienberichte sprechen von teilweise sehr schnellen Genehmigungen für Sterbehilfe-Anträge. Zudem gibt es Vorwürfe, dass Menschen mit psychischen Problemen zum Suizid gedrängt worden sein könnten.

100.000er Marke überschritten

Besonders viel Aufmerksamkeit erregte der Fall des 26-jährigen Kiano Vafaeian aus Kanada. Der junge Mann litt an Typ-1-Diabetes, Sehproblemen und saisonaler Depression. Im Dezember 2025 wurde sein Antrag auf Sterbehilfe genehmigt, anschließend wurde er im Rahmen des Programms getötet.

Seine Familie fordert inzwischen Reformen der gesetzlichen Regelungen. Vafaeians Mutter Margarat Marsilla erklärte gegenüber Medien:
„Wir hätten nie gedacht, dass irgendein Arzt einen 22- oder 23-Jährigen wegen Diabetes oder Blindheit für MAID genehmigen würde.“

Die Debatte über Sterbehilfe ist auch in den USA neu entbrannt. Der Bundesstaat New York hat im vergangenen Jahr ebenfalls ein Gesetz für ärztlich assistierten Suizid verabschiedet. Kritiker sehen darin ein Warnsignal. Sie verweisen auf die Entwicklung in Kanada, wo das Programm ursprünglich als eng begrenzte Ausnahmeregel gedacht war – inzwischen aber einen erheblichen Anteil aller Todesfälle ausmacht.

Mit dem bevorstehenden Überschreiten der Marke von 100.000 Fällen dürfte die internationale Diskussion über die ethischen Grenzen der Sterbehilfe weiter an Intensität gewinnen.