Der Hausärzteverband weist den Vorwurf zurück, dass die telefonische Krankschreibung zu einem massenhaften Missbrauch geführt habe. Verbandsvorsitzender Markus Beier betonte in einer Stellungnahme, sämtliche bisherigen Auswertungen der Krankenkassen zeigten ein anderes Bild. Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass Beschäftigte sich durch die telefonische Variante häufiger oder länger krankmeldeten als zuvor.

Vielmehr handle es sich um ein klar reguliertes Instrument. Patienten müssen der Praxis persönlich bekannt sein, die Krankschreibung ist zeitlich begrenzt und keineswegs grenzenlos verfügbar. Die Darstellung eines „rechtsfreien Raums“ sei daher irreführend, so Beier.

Politische Kritik am Krankenstand

Auslöser der aktuellen Diskussion war eine Äußerung von Friedrich Merz, der den Krankenstand in Deutschland als zu hoch bezeichnete. Im Durchschnitt kämen Beschäftigte in der Bundesrepublik auf rund drei Wochen Arbeitsunfähigkeit pro Jahr. Als einen möglichen Grund nannte Merz auch die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung.

Diese Regelung war während der Corona-Pandemie eingeführt worden, um Kontakte in Arztpraxen zu reduzieren. Der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach machte sie später dauerhaft möglich – mit dem Ziel, Praxen zu entlasten und Patienten vor unnötigen Wegen zu schützen.

Entlastung statt Bürokratie

Aus Sicht der Hausärzte hat sich dieses Modell bewährt. Die telefonische Krankschreibung sei ein wirksames Mittel zum Bürokratieabbau und trage erheblich zur Entlastung der Praxen bei, erklärt Beier. Gerade in Infektionszeiten verhindere sie volle Wartezimmer und senke das Risiko zusätzlicher Ansteckungen.

Wer dieses Instrument streiche, trage die Verantwortung dafür, dass sich künftig wieder zahlreiche kranke Menschen allein für eine formale Bescheinigung in die Praxen begeben müssten – oft trotz Fieber oder Infektsymptomen. Das sei medizinisch fragwürdig und organisatorisch kontraproduktiv.

Rückhalt aus Politik und Gewerkschaften

Unterstützung erhält die Ärzteschaft auch aus anderen Lagern. Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen verteidigt die telefonische Krankschreibung ausdrücklich. Sie reduziere unnötige Arztkontakte, entlaste das Gesundheitssystem und schütze Patienten wie medizinisches Personal. Eine Abschaffung würde aus seiner Sicht vor allem eines erzeugen: mehr Bürokratie und zusätzliche Belastung.

Auch aus Arbeitnehmersicht gibt es Skepsis. Die Gewerkschaft ver.di glaubt nicht daran, dass der Wegfall der telefonischen Krankschreibung zu weniger Krankheitstagen führen würde. Schon heute hätten viele Beschäftigte Schwierigkeiten, kurzfristig einen Termin in ihrer Arztpraxis zu bekommen.