Den heurigen ESC verfolgt Poier mit gemischten Gefühlen. Sein Fazit zum Semifinale: „Wenn man dieses ganze Licht und diese Effekte weglässt, bleibt von der Musik ja nichts mehr über.” Melodien, die im Kopf bleiben? Fehlanzeige. „Das hörst du und das ist weg. Es ist vieles austauschbar.” Grundsätzlich findet Poier den Wettbewerb nach wie vor großartig – 200 Millionen Zuschauer, internationale Strahlkraft, die Idee des Zusammenwachsens nach dem Krieg. „Das ist ja schon was Großes.” Nur: „Ich habe das Gefühl, dass er mittlerweile politisch sehr instrumentalisiert ist und von gewissen Leuten sehr vereinnahmt wird.”
Der Stimmenskandal 2005: „Man wollte mich nicht haben"
2003 trat Poier in Riga an – und wurde Sechster, obwohl die Wettquoten ihn auf dem letzten Platz sahen. Ein Triumph. Zwei Jahre später versuchte er es erneut – und verlor die österreichische Vorentscheidung trotz 46.000 Stimmen Vorsprung auf die Gegenkandidatin. Kurz vor der Abstimmung war das Wertungssystem geändert worden: Alle Handy-Votes – rund 90 Prozent der Gesamtstimmen – wurden als zehntes Bundesland gewichtet, gleichwertig mit dem Burgenland und seinen rund 4.000 Votes. „Man hat mich halt irgendwie versucht zu umgehen”, sagt Poier trocken. Und klarer: „Man wollte mich ganz einfach nicht dabei haben.” Offizielle Beweise habe er keine – aber inoffizielle Meinungen, die er lieber für sich behält. Cancel Culture, so sein Resümee, habe schon 2005 zugeschlagen. „Zumindest für gewisse Persönlichkeiten.”

Kunstförderung: „Ein Künstler hat ein Recht auf Leiden"
Besonders scharf schießt Poier gegen das österreichische Kunstförderwesen. Er selbst hat nie einen Cent Förderung beantragt – nicht als er in Wien ohne Kühlschrank, Dusche und Versicherung lebte, und nicht danach. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen zu sagen, jetzt muss mich jemand fördern.” Einen Steuerausgleich, den ihm seine Chefin einmal empfahl, zerriss er ihr vor den Augen. „Wenn ich auf das angewiesen bin, dann kann ich mir gar nicht vorstellen…” Seinen Unmut richtet er gegen ein System, in dem geförderte Künstler im Fernsehen die Systemkritik proben – und ihn privat anrufen, um zu sagen: „Alf, du hast ja recht, aber ich habe eine Familie.” Das, findet Poier, erinnere ihn an etwas, „was man schon lange hinter uns haben sollte”. Seine 94-jährige Mutter habe es auf den Punkt gebracht: „Vor dem Krieg war es genau so.”
Poier als Hofnarr: „Ich nehme mir diese Freiheit" Text:
Ein Videoausschnitt der 2022 verstorbenen deutschen Künstlerin Mary Bauermeister bringt es auf den Punkt: Künstler seien die Hofnarren der Gesellschaft – die Einzigen, die sagen dürfen, was ist. Poier nickt. „Ich sehe mich genau in dieser Tradition. Ich nehme mir diese Freiheit – und finde es wichtig genug, das durchzuziehen.” Dass ausgerechnet ein Kasperl-Spieler kommen muss, um die Kunstszene aufzumischen, findet er symptomatisch. „Warum gibt’s keinen anderen?”
Was sich Poier für die Gesellschaft wünscht und warum er glaubt, dass Humor der einzige Weg zurück zur Normalität sein könnte: Das ganze Interview sehen Sie hier.

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