Geht man heute durch die Pausenhöfe vieler Wiener Schulen, hört man eine Sprache, die mit dem klassischen Wienerisch nur noch wenig zu tun hat. Arabische, türkische, englische und südosteuropäische Begriffe mischen sich mit Dialekt und Deutsch.

Dieser Sprachmix ist für viele Erwachsene kaum noch verständlich. Der Wiener Mittelschullehrer Matej Jakic hat dieses Phänomen in einem „Ethnolekt-Wörterbuch“ festgehalten. In seinem Buch „Bin Straßenbahn, wallah“ erklärt der Pädagoge aus Favoriten Begriffe aus der Welt seiner Schüler, von „ace“ über „Habibi“ bis zu „wallah“.

„Wallah“ heißt: Ich schwöre

Das Wort „wallah” stammt aus dem Arabischen und ist unter Jugendlichen weit verbreitet. Laut Jakic kann man es mit „Ich schwöre!“ oder „Ich sage die Wahrheit!“ übersetzen.

Der 1996 geborene Lehrer kennt diese Sprachmischung auch aus eigener Erfahrung. Er ist mehrsprachig aufgewachsen – mit Deutsch, Wiener Umgangssprache und Einflüssen aus der kroatischen Sprache seiner Familie.

Der Titel seines Buches – „Bin Straßenbahn, wallah“ – spiegelt genau diesen Mix wider. Die Redewendung versteht Jakic problemlos, auch wenn er selbst früher eher Sätze wie „Bin Straßenbahn, Brate“ verwendet hätte.

Von „Habibi“ bis „ace“

In seinem Wörterbuch listet Jakic zahlreiche Begriffe auf, die heute unter Jugendlichen kursieren. Bereits zu Beginn tauchen Wörter aus verschiedenen Sprachen auf.

So bedeutet „abi” im Türkischen „großer Bruder”. Das englische Wort „ace“ beschreibt jemanden, der besonders gut ist, zum Beispiel: „Der ist Ace beim Fußball“, also der Beste.

Unter dem Buchstaben H findet sich das arabische Lehnwort „Habibi“, das Liebling, Schatz oder auch freundschaftlichen Bruder bedeutet. Im Wienerischen würde man dafür eher „Hawara” oder „Oida” sagen. Das Wörterbuch zeigt somit auch die sprachliche Vielfalt einer multikulturellen Stadt.

Neue Wörter – und ein rasantes Tempo

Viele Begriffe entstehen in den unterschiedlichsten Szenen. So soll „Skrrrt” aus der Welt der Autofans stammen und an quietschende Reifen erinnern, aber auch allgemein für eine schnelle Flucht stehen. Andere Beispiele sind: „Menty B“ ist eine scherzhafte Abkürzung für einen mentalen Zusammenbruch und „Merak“ ist ein auf dem Balkan gebräuchlicher Ausdruck für Genuss.

Laut Jakic verbreiten sich neue Wörter heute extrem schnell. „Wörter reisen schneller als je zuvor“, schreibt der Lehrer. Dank Social Media könne ein Begriff „morgens in Berlin, mittags in Wien, abends in Linz“ auftauchen. Wer sich darüber aufregt, bekommt von der jungen Generation oft nur eine Antwort: „Chill mal!“

Standardsprache soll bleiben

Jakic betont trotz aller Sprachtrends, dass die Standardsprache wichtig bleibt. Gerade in Schule, Ausbildung und Beruf dürfe sie nicht verloren gehen.

Denn auch wenn sich Jugendsprache ständig verändert, gilt: Die „Habibis“ von heute könnten irgendwann selbst erleben, wie ihre eigenen Wörter von der nächsten Generation verdrängt werden.