Die Zahl der IS-Kämpfer in Syrien sei innerhalb von etwas mehr als einem Jahr von geschätzten 2.000 auf bis zu 10.000 angewachsen. Andere Schätzungen fallen deutlich niedriger aus. Dennoch steht für die irakische Führung fest, dass jede Stärkung der Organisation jenseits der Grenze unmittelbare Auswirkungen auf die eigene Sicherheit haben kann.

„Eine Organisation – egal wo“

„Das stellt eindeutig eine Gefahr für den Irak dar, denn der IS – ob in Syrien oder im Irak oder irgendwo auf der Welt – ist eine Organisation“, sagt al-Shatri. Diese Organisation werde versuchen, erneut Gebiete zu finden, von denen aus Angriffe möglich sind.

Al-Shatri ist der zentrale Ansprechpartner für syrische Sicherheitsfragen. Im vergangenen Jahr reiste er drei Mal nach Damaskus zu Gesprächen mit Syriens Präsident Ahmed al-Sharaa. Diese Kontakte fanden in einer Phase tiefgreifender Umbrüche statt, die die Sicherheitslage in der gesamten Region beeinflussen.

Gefängnisse, Fluchten und schnelle Reaktionen

Wie die Washington Post berichtete, haben besonders die jüngsten Ereignisse im Nordosten Syriens die Sorgen verstärkt. Syrische Regierungstruppen drängten kurdisch geführte Kräfte zurück, die dort lange die Kontrolle hatten. Während der Kämpfe kam es zu Chaos in Gefängnissen, in denen Tausende IS-Angehörige festgehalten wurden. Mehrere Insassen flohen in die Wüste, viele von ihnen wurden später erneut festgenommen.

Der Irak reagierte mit der Entsendung Tausender Soldaten und Milizionäre an die Grenze zu Syrien. Die Szenen wecken Erinnerungen an die Zeit, als IS-Konvois ungehindert zwischen Raqqa und Mossul unterwegs waren.

Neue Kämpfer, bekannte Muster

Nach Angaben al-Shatris haben sich dem IS in den vergangenen Monaten Kämpfer angeschlossen, die zuvor Präsident al-Sharaa nahestanden, sich jedoch von dessen politischem Kurs abgewandt haben. Auch Überläufer aus anderen militanten Gruppierungen wie Jabhat al-Nusra und Ansar al-Sunna zählen dazu.

Zudem gelang es dem IS, arabische Stammesangehörige zu rekrutieren, vor allem in sunnitischen Gebieten, die bis vor Kurzem unter kurdischer Kontrolle standen. Extremisten, die ihren bisherigen Organisationen weiterhin loyal sind, werden in diesen Zahlen nicht mitgezählt.

Unterschiedliche Einschätzungen der Bedrohung

Der Forscher Orwa Ajjoub sagt: „Der IS hat definitiv vom Sicherheitskollaps des syrischen Regimes profitiert.“ Gleichzeitig gebe es keine Hinweise auf eine grundlegende Veränderung der Fähigkeiten oder der Angriffsdimensionen. Die Gruppe nutze vor allem Sicherheitslücken für kleinere, bewegliche Angriffe.

Zeitgleich verändert sich die militärische Präsenz der USA im Irak. Die letzten US-Truppen haben den Stützpunkt Ain al-Asad in der Provinz Anbar verlassen. Amerikanische Kräfte sind nun nur noch in Irbil stationiert und sollen ihren Einsatz dort bis zum Jahresende beenden.

Mehr Verantwortung für irakische Kräfte

Al-Shatri sieht mögliche Auswirkungen des Abzugs auf gemeinsame Sicherheitsoperationen, insbesondere in schwer zugänglichen Gebieten wie dem Hamrin-Gebirge. Dort halten sich nach Einschätzung irakischer Stellen noch rund 500 IS-Kämpfer auf.

Gleichzeitig betonen irakische Verantwortliche, dass die eigenen Sicherheitskräfte heute besser ausgebildet, erfahrener und technisch stärker aufgestellt sind als in den Jahren des offenen Krieges gegen den IS. Der Geheimdienstaustausch mit den USA soll fortgeführt werden.

Ein veränderter Irak

Viele irakische Offizielle halten eine erneute territoriale Ausdehnung des IS für unwahrscheinlich. Saeed al-Jayashi vom Nationalen Sicherheitsrat sagt: „Der Irak 2025 und 2026 ist so anders als der Irak 2014.“

Bagdad zeigt diesen Wandel im Stadtbild: frühere Sperrmauern sind verschwunden, die Green Zone ist geöffnet, neue Hochhäuser, Geschäfte, Restaurants und Einkaufszentren prägen die Stadt. Nach zwei Jahrzehnten nahezu ununterbrochener Konflikte sehen viele Iraker erstmals eine Phase relativer Stabilität.

Auch General Abdelwahab al-Saeedi, einst Kommandeur der irakischen Anti-Terror-Einheiten, sagt, die Führungsstruktur des IS sei zerstört. Die Organisation verfüge weder über die finanziellen Mittel noch über die militärische Ausstattung früherer Jahre.

Syrien als Unsicherheitsfaktor

Trotzdem sorgen die Entwicklungen in Syrien für Unruhe. Der Aufstieg von Präsident al-Sharaa, der Jahre in irakischen Gefängnissen verbrachte, wird von Teilen des irakischen Sicherheitsapparats mit Misstrauen betrachtet. „Es ist schwer, Vertrauen aufzubauen“, sagt al-Jayashi.

Besonders kritisch sehen irakische Sicherheitskreise den Rückzug der kurdischen Kräfte aus Nordostsyrien. Diese hatten eng mit den USA gegen den IS zusammengearbeitet. Proteste irakischer Kurden vor dem US-Konsulat in Irbil spiegeln diese Sorgen wider.