Punkt 11.15 Uhr betritt Yannick Nézet-Séguin den Goldenen Saal des Musikvereins – grinsend, locker, ohne Dirigentenpult. Allein dieser Verzicht auf ein zentrales Symbol der klassischen Autorität setzt ein Zeichen: Distanz war gestern, Nähe ist angesagt.

Auch optisch hebt sich der Frankokanadier deutlich von seinen Vorgängern ab. Silbern lackierte Fingernägel, ein Flinserl im Ohr, dazu ein offenes, beinahe spielerisches Auftreten. Nézet-Séguin dirigiert mit dem ganzen Körper, bewegt sich viel, sucht Blickkontakt. Sein erklärtes Ziel: Freude an der Musik, nicht museale Ehrfurcht.

Musikalisch bleibt das Konzert dennoch fest im klassischen Rahmen. Neu ist allerdings die Programmauswahl: Erstmals wurden beim Neujahrskonzert gleich zwei Werke von Komponistinnen gespielt – ein Umstand, den der Dirigent bewusst gewählt hat. Musik solle verbinden und die Gegenwart widerspiegeln, so seine Begründung – berichtet die heute.

ORF entdeckt plötzlich eine „weibliche Handschrift“

Für Stirnrunzeln sorgte hingegen eine Aussage aus dem ORF. Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz sprach von einer „spürbaren weiblichen Handschrift“ beim Neujahrskonzert – unter anderem wegen der Werke von Komponistinnen und eines von einer Frau gestalteten Pausenfilms.

Die Frage drängt sich auf: Seit wann braucht Musik beim Neujahrskonzert eine Geschlechterzuschreibung?
Johann Strauss klingt nicht männlich oder weiblich. Ein Walzer wird nicht besser oder schlechter, weil er von einer Frau komponiert wurde. Kunst folgt Qualität – nicht Quote.

Dass der ORF ausgerechnet beim weltweit bedeutendsten Klassik-Event mit Identitätsetiketten hantiert, wirkt weniger progressiv als ideologisch. Nézet-Séguin selbst liefert dafür keinen Anlass: Er spricht über Musik, nicht über Gender. Über Interpretation, nicht über Symbolpolitik.