Das Playbook Minneapolis: Warum ICE-Abschiebungen scheitern – Gesellschaft im Wahn
Es sind Videoschnipsel, wackelig und unscharf, die sich wie fiebrige Albträume in die Erinnerung brennen: Bewaffnete Beamte der Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE, oft gekleidet in schusssichere Westen und paramilitärische Montur, töten Anti-Abschiebungs-Aktivisten in Minneapolis, die sich ihnen in den Weg stellen.
Von Jan A. Karon
So passiert bei der 37-jährigen Renée Good, die mit drei Schüssen am 7. Jänner getötet wurde, als sie mit ihrem Pickup-Truck auf einen Beamten zufuhr; so geschehen bei dem 37-jährigen Alex Pretti, nur 17 Tage später, mit zehn Schüssen, bei einer Auseinandersetzung auf offener Straße. Mit Handykameras nehmen Umstehende die Tötung von Good und Pretti auf, die Videos gehen später viral.
Vom Shitstorm zur Zweifelzone: Warum der Fall Pretti neue Fragen aufwirft
Die eingefangenen Momente sind tragisch, sie werden spätestens in den Debatten danach zum Spiegel der tiefen Spaltungen westlicher Gesellschaften, bei der sich Lager unversöhnlich gegenüberstehen und Internetnutzer zu Ad-hoc-Experten in ihren Wohnzimmern avancieren, welche Sekundenbruchteile in ihrem Sinne interpretieren. Die einen behaupten, ICE-Beamte würden morden, Unschuldige hinrichten. Andere erwidern, die Arbeit von Beamten würde von Linksextremen torpediert, die sich ihnen in den Weg stellten und selbstverschuldet Kollateralschäden in Kauf nähmen. War das wirklich eine unmittelbare Bedrohung für die Beamten? Hätte man die Situation durch Vermittlung entschärfen können?
Die Debatte verkommt rasch zu einem digitalen Tribunal. Während ich die Schussabgabe im Fall von Renée Good öffentlich verteidigt habe – eine Position, die mir einen Shitstorm einbrachte –, weil es mir aus der Perspektive der Beamten nachvollziehbar erschien, in einem herannahenden Fahrzeug eine tödliche Gefahr zu erkennen, die das eigene Leben bedroht, wirft die Tötung von Alexander Pretti aus meiner Sicht Fragen auf. Fragen ob der Verhältnismäßigkeit, des Beamtenvorgehens, der fehlenden Deeskalation, und: der Schüsse auf einen Wehrlosen.
War lange Zeit nicht sicher, ob ich mich zu Minnesota und dem ICE-Vorfall äußern soll, weil es zweifelsohne tragisch und traurig ist, aber aus diesem Video geht für mich eindeutig hervor: Renee Nicole Good blockiert die Zufahrt für Beamte, widersetzt sich den Anweisungen der… pic.twitter.com/16Tok3qK3s
— Jan A. Karon (@jannibal_) January 9, 2026
Doch in diesem Text soll es nicht um die detaillierte Bewertung der Rechtmäßigkeit der Handlungen in diesen zwei spezifischen Fällen gehen. Viel bemerkenswerter erscheint, inwiefern die Ausschreitungen ein Leitfaden und eine Blaupause für Strategien darstellen, die Abschiebungen nicht nur in den USA, sondern auch in europäischen Ländern systematisch sabotieren könnten. Und was die Eskalation in Minneapolis über das Selbstverständnis einer Anti-Abschiebe-Kaste und die Risse der westlichen Gesellschaften verrät.
Arbeitsteilige und konspirative Störaktionen, die eigentlich für etwas Größeres stehen
Um das wirklich zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, was in Minneapolis derzeit geschieht, jenseits der sensationslüsternen Schlagzeilen, der tragischen Einzelfälle und der viralen Clips: Zehntausende Bürger haben Teile der Stadt im Norden der USA in den vergangenen Wochen in eine autonome Sperrzone verwandelt; ein Gebiet, in dem der Einsatz von Bundesbeamten systematisch behindert, sabotiert und manchmal sogar gewaltsam verhindert wird.Die Aktivisten stellen sich den Agenten in den Weg, blockieren Straßen, umzingeln Fahrzeuge und behindern Operationen, bei denen Beamte legitimiert sind, illegale Einwanderer (in vielen Fällen Sexual- und Gewaltstraftäter, Gangmitglieder, Kartellbosse) festzunehmen. Laut offiziellen Berichten der ICE entfallen über 90 Prozent der Festnahmen auf bereits verurteilte Straftäter, oft mit Delikten wie Mord, Vergewaltigung, Drogenschmuggel oder Bandenkriminalität im „criminal record“. Schauplatz der jetzigen Eskalation ist Minneapolis: also die Stadt, die bei Wahlen stets blau (also: links) wählt, und jüngst zweifelhafte Berühmtheit erlangte, weil der Journalist Nick Shirley enthüllte, dass sie Schauplatz eines gigantischen Sozialbetrugs durch die somalische Community wurde.
Die Sabotageakte der linken „Zivilbevölkerung“ im Rahmen der Anti-ICE-Proteste dienen dabei in den seltensten Fällen dem Schutz Unschuldiger, sondern legen Zeugnis darüber ab, wie weite Teile einer linken Gesellschaft den Staat als Feind betrachten und ihre Handlungen selbst zu einer Art kollektiven Notwehr erheben. Es handelt sich auch nicht um „Demonstrationen“ im klassischen Sinne, wie sie etwa der Journalist Stephan Anapalagan sie in seinen Äußerungen auf X bezeichnete – ähnlich wie die Blockaden deutscher Autobahnen durch Antifa-Gruppen beim JA-Gründungskongress in Gießen auch kein friedlicher Protest waren. Vielmehr handelt es sich um Straftaten. In Minneapolis erfüllen diese Aktionen klare Straftatbestände wie Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und sogar Verschwörung zur Behinderung der Justiz, die mit hohen Strafen geahndet werden könnten.
Doch nicht mal die bloße Umschreibung als „Störaktionen“ würde dem Phänomen gerecht, da sie die Tiefe und Organisation der Sabotage unterschätzt: Das Vorgehen, das seit Wochen in der nordamerikanischen Stadt anhält, stellt eine orchestrierte Kampagne dar, die ganze Viertel erfasst, Zehntausende mobilisiert und die Politik der gewählten Regierung unter Donald Trump effektiv lahmlegt.
Ein Blueprint nach quasi-militärischen Prinzipien
Die Sabotage in Antifa-Manier, arbeitsteilig und konspirativ organisiert, ist dabei womöglich auch ein „Blueprint“ für künftigen Widerstand anderswo. Zumindest zeigen die Aktivisten, wie man vorgehen könnte, wenn man staatliche Abschiebepraxius sabotieren will: „Spotter“ observieren ICE-Beamten, „Dispatcher“ koordinieren Bewegungen in Echtzeit, mobile Patrouillen verfolgen Fahrzeuge der Beamten. Illegale Migranten werden gewarnt und versteckt. Der Informationsaustausch zwischen Anti-ICE-Aktivisten wird in Echtzeit über verschlüsselte Kommunikationsapps organisiert, um Spuren zu verwischen. Zu der Strategie gehört auch die Denunziation, Einschüchterung und direkte Gewalt gegen Beamte mit dem Zweck, kriminelle Migranten vor Ausweisung zu schützen. Nichts davon ist legal, nichts davon fällt unter das Demonstrationsrecht und die Praxis hat auch nichts mit dem Schutz des Ersten Zusatzartikels der US-amerikanischen Verfassung gemein, der freie Meinungsäußerung schützt. Dieser würde jede noch so große Kundgebung erlauben, aber nicht minutiös geplante Rebellion. Sie besteht vielerorts aus gewalttätigen Aufständischen, aus „insurrectionists“, die, um es mal herunterzubrechen, die öffentliche Ordnung gefährden.
Das Vorgehen deckte der konservative Journalist Cam Higby unter dem Oberbegriff „Signal Gate“ auf. Higby infiltrierte Signal-Gruppen vor Ort und enthüllte, wie tief und professionell die Organisation reicht: Jede Stadtzone, so Higbys Recherche, hat eigene Chats mit bis zu 1.000 Mitgliedern, die täglich erneuert und gelöscht werden, um Entdeckung zu vermeiden. Emojis markieren Rollen. Plattenprüfer gleichen Nummernschilder mit Personalien in Datenbanken ab, GPS-Koordinaten von Beamten werden ebenso publik gemacht wie Wohnanschriften und Unterkünfte. Das Tracking der Beamten folgt dem „SALUTE“-Prinzip, was für „Size, Activity, Location, Uniform, Time und Equipment“ steht und Auskunft darüber gibt, wer, wo und mit welcher Ausstattung auftaucht. Die New York Post rekonstruierte ein ganzes linksextremes Netzwerk, das von gewalttätigen Antifa-Mitgliedern bis hin zu Juristen und Politikern reicht, und die den Aufstand von Minneapolis orchestrieren.
🧵🚨 MINNEAPOLIS SIGNAL INFILTRATED
— Cam Higby 🇺🇸 (@camhigby) January 24, 2026
I have infiltrated organizational signal groups all around Minneapolis with the sole intention of tracking down federal agents and impeding/assaulting/and obstructing them.
BUCKLE UP ALL WILL BE REVEALED
Each area of the city has a signal… pic.twitter.com/ATSHlCucWv
Eric Schwalm, pensionierter Elitesoldat der Einheit „Green Beret“ mit umfangreicher Erfahrung in der Bekämpfung von Aufständen, sah in den Strukturen der Anti-ICE-Bewegung in Minneapolis ein alarmierendes Muster: Es handele sich, so Schwalm auf X, nicht um bloße Proteste, sondern um einen niedrigschwelligen Aufstand, hinter dem ein Netzwerk mit Kommando- und Kontrollstruktur (C2), strenger operativer Sicherheit (OPSEC) und einer Bereitschaft, Verluste hinzunehmen, stehe, um die „stärkere Kraft“, den Staat, durch anhaltende Belastung langsam „ausbluten“ zu lassen. Widerstand als Zermürbungstaktik.
Diese heimische und trainierte Widerstandsart erinnerte Schwalm an verschwörerische Zellen aus den 2000er Jahren im Ausland – und stellt ihm zufolge ein Phänomen, das Amerika wachrütteln sollte, bevor es sich ausbreitet. Die Geschichte, so Schwalm, lehrt, dass solche Gruppen nicht von allein deeskalieren oder gar verschwinden. Und an seine Ausführungen schließt sich automatisch die Frage an: Was, wenn andere Städte das Vorgehen in Minneapolis kopieren?
As a former Special Forces Warrant Officer with multiple rotations running counterinsurgency ops—both hunting insurgents and trying to separate them from sympathetic populations—I’ve seen organized resistance up close. From Anbar to Helmand, the pattern is familiar: spotters,…
— Eric Schwalm (@Schwalm5132) January 25, 2026
Wohin der Aktivismus der Anti-Abschiebe-Gruppen führt, wurde ebenfalls im Laufe der vergangenen Woche sichtbar: Wo sie nicht nur nach dem „SALUTE“-Prinzip geoutet wurden, griffen Demonstranten ICE-Agenten an, lockten sie in Hinterhalte und demolierten ihre Hotels. Es ist keine Täter-Opfer-Umkehr, auf dieses gezielte Vorgehen hinzuweisen, das das Leben von Beamten gefährdet.
Diese wiederum, das gehört ebenfalls zur Wahrheit, lassen mancherorts Qualifikation vermissen und stellen Schlägertrupps dar, die im Schnelldurchlauf ausgebildet wurden. ICE-Agenten wurden in einer Art Schnell-Rekrutierung angeworben, um Abschiebungen durchzusetzen, manchen von ihnen fehlt die Ausbildung, die sich Polizisten hierzulande antrainieren. Eine gewaltsame Konfrontation ist in diesem Sinne von vornerein im Konflikt angelegt. Aber ICE-Beamte sind nunmal befugt, Regierungspolitik durchzusetzen – und Ausweisungen zu forcieren.
🚨 BREAKING: Federal agents in St. Paul pursued a man who fled in a vehicle and struck multiple officers — one agent fired shots in defensive response before the suspect was taken into custody.pic.twitter.com/TZLoDC2FPT
— Derrick Evans (@DerrickEvans4WV) January 26, 2026
Geplünderte Hotels und markierte Journalisten
In dem klandestinen und partiell linksextremen Resonanzraum passierten dann in der Tat Tötungen durch Schussabgaben von ICE-Beamten, die auch Menschen hierzulande schockieren. Die Trauer ist insofern verständlich, als dass niemand vor laufender Kamera sterben oder erschossen werden sollte – und als dass normale Menschen ein Mindestmaß an Empathie haben, das den Getöteten, Verletzten, Hinterbliebenen gilt. Auch wirkt das Setting der harmlos anmutenden Gegendemonstranten, die aufgepumpten ICE-Beamten gegenüberstehen, auf den ersten Blick wie das ungleiche Duell zwischen dem guten Underdog und dem bösen Peiniger.
Und um es vorwegzunehmen: Nein, auch Renée Good oder Alexander Pretti haben es nicht „verdient“, zu sterben, weil sie Teil eines Anti-Abschiebe-Komplexes waren, der ihnen in Schulungen vermittelte, sie würden etwas Edles tun, wenn sie Ausweisungsoperationen von ICE torpedieren. Man man das zurecht für Gehirnwäsche halten, aber nie für einen legitimen Grund, Genugtuung angesichts ihrer Erschießung zu empfinden. Good und Pretti sie sind aber ebensowenig die feingeistigen Lyrikerinnen und altruistischen Pfleger, zu denen sie manche Medien machen wollen.
Tragischerweise soll ausgerechnet Alex Pretti am 13. Jänner, elf Tage vor seinem Tod, ICE-Agenten angegriffen haben. Ein Video, das BBC am Mittwoch exklusiv veröffentlichte, zeigt einen Mann in hellbrauner Kleidung und mit Schusswaffe am Gurt, wie er an einer Straßenkreuz Beamte beleidigt, anspuckt und sogar einen Wagen tritt. Während der ganzen Videosequenz wirkt der Mann, der laut forenischen BBC-Analysen zu 97 Prozent Pretti darstellt, in einem Ausnahmezustand. Die Szenen vermitteln einen Eindruck davon, in welchem überbordenden Wahn Anti-ICE-Demonstranten wie Pretti gegen die Ausweisungen in Minneapolis vorgehen. Auch Good blockierte mit ihrem Pick-Up Zufahrtswege und widersetzte sich Anweisungen von Beamten, während ihre Lebensgefährtin „Drive Baby Drive!“ zurief, bevor Good aufs Gaspedal drückte, einen Beamten anfuhr und erschossen wurde.
Die Markierung als „böse“ macht indes nicht bei ICE-Beamten Halt. So gelten auch konservative Journalisten als Feindbilder, die von der Straßen-Antifa markiert und zur Zielscheibe werden: Higby, der die Signal-Chats infiltrierte, reiste selbst mit Personenschutz durch die Stadt, um seine Arbeit überhaupt wenige Tage lang verfolgen zu können. Der Journalist James O’Keefe erhielt Zuschriften auf Signal, die ihm mit dem Tod drohten und sein Kennzeichen öffentlich machten. Und der konservative Publizist Nick Sortor wurde mehrmals von linken Aktivisten angegriffen: Bei einem Vorfall wurde sein Fahrzeug umzingelt und mit Müll beworfen, Sortor selbst wurde bespuckt und mit verbalen Drohungen wie „I hope you all kill yourselves!“ konfrontiert. Für konservative Medienmacher und „citizen journalists“ ist die Arbeit in Minneapolis aktuell kaum möglich.
Man mag das aus bundesrepublikanischer Perspektive nicht glauben – und vermutlich auch nicht mitbekommen –, aber die Gewaltaffinität, der Organisationsgrad und die Professionalisierung von US-amerikanischen Antifa-Strukturen übersteigt die deutscher Antifas um ein Vielfaches. Dies zeigte sich auch im vergangenen Jahr in Portland, wo Anti-ICE-Demonstranten US-Flaggen verbrannten, Journalisten mit abweichender Meinung brutal angriffen und Menschen belagerten, die vor Ort diskutieren wollten. An dem Gebäude der ICE-Behörden im Bundesstaat Oregon, darunter Portland und Eugene, schmierten die Aktivisten Tötungsaufrufe gegen Polizisten. Auch pazifischen Nordwesten wurde deutlich: Bei den Anti-ICE-Protesten mischen hochgradig vernetzte und bestens organisierte Linksextremisten mit, die kaum eine Parole, kaum eine physische Konfrontation und kaum eine Sabotage dem Zufall überlassen, dafür aber nicht vor Gewalt zurückschrecken.
Die Ausnahmezustände in den Demokraten-Hochburgen Portland und Minneapolis verraten aber interessanterweise eine Menge über die Psyche linksliberalen US-amerikansicher Eliten: Der Geisteszustand linker, zumeist weißer und bildungsbürgerlich geprägter Aktivisten demonstriert eindrücklich, dass diese sich in einem Kampf gegen den Faschismus wähnen und dabei jede Gegenmaßnahme als gerechtfertigt sehen. ICE wird in Vierteln wie St. Paul (Minneapolis) und Hawthorne (Portland) als das ultimative Böse angesehen; Abschiebungen gelten als krimineller und moralisch verwerflicher Akt; und Beamte als Unmenschen, die kein Mitgefühl verdienen.
Wenig überraschend häufen sich auch deshalb die Vergleiche zwischen ICE und Nazi-Deutschland: So wird die Behörde wird immer wieder als „Gestapo“ tituliert (Tim Walz, Bruce Springsteen), der ihnen übergestellte Trump als Neofaschist bezeichnet, und der Grenzschutzkommandant Greg Bovino wurde unlängst sogar zum „eiskalten Menschenjäger“ (taz) erklärt, der auch auf aufgrund eines olivgrünen Greatcoats im militärischen Stile als Wiederkehr Hitlers angesehen wurde. Die Vergleiche gingen so weit, dass sich selbst das Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., nicht gerade dafür bekannt, sonderlich rechts zu sein, sich gezwungen sah, zu intervenieren: Tim Walz’ Vergleich der US-Einwanderungs-Operationen mit Nazi-Deutschland sei „zutiefst beleidigend“, so das Museum.
Die Feststellung ist aber entscheidend. Erst wenn man sich aber im Kampf gegen die Wiederkehr des NS-Regimes wähnt, dann ermächtigt dies einen, vor nichts mehr zurückzuschrecken: und Abschiebungen von ICE-Beamten, notfalls mit Gewalt, zu verhindern. Jedem normalen Menschen sollte klar sein: Sich diesen breitgebauten ICE-Gorillas entgegenzustellen, ist nicht nur dumm, sondern gefährlich; ihre Anweisungen zu ignorieren, töricht; mit Waffen zu protestieren, lebensbedrohend; und Autos in die Beamten zu lenken, ein Todesurteil. Man mag es sich aus linker Perspektive nicht eingestehen, aber in dieser antifaschistisch legitimierten Widerstandshaltung gegen den angeblichen „Nationalsozialismus 2.0“ liegt nicht die einzige, aber eine der Ursachen, warum Menschen wie Good und Pretti am Ende sterben mussten.
Doppelte Standards und selektive Trauer
Dieser Wahnzustand zeigt sich aber auch in der Unterhaltungsindustrie: Der Comedian Jimmy Kimmel brach in seiner Late-Night-Show in Tränen aus wegen der Ereignisse in Minneapolis, betrauerte die Familien von Good und Pretti und forderte „neue Führer“, um die „Unmenschlichkeit“ zu stoppen. Es ist kein Whataboutism und mehr als ein Nebengeräusch, dass eben jener Kimmel nie ein Wort über Iryna Zarutska verlor: die 23-jährige Ukrainerin, die in Charlotte in einem Zug von Decarlos Brown Jr., einem Schwerverbrecher mit 14 Vorstrafen, brutal erstochen wurde, was Überwachungskameras aufzeichneten.
An Kimmels Late-Night-Stand zeigt sich, dass Leben nur nur dann zählen, wenn sie in ein linksideologisches Narrativ und Opferhierarchie passen. Und nur dann postuliert werden, wenn die eigenen Emotionen inszenier- und vermarktbar sind, ganz im Sinne des „virtue capitalism“ des 21. Jahrhunderts. In vielerlei Hinsicht gleicht der Kontrollverlust dem zivilreligiösen Moment, den die Tötung George Floyds durch den Polizisten Derek Chauvin 2020 auslöste. Auch die Tötung ereignete sich in Minnesota; und auch damals ging es nicht schnell genug, sich mit hehren Bekenntnissen auf die richtige Seite zu schlagen („take a knee“), schwarzes Instagram-Quadrat und Hastag blacklivesmatter. Erst später stellte sich heraus, dass Floyd, kriminell und drogenabhängig, keineswegs der Held war, zu dem er stilisiert wurde – und wohl auch deshalb ums Leben kam, weil er zum Tatzeitpunkt unter Einfluss von Medikamenten und Rauschgift stand.
Auf seine Tötung folgten Plünderungstouren und Brandschatzungen, die ganze Innenstädte zerlegten, im Namen der guten Sache versteht sich. Das Playbook von Minneapolis spielt sich, das nur am Rande, im selben Land ab in welchen konservative Studenten vor wenigen Monaten nicht plünderten und demolierten, nicht sabotierten und bedrängten, nicht doxten und demolierten, – sondern weinten und sangen, als Charlie Kirk von einem links-nihilistischen Täter erschossen wurde.
Ein nüchterner Blick auf Zahlen in den USA zeigt aber, dass der linke Wahn angesichts von Donald Trumps jetziger Ausweisungspraxis überzogen ist – und verlogen: Unter Barack Obama kam es zwischen 2009 und 2016 zu mehr als drei Millionen Abschiebungen. Seit 2004 starben 193 Menschen in Immigrationshaft, oft unter fragwürdigen Umständen. In Trumps zweiter Amtszeit seit 2025 kamen Behörden auf rund 605.000 Abschiebungen, mit 32 Todesfällen im Jahr 2025. Die Verstorbenen und Ausgewiesenen übersteigen also das vorige Niveau, aber in einem statistischen Maß, das keineswegs eine anormale Abweichung darstellt. Ironischerweise war Barack Obama selbst derjenige, der im Jahr 2010 an Demokraten appellierte, nicht aus moralischen Gründen Ausweisungen zu torpedieren, sondern sie im Sinne der Rechtsstaatlichkeit zuzulassen. Obama trug, nach allem, was bekannt ist, nie einen olivgrünen Militärmantel.
Und noch etwas fällt auf: In Texas, wo 23 Prozent der ICE-Abschiebungen (und damit zehnmal so viele wie in Minnesota) stattfinden, fanden keine Umsturzhandlungen, keine Straßenschlachten, keine Plünderungen statt, was zumindest deutlich macht: Die Eskalation geht in erheblichen Maße auch auf den Widerstand der sich widersetzenden Stadtbevölkerung Minnesotas zurück.
Von „Aufstand der Anständigen“ zur Weißen Rose ist der Weg nicht weit
Dies sind aber Fakten, und Fakten, und generell Abwägung, spielen keine Rolle mehr bei verhärteten Fronten, wo Emotionen dominieren.
Auf einer Seite steht eine Antifa-Praxis, die sich als Widerstand gegen „brutale“ Abschiebungsmaßnahmen sieht und dabei nicht vor schwerer Gewalt zurückschreckt; auf der anderen Seite sind rechtskonservative Politiker und Kommentatoren, die Abschiebungen als notwendig erachten, um Kriminalität zu bekämpfen und die Demografie zu stabilisieren. ICE-Beamte führen dies im Sinne von Regierungspolitik aus.
Aus deutscher Sicht sollte man Minneapolis genau beobachten, da die Vorgänge in der Stadt Vorbild und Leitfaden für Widerstand auf deutschen Straßen werden könnte: Die Koordination über Apps, die Involvierung von Politikern und NGOs, der indirekte Einsatz von Steuergeldern für Sabotage, Straßenblockaden, tätliche Angriffe und nicht zuletzt die Selbstverortung als Kämpfer „gegen Rechts“ in Endzeitmission würden bei forcierten Abschiebungen unter einer AfD-Regierungsbeteiligung schnell auch hierzulande auf der Tagesordnung stehen. Vom „Aufstand der Anständigen“ ist es bis zur modernen Weißen Rose nicht mehr weit, und einen Vorgeschmack auf die Empfänglichkeit von Massen für diese einfachen Botschaften und geschichtsvergessenen Analogien gaben nicht zuletzt die „Brandmauer“-Demonstrationen nach der Correctiv-Enthüllung um das „Remigrationstreffen“ in Potsdam sowie die gemeinsame Abstimmung der CDU/CSU mit der AfD im Bundestag. Auch auf deutschen Plätzen erhoben mutige Demonstranten schnell die Stimme – und wähnten sich auf den Barrikaden, „leistet Widerstand, gegen den Faschismus hier im Land.“
Eine unschöne Erkenntnis von Minneapolis dürfte sein, dass hässliche Bilder derjenige in Kauf nehmen muss, der die Ausweisung Illegaler und Krimineller fordert. Diese Bilder werden die Öffentlichkeit, auch in Zukunft, emotionalisieren: Eine, wie auch immer geartete, Ausweisungsoffensive wird nicht so ablaufen, dass man Kriminelle und Ausreisepflichtige höflich anfleht, bitte zu gehen, diese daraufhin verständnisvoll nicken, eine Unterschrift auf ein Dokument setzen und binnen einer Woche das Land verlassen. In manchen Fällen mag dies möglich sein – und ein Staat sollte auch durch softe Mittel eine Umkehr von Migrationsbewegungen incentivieren –, bei Härtefällen und Menschen, die nichts zu verlieren haben, wird aber Freiwilligkeit nichts bringen. Vielmehr wird sich auch in Europa schon bald zeigen: Abschiebungen sind konfrontativ, oft gewalttätig, emotional aufwühlend. Sollte man deshalb darauf verzichten? Natürlich nicht.
In der grundsätzlichen Ablehnung dieser Praxis, die mitunter in Eigengefahr mündet und an deren Ende der Tod steht, zeigt sich aber ein generationaler Geisteszustand, der den Kampf gegen empfundenes Unrecht zu heroischem Widerstand überhöht, ohne die eigenen historischen Prämissen zu hinterfragen – und der sich vor (illegale) Migranten stellt, selbst wenn diese kriminell sind und Opfer fordern. Doch der Protest, die Bilderflut, die Entrüstung, sie zeigen Wirkung: Der Großteil der Beobachter, auch hierzulande, hat kein Verständnis für das ICE-Vorgehen in Minneapolis. Trump könnte, auch in Erwartung einer heftigen Niederlage bei den Midterm-Wahlen, schon bald zurückrudern und auf Deeskalation setzen. Eine Lösung für die Demokratie, die stimmungs- und bildergetrieben ist, zeichnet sich ab.
In jedem Fall ist der Wahnzustand von Minneapolis aber einer, der den Westen – und somit auch Europa – bedroht: sowohl aufgrund falsch verstandener Toleranz der Guten und Anständigen, als auch aufgrund der Tatsache, dass ausbleibende Abschiebungen früher oder später demografische Fakten schaffen werden. In diesem Sinne wirft Minneapolis Schatten voraus, die auch Europa einholen werden.
Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partner-Portal NiUS erschienen.
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