Das Projekt „Nachbarinnen“ wird oft als Vorzeigemodell für die Integration migrantischer Frauen präsentiert. Gefördert durch den Bund sowie die Stadt Wien – die allein im Jahr 2024 rund 90.000 Euro beisteuerte – soll es Frauen aus isolierten Strukturen in die Mitte der Gesellschaft führen. Doch die Arte-Dokumentation „Re: Integration à la Wien“ zeichnet ein Bild, das bei Zuschauern für Fassungslosigkeit sorgt. Was als Erfolg verkauft wird, entpuppt sich in Internetforen wie Reddit schnell als „Ragebait“.

Bildungsdefizite im Fokus: Integration beginnt bei der Zahnbürste

Wie groß die Unterschiede in den Ausgangsvoraussetzungen sein können, zeigt das Beispiel der 26-jährigen Maisaa. Die Syrerin kam vor einigen Jahren nach Österreich und lebt mit ihrem Mann Reit und ihren fünf Kindern in einer kleinen Wohnung. Im Rahmen des Projekts „Nachbarinnen“ erhält sie Unterstützung im Alltag. Dabei wird deutlich, dass selbst grundlegende Bereiche wie Ernährung, Gesundheitsvorsorge und tägliche Routinen erst systematisch vermittelt werden müssen. So erklärt die Betreuerin Fatima etwa, wie eine ausgewogene Ernährung gestaltet werden soll und warum Zähneputzen Teil der täglichen Routine ist.

Auch die Sprachvermittlung setzt sehr niedrigschwellig an und knüpft an einfache Alltagssituationen an. Beispielsweise werden Begriffe über konkrete Handlungen eingeführt, etwa beim Benennen von Farben im Zusammenhang mit Zahnbürsten. Das zeigt, dass Integrationsarbeit in manchen Fällen bei Basisfertigkeiten ansetzen muss, die nicht vorausgesetzt werden können. Für Außenstehende kann dieser Zugang ungewohnt wirken, da er grundlegende Kompetenzen aufbauen muss um eine eigenständige Lebensführung zu ermöglichen.

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Das „Erlebnis“ Supermarkt

Maisaa wird dabei unterstützt, eine Einkaufsliste zu schreiben, um die Artikel im Supermarkt selbstständig „abzuhaken“. Für die junge Frau, die in ihrer Heimat Syrien weitgehend isoliert lebte und nie alleine einkaufen durfte, ist dieser Akt der täglichen Routine ein großer Erfolg der Selbstbestimmung.

Dass eine erwachsene Frau in einer westlichen Metropole wie Wien nach Jahren des Aufenthalts erst lernen muss, eine Einkaufsliste zu schreiben und abzuhacken sobald sich das Lebensmittel im Einkaufswagen befindet, wirft ein Schlaglicht auf die tiefen patriarchalen Strukturen, in denen viele Betroffene verhaftet bleiben. Maisaa selbst gesteht im Film ein, dass sie die deutsche Sprache jahrelang vernachlässigt hat: „Ich habe mir die Frage auch schon gestellt, warum ich seit vielen Jahren hier bin und noch nicht die Sprache gelernt habe. […] Aber jetzt ist es ebenso.“

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Patriarchat und Parallelgesellschaft: „Arabische Männer wollen das“

Die Dokumentation macht die strukturellen Spannungen sichtbar, mit denen Integrationsprozesse beschäftigt sind. Hiba, die über eine arrangierte Ehe nach Österreich kam, beschreibt offen die Rollenbilder, mit denen sie aufgewachsen ist. Männer würden häufig erwarten, dass Frauen zu Hause bleiben und sich ausschließlich um Kinder kümmern. Erwerbsarbeit oder Eigenständigkeit seien in diesem Verständnis nicht vorgesehen. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Vorstellungen nicht konfliktfrei bleiben: Ihr Mann reagiert zunächst skeptisch auf ihre Entwicklung, aus Sorge, sie könnte sich zu weit von den bisherigen Strukturen lösen. Hiba lässt sich nicht abbringen und beginnt, Entscheidungen eigenständig zu treffen, bewegt sich zunehmend selbstständig im Alltag und hinterfragt traditionelle Erwartungen.

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Ottakring: Zwischen Damaskus-Nostalgie und Kriminalitätsschwerpunkt

Während der Sprecher der Dokumentation Ottakring als „bunten, lebendigen Stadtteil“ beschreibt, steht diese Darstellung im Kontrast zu den Schlagzeilen der vergangenen Jahre. Gebiete wie der Yppenplatz, Kulisse vieler Aufnahmen, stehen regelmäßig wegen

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in den Schlagzeilen.

Die Helferin Fatima schildert ihre Wahrnehmung des Brunnenmarkts aus einer persönlichen Perspektive. Sie geht diesen Weg bewusst, weil sie ihn als besonders lebendig empfindet. „Ich geh extra immer in diesem Weg. Ich find’s wunderschön und interessant. Ich kann auch an Damaskus erinnern. Die Gerüche, das Essen ist für mich ja alles wunderschön. Ich fühle mich hier wie in meiner Heimat“, beschreibt sie ihre Eindrücke.

Ein teures System am Limit

Auf Reddit wird die Dokumentation diskutiert. In den Kommentaren wird kritisiert, dass die gezeigten Probleme zwar sichtbar werden, jedoch weiterhin im bekannten Integrationsnarrativ eingeordnet werden. Ein Nutzer formuliert es so: „Die Dokumentation zeigt Symptome einer strukturellen Krise, deutet sie aber am Ende noch immer im alten Vokabular von Hilfe, Begleitung und ‚echter Integration‘.“

Darüber hinaus wird die grundsätzliche Integrationspolitik hinterfragt. So heißt es weiter, die eigentliche Frage sei nicht nur, wie Integration organisiert werde, sondern „ob Politik die Grenzen integrationsfähiger kultureller Distanz über Jahre systematisch unterschätzt hat.“