Fast sieben Jahre nach dem Tod des US-Milliardärs Jeffrey Epstein bleibt der Fall eines der größten ungelösten Rätsel der jüngeren US-Justizgeschichte. Am 10. August 2019 wurde der wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger angeklagte Finanzier tot in seiner Gefängniszelle im Metropolitan Correctional Center (MCC) in Manhattan gefunden.

Offiziell gilt sein Tod bis heute als Suizid. Doch neu veröffentlichte Ermittlungsakten des US-Justizministeriums sowie spätere Analysen zeichnen ein Bild voller Widersprüche – und werfen immer neue Fragen auf.

Der amtliche Befund wurde zwar mehrfach bestätigt, unter anderem durch den Bericht des Inspector General des Justizministeriums von 2023 sowie ein gemeinsames DOJ/FBI-Memo aus dem Jahr 2025. Gleichzeitig zeigen Dokumente, Videoanalysen und Zeugenaussagen, dass zentrale Elemente der Rekonstruktion der Todesnacht bis heute unklar bleiben.

Autopsie mit offenen Punkten

Die Autopsie wurde am 11. August 2019 von der New Yorker Gerichtsmedizinerin Kristin Roman durchgeführt. Zunächst ließ sie offen, ob Epstein durch Fremdeinwirkung starb oder sich selbst tötete und vermerkte auf dem Totenschein, dass weitere Untersuchungen erforderlich seien. Erst fünf Tage später erklärte ihre Vorgesetzte Barbara Sampson den Tod offiziell zum Suizid.

Doch Zweifel blieben. Der bekannte Forensiker Michael Baden, der im Auftrag von Epsteins Bruder bei der Autopsie anwesend war, verwies auf drei Brüche im Halsbereich. Nach seiner Einschätzung könnten solche Verletzungen eher auf eine Strangulation als auf ein Erhängen hindeuten. Roman selbst erklärte später unter Eid, die Frakturen seien durchaus mit einem Suizid vereinbar.

Ungewöhnlich bleibt jedoch ein anderer Punkt: Die Gerichtsmedizinerin durfte nach eigenen Angaben weder die Gefängniszelle selbst untersuchen noch das Gefängnispersonal befragen. Ihre Analyse basierte ausschließlich auf Fotografien des Tatorts.

Rätsel um die Schlinge

Selbst bei einem zentralen Detail der Todesnacht herrscht bis heute Unklarheit: der angeblichen Schlinge.

Zunächst präsentierten Ermittler eine Ligatur aus einem Bettlaken. Später tauchten Fotos von zwei weiteren möglichen Schlingen auf, die ebenfalls aus Epsteins Zelle stammten. Welche davon tatsächlich verwendet wurde, konnte offenbar nie eindeutig festgestellt werden.

In später ausgewerteten Ermittlungsakten wird zudem berichtet, dass die am Tatort sichergestellte Schlinge möglicherweise nicht eindeutig als die tatsächlich verwendete Ligatur identifiziert werden konnte – ein ungewöhnlicher Umstand bei einem der wichtigsten Beweisstücke eines Todesfalls.

Gefängnisversagen in der Todesnacht

In der Nacht von Epsteins Tod waren zwei Gefängniswärter für den Zellblock verantwortlich: Tova Noel und Michael Thomas. Beide versäumten mehrere vorgeschriebene Kontrollgänge und fälschten anschließend die entsprechenden Protokolle. Gegen die beiden wurde später Anklage erhoben – diese wurde jedoch später fallengelassen.

Der Bericht des Inspector General von 2023 zeichnet ein verheerendes Bild der Zustände im Gefängnis. Demnach kam es zu einer Reihe massiver organisatorischer Probleme: übermüdetes Personal, fehlende Sicherheitskontrollen, falsche oder unvollständige Protokolle, überschüssige Bettwäsche in der Zelle, und der Umstand, dass Epstein entgegen den Sicherheitsregeln ohne Zellengenossen untergebracht war.

Neue FBI-Unterlagen bringen zudem Wärterin Tova Noel erneut in den Fokus. Demnach suchte sie kurz vor der Entdeckung der Leiche auf ihrem Dienstcomputer nach aktuellen Informationen über Epstein im Gefängnis. Die entsprechenden Suchanfragen wurden laut Ermittlungsakten um 5.42 Uhr und 5.52 Uhr morgens registriert.

Gleichzeitig meldete ihre Bank mehrere ungewöhnliche Bareinzahlungen – insgesamt rund 11.800 Dollar. Darunter befand sich auch eine Einzahlung von 5000 Dollar wenige Tage vor Epsteins Tod.

Neue Dokumente präzisieren zudem die Abläufe in der Nacht: Neben Noel befand sich vor Mitternacht offenbar auch ein Gefängnismitarbeiter namens Ghitto Bonhomme im Bereich der Special Housing Unit. Michael Thomas übernahm seine Schicht erst später.

Eine mysteriöse Figur auf Video

Zusätzliche Fragen wirft ein Überwachungsvideo aus der Nacht auf. Darauf ist gegen 22.40 Uhr eine orangefarbene Gestalt zu sehen, die sich in der Nähe des Zelltrakts bewegt. Ermittler hielten es später für möglich, dass es sich um einen Beamten mit Bettwäsche oder Kleidung handelte. Sicher identifiziert wurde die Person jedoch nie.

Brisant ist dabei ein möglicher Widerspruch zu einer späteren offiziellen Darstellung: Ein veröffentlichtes FBI-Memo erklärte, dass zwischen etwa 22.40 Uhr und 6.30 Uhr niemand den betreffenden Gefängnistrakt betreten habe. Video-Logs legen jedoch nahe, dass sich zu diesem Zeitpunkt sehr wohl eine Person in Richtung des Zellbereichs bewegte.

Auch das Video selbst wirft Fragen auf

Selbst das veröffentlichte Überwachungsmaterial sorgt mittlerweile für neue Zweifel. In der öffentlich verbreiteten Version springt der Zeitstempel kurz vor Mitternacht plötzlich um genau eine Minute. Das Justizministerium erklärte dies als technischen Reset des Systems.

Spätere Analysen deuteten jedoch darauf hin, dass in einer vollständigeren Version diese Minute tatsächlich vorhanden sein könnte – und dort offenbar nichts Auffälliges zu sehen sei. Das würde darauf hindeuten, dass der verbreitete Clip möglicherweise nicht die vollständige Originalaufnahme darstellt.

Journalistische Analysen zeigen außerdem, dass das als „Rohvideo“ bezeichnete Material offenbar erst Jahre später exportiert wurde und aus mehreren zusammengesetzten Clips besteht. Metadaten deuten auf Bearbeitungsschritte mit Videosoftware hin.

Hinzu kommt: Die Kamera erfasst den eigentlichen Zugang zum Zellbereich gar nicht vollständig. Selbst wenn auf dem Video niemand zu sehen ist, lässt sich daher nicht mit Sicherheit ausschließen, dass sich Personen in Richtung der Zellen bewegten.

Millionen neue Dokumente

Neue Dynamik erhielt der Fall Anfang 2026. Damals veröffentlichte das US-Justizministerium mehr als drei Millionen Seiten Ermittlungsakten zum sogenannten Epstein-Komplex. Insgesamt könnten nach Behördenangaben über sechs Millionen Dokumente existieren.

Ein Teil der Unterlagen wurde später erneut überprüft oder vorübergehend entfernt, unter anderem um persönliche Daten von Opfern zu schützen

Gleichzeitig wächst der politische Druck in Washington. Der US-Kongress untersucht inzwischen sowohl die Todesumstände Epsteins als auch den Umgang der Behörden mit den Akten. Mehrere Senatoren forderten außerdem eine Prüfung durch den Government Accountability Office (GAO), um zu klären, ob möglicherweise Dokumente zurückgehalten wurden.

Das Justizministerium erklärte zudem, dass die veröffentlichte Sammlung auch Materialien enthalten könne, die ursprünglich aus öffentlichen Einsendungen an das FBI stammen – darunter möglicherweise auch fehlerhafte oder manipulierte Dateien.

Viele Fragen – keine endgültigen Antworten

Die neuen Dokumente liefern mehr Details als je zuvor – doch sie bringen keine endgültige Klarheit. Stattdessen bleiben zentrale Fragen offen:

Warum wurden Kontrollgänge stundenlang nicht durchgeführt? Weshalb durfte die Gerichtsmedizinerin die Zelle nicht selbst untersuchen? Welche Schlinge wurde tatsächlich verwendet? Wer ist die Person auf dem Überwachungsvideo? Warum widersprechen sich Video-Logs und offizielle Zeitangaben? Und warum wurde das angebliche Rohmaterial des Videos offenbar nachbearbeitet?

Fast sieben Jahre nach Epsteins Tod bleibt der Fall eines der rätselhaftesten Kapitel der jüngeren US-Justizgeschichte. Offiziell gilt der Tod weiterhin als Suizid – doch die Zweifel sind bis heute nicht verstummt.