Es sind gerade einmal drei Kilometer Luftlinie, die zwischen zwei Orten in Wuhan liegen, die auf unterschiedliche Weise weltweite Aufmerksamkeit erlangt haben: das Wuhan Institute of Virology und das Unternehmen Cabio Biotech. Das Virologie-Institut gilt als möglicher Ursprungsort des Coronavirus Sars-Cov-2, das 2020 eine weltweite Pandemie auslöste. Cabio Biotech wiederum steht im Verdacht, bakteriell belastetes Öl an führende europäische Hersteller von Säuglingsnahrung geliefert zu haben – darunter Nestlé, Danone und Lactalis. Verdächtig macht sich das Unternehmen auch deshalb, weil es Testergebnisse zurückhalten soll.

Öl aus Wuhan soll für Gift in Babynahrung verantwortlich sein

Es geht ausgerechnet um die Schutzlosesten: Säuglinge, die auf maximale Sicherheit angewiesen sind. In mehr als 60 Ländern auf der ganzen Welt mussten Händler in den vergangenen Wochen Babymilch zurückrufen, weil das Toxin Cereulid darin nachgewiesen worden sein soll. Der Vorwurf, der im Raum steht: Das Toxin soll über Öl von Cabio Biotech – genauer: ARA-Öl (Arachidonsäure-Öl) – in die Lieferkette gelangt sein. Der Aktienkurs von Cabio Biotech büßte seit Anfang Januar mit knapp 20 Prozent noch stärker an Wert ein als die Kurse von Nestlé und Danone.

ARA-Öl wird aus bestimmten Mikroalgen oder aus speziellen Pilzkulturen gewonnen. Wenn es mit dem Bakterium Bacillus cereus verunreinigt ist, können diese Bakterien den Giftstoff Cereulid produzieren. Gelangen solche Chargen weiter in die Produktion, kann das Toxin auch in fertiger Babymilch enthalten sein.

Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) kann Cereulid 30 Minuten bis sechs Stunden nach der Einnahme plötzliche Übelkeit, Erbrechen und Magenschmerzen verursachen. Für Säuglinge ist das besonders gefährlich.

In Frankreich werden aktuell Fälle von zwei toten Säuglingen untersucht, die mit einer Vergiftung durch Cereulid in Verbindung stehen könnten. Erschreckend: Obwohl bereits Ende November 2025 bei routinemäßigen Kontrollen in einem Nestlé-Werk in den Niederlanden geringe Mengen an Cereulid in Produktproben festgestellt worden waren, erfolgte erst Anfang Januar der erste große öffentliche Rückruf von Nestlé-Produkten. Der französische Hersteller Danone wurde sogar erst Ende Januar aktiv.

Chinesen streckten Säuglingsmilch mit Industriechemikalie Melamin

Die Verbindung zwischen China und Säuglingsmilch hat eine Vorgeschichte. Noch vor einigen Jahren war es in deutschen Drogeriemärkten ein gewohntes Bild, dass Kunden säckeweise Säuglingsmilch aufkauften – nicht für den Eigenbedarf, sondern für den Weiterverkauf nach China. Hintergrund war der massive Vertrauensverlust vieler chinesischer Eltern in heimische Produkte nach dem Melamin-Skandal von 2008.

Damals hatten chinesische Unternehmen Säuglingsmilch mit der Industriechemikalie Melamin gestreckt, um einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen. Hunderttausende Babys erkrankten, mehrere starben. Das Vertrauen in heimische Babynahrung war nachhaltig zerstört. Deutsche Babynahrung galt als besonders sicher – und wurde entsprechend begehrt.

Der regelrechte Ansturm führte dazu, dass Händler in Deutschland reagierten. In vielen Filialen wurden Abgabemengen begrenzt, Packungen nur noch stückweise verkauft, teils sogar Ausweiskontrollen eingeführt. Ziel war es, Hamsterkäufe zu verhindern und die Versorgung hierzulande sicherzustellen.

Vor diesem Hintergrund wirkt der aktuelle Skandal wie eine bittere Ironie der Geschichte: Nun steht ausgerechnet eine Zutat aus China im Zentrum einer Rückrufwelle in Europa.

Dieser Beitrag ist ursprünglich bei unserem Partner-Portal NiUS erschienen.