Drei Wochen Handy-Fasten bringen für die psychische Gesundheit von AHS-Schülern mehr als zwei Wochen Schulferien. Smartphones sollten Kinder am besten erst ab einem Alter von etwa 13 Jahren bekommen. Erwachsene haben eine Verpflichtung, als Vorbilder zu wirken. Das erklärten Experten am Samstag bei einem “Handy-Sucht”-Symposium an der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien.

Mobiltelefone und dadurch rund um die Uhr und überall verfügbarer Internetanschluss samt Social Media-, Gaming-, Wetten- und Selbstinszenierungs-Plattformen und KI sind weltweit in der Gesellschaft angekommen, um zu bleiben. Am 9. Jänner 2007 präsentierte Apple-Gründer Steve Jobs das erste Smartphone. 2017 gab es weltweit zwei Milliarden Geräte, 2022 waren es 5,3 Milliarden, mittlerweile komme man bei sieben Milliarden an, sagte Roland Mader, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien, bei dem Symposium zum Thema “Handy-Sucht – Schreckgespenst oder Geißel unserer Zeit?”.

Der Experte: “Die Handy-Sucht ist noch kein von der Weltgesundheitsorganisation katalogisierter Krankheitsbegriff. Das wird sie aber werden. Ein Teil der Internetsucht verlagert sich auf die mobilen Endgeräte. Ein Brandbeschleuniger war die Covid-19-Pandemie. (…) Etwa vier Prozent der Jugendlichen in Österreich sind ‘Handy-süchtig’. Erwachsene verbringen täglich viereinhalb Stunden am Handy. Loswerden tun wir das nicht mehr. Pro Tag schauen wir zwischen 88- und hundert Mal auf das Handy.”

Fast jeder Jugendliche benutzt Messenger-Dienste

Gaming, Social Media und Pornografie, waren schon seit Beginn des Internets die von den Benutzern weltweit gefragtesten Anwendungen. Dauerschleifen und schnelle Belohnungen verleiten zur ständigen Nutzung. Push-Dienste verleiten ständig zum schnellen Griff nach dem 24-Stunden-“Begleiter”, der Nähe in Form von “als-ob-Beziehungen” vorgaukelt, so der Wiener Psychiater und Leiter des Instituts für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit der Privatuniversität, Michael Musalek. 91 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen verwenden Messenger-Dienste wie WhatsApp. Plattformen wie Facebook, Instagram und TikTok kommen dem aktuellen Drang der Selbstinszenierung entgegen – samt den negativen psychischen Auswirkungen.

Der klinische Psychologe Oliver Scheibenbogen (Anton Proksch Institut) zitierte dazu aus einer Umfrage unter Schülern in der Steiermark. Ohne Nutzung digitaler Geräte vor dem Einschlafen während der Schulwoche hatten knapp 20 Prozent Einschlafprobleme. Nutzten sie das Handy an fünf Tagen vor dem Einschlafen, stieg dieser Anteil auf 41 Prozent. Mobbing kann via Social Media die Opfer im jugendlichen Alter schwerst belasten. Die präsentierten “Idealbilder” können das Selbstbild der jugendlichen Konsumenten schädigen. Der Wunsch nach Zuneigung und Anerkennung lässt Gefährdete in Krisen abgleiten.

Nicht online, "nicht dabei"

“Wenn ich nicht online bin, bin ich irgendwie nicht dabei. (…) Das Handy hilft mir, runterzukommen. Social Media ist das neue Rauchen”, zitierte Alexandra Ferdin vom Institut der Sigmund Freud PrivatUniversität typische Aussagen. Doch auf die Erwachsenen bis hin zu den Eltern ist offenbar nur mehr wenig Verlass. Die Expertin mit einem weiteren Zitat: “Meine Eltern sagen, ich soll das Handy weglegen. Aber sie schauen selbst ständig darauf.” Laut der steirischen Studie gibt es nur in 18 Prozent der Familien von Schülern Regeln für den Handy-Gebrauch.

Erwachsene und Kinder bzw. Jugendliche sollten am besten gemeinsam problematischem Handy-Konsum entgegenwirken. Das bedeute eine Reduktion des Handy-Gebrauchs auf ein kontrolliertes Niveau, die Rückholung von im Digitalen verloren Gegangenen in die reale Welt, “analoge”, echte menschliche Beziehungen mit Anerkennung, Spiel und Kommunikation statt per Online-Diensten vorgespielter Nähe, so Scheibenbogen.

Konsumverzicht bringt schnell positive Effekte

“14 Tage Instagram-Verzicht bzw. Social Media ließ bei Jugendlichen die Zufriedenheit mit dem eigenen Körperbild deutlich ansteigen. Der Effekt hielt auch noch 14 Tage danach an”, sagte der Psychologe. In einer Schule in Gänserndorf in Niederösterreich hat er gemeinsam mit Lehrern und Schülern einen Versuch mit dreiwöchigem Handy-Fasten durchgeführt. Das Programm soll jetzt auf Österreich mit Teilnahmen auch aus Italien und Deutschland ausgedehnt werden.

Scheibenbogen über die registrierten Effekte des Weglegens der digitalen Geräte: “Wir haben festgestellt, dass sich das psychische Wohlbefinden um 30 Prozent gesteigert hat. Es kam zu einer 30-prozentigen Reduktion depressiver Symptome. Drei Wochen Handy-Verzicht brachten mehr als zwei Wochen Ferien. Durch den Verzicht hat sich die Bildschirmzeit bei 25 Prozent der Teilnehmer nachhaltig reduziert.” Selbst in einer Kontrollgruppe ohne Handy-Fasten sei das Projekt “ansteckend” gewesen.

Laut dem Versuch war für die beteiligten Schüler das “Handy-Fasten” zum Teil eine völlig neue und positive Erfahrung mit echten persönlichen Beziehungen und einem neuen Blick auf die reale Welt. Doch auch die Erwachsenen mussten sich sprichwörtlich “an der Nase nehmen”. Plötzlich waren die Heranwachsenden nicht mehr ständig erreichbar bzw. kontrollierbar. Und Lehrer konnten Hausaufgaben etc. nicht einfach rund um die Uhr per Messenger-Dienst versenden.