Expertin warnt: So radikalisiert Social Media Kinder – Salafisten-Hotspots in Wien
Ein geplantes Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige sorgt für Debatten. Extremismus-Expertin Lisa Fellhofer warnt vor rasanter Online-Radikalisierung und nennt Bezirke in Wien, in denen sich salafistische Szenen formieren. Die Gefahr beginnt digital und endet oft auf der Straße.
Österreich zieht die Notbremse: Ab Herbst sollen soziale Medien für Kinder unter 14 Jahren tabu sein. Während Australien und Frankreich bereits vorgeprescht sind, will die heimische Regierung rasch nachziehen. Die Warnungen aus der Extremismusforschung sind deutlich, denn Online-Propaganda wirkt längst nicht mehr nur im Netz: Sie verändert Jugendkulturen, schafft reale Treffpunkte und führt im schlimmsten Fall zu Gewaltbereitschaft, wie die Heute berichtet.
Social Media als Turbo der Radikalisierung
Noch vor Schulbeginn im September will Digitalisierungs-Staatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) „konkrete Umsetzungsschritte getätigt haben“. Die Koalition setzt bewusst auf einen nationalen Alleingang, da man eine EU-weite Lösung nicht abwarten wolle.
Rückenwind kommt aus der Forschung. Lisa Fellhofer, Leiterin der Dokumentationsstelle Politischer Islam, kann ein Verbot nachvollziehen: „Für Kinder und Jugendliche ist das etwas, was man sich überlegen kann“, sagte sie in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit der Presse. Zugleich warnt sie vor falscher Sicherheit. Ein Verbot allein reiche nicht aus, vielmehr brauche es begleitende Maßnahmen wie Schulungen zu Medienkompetenz und Quellenkritik.
Der Grund für ihre Mahnung ist alarmierend. Soziale Medien spielten mittlerweile „eine sehr große Rolle“ bei der Radikalisierung junger Menschen. Fellhofer berichtet von Fällen, „in denen sich Elf- oder Zwölfjährige innerhalb eines kurzen Zeitraums radikalisiert haben, bis hin zur Bereitschaft, Anschläge zu verüben“.
TikTok, Telegram – und der Weg in die Parallelwelt
Die Dokumentationsstelle hat insbesondere Plattformen wie TikTok, Instagram und Telegram im Fokus. Dort werden Kinder und Jugendliche mit radikalen Weltbildern konfrontiert, die mit einem liberal-demokratischen Rechtsstaat wie Österreich unvereinbar sind. Gleichzeitig betont Fellhofer, dass sich das Phänomen nicht auf einzelne Netzwerke beschränkt.
Ihre Bilanz fällt ernüchternd aus: „Wir haben ursprünglich gedacht, die Online-Welt hilft uns allen, Meinungsfreiheit und demokratische Werte zu verbreiten. In den letzten Jahren sehen wir eher das Gegenteil.“ Radikale Inhalte verbreiten sich schnell, emotional und oft unkontrolliert – besonders unter jungen Nutzern ohne gefestigte Medienkompetenz.
Dabei bleibt es nicht beim digitalen Raum. Internet und reale Welt seien eng miteinander verflochten. „Das füttert sich gegenseitig“, erklärt Fellhofer. Online-Ideologien werden offline sichtbar – im Auftreten, im Konsumverhalten und in neuen Jugend-Subkulturen.
Bart, knöchelfreie Hosen – und reale Treffpunkte
Besonders besorgniserregend ist eine Entwicklung, die Fellhofer als Trend unter Jugendlichen beschreibt. Salafistisches Auftreten wird demnach zunehmend als „hip und modern“ wahrgenommen. Junge Männer tragen Bart und knöchelfreie Hosen, um dem überlieferten Erscheinungsbild des Propheten Mohammed nachzueifern.
Aus der Szene ist mittlerweile ein Geschäft geworden. „In den vergangenen Jahren haben wir beobachtet, dass es mit dem Vertrieb von Merchandise über Online-Kanäle angefangen hat“, so Fellhofer. Inzwischen gebe es auch kleine Geschäfte, die salafistische Kleidung und Bücher mitsamt extremistischer Ideologie verkaufen – und das ganz offen.
Parallel dazu dienen Soziale Medien als Organisationswerkzeug. Über Kanäle und Gruppen werden reale Treffen arrangiert, darunter sogenannte „Schwesterntreffen“. Diese Verlagerung ins echte Leben macht die Entwicklung besonders brisant.
Fellhofer nennt konkrete Orte: „In Wien sieht man es in manchen Bezirken, in einzelnen Grätzeln.“ Auf Nachfrage präzisiert sie: „Zum Beispiel in Favoriten oder in Rudolfsheim-Fünfhaus. Es ist ein urbanes Phänomen in größeren Städten.“
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