Fast 90 Jahre später: Maria Lazars „Gedankenstrahlen“ entdeckt
Ein nihilistischer Funktionär, höflich und tödlich – und eine Welt kurz vor der Katastrophe. In ihren Erzählungen zeichnet Maria Lazar Figuren, die erschreckend modern wirken. Fast 90 Jahre nach der Erstveröffentlichung wurden ihre Texte nun neu entdeckt.
“Ohne uns der groben Materie bedienen zu müssen, sind wir imstande durch intensive Gedankenstrahlen zu töten”, steht in dem Erpresserbrief, den eines Tages ein Fabriksdirektor in seiner Geschäftspost findet. “Gedankenstrahlen” hieß die Erzählung, die die österreichische Exilautorin Maria Lazar (1895-1948) 1937 in einer dänischen Zeitschrift veröffentlichte. Fast 90 Jahre später erscheint die Geschichte nun erstmals auf Deutsch und gibt einem ganzen Erzählband seinen Titel.
Mit “Gedankenstrahlen” setzt der Verleger Albert C. Eibl in seinem Kleinverlag Das vergessene Buch die Aufarbeitung und Publikation des lange vergessenen Werks der in Wien geborenen hellsichtigen Autorin fort. Nach Theaterstücken, Romanen und Gedichten folgt nun ein Band mit Erzählungen und Short Stories, von denen einige bisher nur auf Dänisch, andere unter dem Pseudonym Esther Green zwischen 1937 und 1942 in der “Basler National-Zeitung” erschienen sind.
"Die Welt ist dabei, aus den Fugen zu geraten"
“In Lazars Geschichten, die zumeist in Wien, deutschsprachigen Kleinstädten oder in ländlichen Gegenden Englands spielen, geht Unheimliches vor, werden Verbrechen nicht nur statuiert, sondern auch auf verblüffende Weise gelöst, nachgeahmt und in der Phantasie erprobt”, schreibt Eibl in seinem Nachwort, in dem er auch ausführlich die Wiederentdeckung Lazars nachzeichnet. “In den Fassaden der Häuser und Seelen der Menschen zeigen sich zunehmend Risse. Der Alltag wird abenteuerlicher und gefährlicher. Die Welt ist dabei, aus den Fugen zu geraten. Katastrophen furchtbaren Ausmaßes kündigen sich an. Und nichts ist mehr so wie es früher einmal schien.”
In “Marjorie”, eine der nun erstmals veröffentlichten Geschichten, findet Lazar eine Personifizierung für die Unmenschlichkeit, die sich harmlos gibt, aber schreckliche Konsequenzen als scheinbar unausweichlich in Kauf zu nehmen bereit ist: Mr. Brakley. Für Eibl ist er der “Typus des verbindlichen Paragraphenreiters und nihilistischen Funktionärs, der auch heute wieder auf dem Vormarsch ist”. Und er schließt sich der in der Erzählung geäußerten deutlichen Warnung an: “Hüten wir uns vor unseren Brakleys!”
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