FREYSPRUCH: Warum Schuld heute schneller feststeht als Wahrheit
Strafen kostet Zeit, Geld und Energie. Und trotzdem tun wir es – mit wachsender Begeisterung. Oft ist der gesellschaftliche Schaden dabei schon angerichtet. Warum?
Genau dieser unbequemen Frage geht Dr. Sylvia Freygner in der neuen Folge von FREYSPRUCH nach. Zu Gast ist Prof. Dr. Dr. Peter Lewisch, einer der renommiertesten Strafrechtsprofessoren des Landes. Seine Diagnose ist ernüchternd.
Besonders brisant wird dieses Phänomen im Zeitalter sozialer Medien. Freygner lenkt das Gespräch auf die Realität öffentlicher Beschuldigungen, medialer Vorverurteilungen und digitaler Empörungswellen. Wer heute beschuldigt wird, erlebt nicht selten den sozialen Tod vor dem rechtlichen Urteil.
Die Unschuldsvermutung – ein Grundpfeiler des Rechtsstaats – wird im öffentlichen Diskurs oft zur bloßen Floskel. Lewisch warnt eindringlich: „Ein Großteil aller Ermittlungsverfahren endet nicht mit einer Verurteilung. Aber die gesellschaftliche Zerstörung ist oft schon davor vollzogen.“ Karrieren brechen ab, Beziehungen zerfallen, Existenzen geraten ins Wanken – auch dann, wenn es später zu einem Freispruch kommt.
Hier ein Ausschnitt aus der FREYSPRUCH-Folge mit Dr. Sylvia Freygner und Prof. Dr. Dr. Peter Lewisch – schauen Sie rein!
Schuld, Moral und das Kainsmal
Im Zentrum des Gesprächs steht eine Frage, die weit über juristische Technik hinausgeht: Gibt es ein Zurück nach der Schuld?
Lewisch spricht vom „Kainsmal der Verurteilung“ – jener moralischen Markierung, die selbst nach verbüßter Strafe oft bestehen bleibt. Strafe beendet nicht automatisch Schuldgefühle, gesellschaftliche Ächtung oder innere Zerrissenheit. „Solange wir bestrafen, um uns selbst zu beruhigen – statt um zu heilen –, bleibt Gerechtigkeit ein Kampfplatz“, bringt Freygner die Essenz des Gesprächs auf den Punkt.
Ein Gespräch, das wehtut – und notwendig ist
Diese Podcastfolge ist kein Plädoyer gegen das Strafrecht. Aber sie ist eine Einladung, genauer hinzusehen: auf unsere Motive, unsere Projektionen, unsere Lust am Urteil.
Ein Gespräch über Macht und Moral. Und über die unbequeme Wahrheit, dass Gerechtigkeit manchmal verführerischer ist, als wir wahrhaben wollen.
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