„Gefühl des Unwohlseins“: Warum 2025 deutlich mehr Juden Frankreich verließen
Die Auswanderung nach Israel nimmt weiter zu. Im Jahr 2025 ließen sich 21.900 neue Einwanderer aus 105 Ländern in Israel nieder, wie das israelische Ministerium für Alija und Integration Ende Dezember mitteilte. Die Bewegung bleibe „dynamisch“ und werde „von einer engagierten Jugend getragen“.
Kinder feiern Chanukka, das jüdische Lichterfest. Sie zünden Kerzen an einer traditionellen Menora an. Ein Junge mit Kippa spielt mit einem Dreidel und isst einen Sufganiyah-Donut. Israelischer Feiertag.GETTYIMAGES/FamVeld
Russland liegt mit rund 8.300 Auswanderern zwar weiterhin an der Spitze, verzeichnet aber einen massiven Rückgang um 57 %. Dahinter folgen die USA mit 3.500 Personen (+5 %). Frankreich belegt mit 3.300 Ausreisen Rang drei – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2.228 im Jahr 2024, was 45 % Wachstum bedeutet.
Minister warnt vor Antisemitismus
Israels Einwanderungsminister Ofir Sofer sieht einen klaren Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa und der steigenden Alija:
In Ländern wie Frankreich und Großbritannien, „in denen der Antisemitismus zunimmt“, sei parallel zu den Bemühungen des Ministeriums ein Anstieg der Einwanderung zu beobachten, erklärte er.
„In Israel ist es normal, Jude zu sein“
Für den 21-jährigen Yossef war die Entscheidung, nach Israel zu gehen, ein schleichender Prozess. Ursprünglich wollte er 2023 lediglich in einer Jeschiwa studieren. Dann fand er Arbeit, Freunde – und blieb. Entscheidend sei die Atmosphäre gewesen.
Der praktizierende Jude erklärt, dass es in Israel einfacher sei, seinen Glauben offen zu leben.
„In Israel ist es normal, Jude zu sein: 70 % der Bevölkerung sind Juden. Ein religiöser Jude, der den Schabbat einhalten und die Kippa tragen will, kann das tun und es stört niemanden“, sagte er Euronews.
In Frankreich hingegen könne es kompliziert sein, jüdisches Leben zu organisieren. Viele müssten lange Wege auf sich nehmen, um koschere Geschäfte oder geöffnete Synagogen zu finden. Zugleich betont Yossef:
„Aber das ist nicht die Schuld Frankreichs oder der Franzosen.“
Wohnungssuche als Auslöser
Nicht immer steht Sicherheit im Vordergrund. Yaelle Latanicki, Mutter mehrerer Kinder, entschied sich ebenfalls für Israel – aus ganz praktischen Gründen.
„Der Auslöser war die Schwierigkeit, eine Wohnung in Paris zu mieten“, erklärte sie.
Sie habe ein neues Leben ohne ständige Wohnungsprobleme gesucht.
Ein „Gefühl des Unwohlseins“
Zwar existieren keine offiziellen Statistiken zu den genauen Motiven der Auswanderer, doch Emmanuel Sion, Vorsitzender der Jewish Agency für die französischsprachigen Länder, sieht ein klares Muster.
„In Frankreich gibt es ein Gefühl des Unwohlseins, das die Menschen dazu bringt, sich Fragen über ihre Zukunft zu stellen“.
Diese Einschätzung wird durch Zahlen untermauert. Laut der französischen Interministeriellen Delegation zur Bekämpfung von Rassismus, Antisemitismus und Anti-LGBT-Hass (Dilcrah) wurden zwischen Januar und Ende Oktober 2025 1.163 antisemitische Akte registriert. Zwar weniger als 2024 (1.570), aber deutlich mehr als 2022 (441).
Diskussionen in den Gemeinden
Sion rechnet damit, dass die Ausreisen weiter zunehmen. Zwischen 2023 und 2024 habe es bereits einen Anstieg von 100 % gegeben. Auch Yossef bestätigt diese Wahrnehmung aus eigener Erfahrung. Bei einem Frankreich-Besuch habe er in einer Synagoge erlebt, dass sich „alle Gespräche um die Alija“ drehten.
Einige hätten bereits Wohnungen in Israel gekauft, andere planten die Ausreise innerhalb eines Jahres. Die Lage in Frankreich sei für Juden „kompliziert geworden“ – und es gehe dabei nicht nur um Sicherheit.
Kein Exodus – aber ein Trend
Trotz des deutlichen Anstiegs warnt Emmanuel Sion vor überzogenen Schlussfolgerungen. In Frankreich leben rund 430.000 jüdische Menschen.
„3.300 Ausreisen sind nicht sehr viel“, betont er.
Selbst bei einer Verdoppelung der Zahlen läge der Anteil unter 2 % der jüdischen Bevölkerung. Das Argument, Frankreich werde künftig keine Juden mehr haben, weist er zurück.
Historischer Vergleich relativiert Zahlen
Einen Rekord stellen die aktuellen Zahlen nicht dar. 2015, nach den islamistischen Anschlägen auf Charlie Hebdo, den Hyper Cacher, den Bataclan und mehrere Cafés, wanderten rund 7.900 Franzosen nach Israel aus. Danach pendelte sich die Zahl bei etwa 2.500 pro Jahr ein – bis sie nach dem Hamas-Anschlag vom 7. Oktober 2023 erneut anstieg.
Seit der Staatsgründung Israels 1948 sind laut offiziellen Angaben mehr als 130.000 Menschen aus Frankreich nach Israel gezogen. Möglich macht dies das Rückkehrgesetz, das Juden mit mindestens einem jüdischen Großelternteil sowie deren Ehepartnern die Einwanderung und Staatsbürgerschaft erleichtert.
Israel verliert gleichzeitig Bevölkerung
Während die Zuwanderung wächst, verzeichnet Israel jedoch auch eine starke Abwanderung. Laut der Jerusalem Post werden 2025 mehr als 79.000 Israelis das Land verlassen haben. Das Central Bureau of Statistics spricht weiterhin von einem negativen Wanderungssaldo.
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