Gender Disappointment: Der wohl verstörendste Trend aus dem Internet
Schwangere Influencerinnen, die beim Anblick des Ultraschallbildes entsetzt zusammenbrechen, Gender-Reveal-Partys, die in bitteren Tränen enden – und das alles nur, weil ein Baby mit dem vermeintlich falschen Geschlecht unterwegs ist: dem männlichen.
Von Melanie Grün
„Gender Disappointment“, also Enttäuschung über ein bestimmtes Babygeschlecht, das ist seit Jahren ein immer stärkerer Trend bei vielen Eltern. Natürlich haben viele Menschen während der 40 Wochen Schwangerschaft insgeheim eine Präferenz. Doch spätestens, wenn das Baby in ihrem Arm liegt, ist das egal. Jetzt wollen uns Influencer weismachen, es sei eben nicht egal. „Wenn ‚Hauptsache gesund‘ nicht ausreicht“, beschreibt das Portal Babelli.de dieses Phänomen.
Shitstorm, weil sie sich ein gesundes Kind wünschte
Als Jenny Frankhauser, die Schwester von Reality-Star Daniela Katzenberger, 2022 ihr erstes Baby erwartete und sich genau das wünschte, ein gesundes Kind, da gab es einen Shitstorm. Wie sich denn bitte ein nicht gesundes Kind fühle, wenn es das lese, fragten erboste Follower. Frankhauser, die mittlerweile Mutter zweier Söhne ist, schoss damals zurück: „Regt die Mutti nicht auf!“
Angefeindet, weil man sich ein gesundes Kind wünscht? Wer damals dachte, der Gipfel des Irrsinns sei schon erreicht, der irrt. Jetzt ist für Schwangere, glaubt man dem Trend, vor allem eins wichtig: bloß keinen Jungen!
Warum wollen gerade alle Mädchen?
Im Durchschnitt werden in Deutschland 105 Jungen auf 100 Mädchen geboren. Wenn dieses Verhältnis jedoch willkürlich verändert wird, wie bisweilen in China oder Indien mit bis zu 117 Jungen auf 100 Mädchen, wird das in der Forschung als verzerrte Geschlechterverteilung bei der Geburt bezeichnet. Der Grund ist bitter: Weil man dank pränataler Diagnostik das Babygeschlecht schon ab der 12. bis 14. Woche bestimmen kann, werden viele Mädchen abgetrieben.
Gilt es in Teilen Nordafrikas, im Nahen Osten und in Süd- und Ostasien immer noch als wichtig, mindestens einen männlichen Stammhalter und späteren Versorger zu gebären, weht bei uns in Europa längst ein anderer Wind. Wenn sich Paare schon für ein Kind entscheiden, dann soll es ein Mädchen sein – die Pseudo-Erklärung: Man wolle sich von patriarchalen Strukturen abheben.
Hollywood jammert am lautesten
Nicht nur bei Normalo-Eltern ist Gender Disappointment ein Thema.
Hollywoodstars geben offen zu, dass sie zunächst enttäuscht über das Geschlecht ihres Kindes waren: Ob Britney Spears, die statt des erhofften Mädchens zwei Jungs bekam, oder Ashton Kutcher, der gern eine zweite Tochter statt eines Sohns gehabt hätte. Der Exmann von Transformers-Star Megan Fox, Brian Austin Green, wollte nach den drei gemeinsamen Söhnen unbedingt ein Mädchen – und bekam mit seiner nächsten Partnerin stattdessen zwei weitere Jungs. 2025 spricht Kylie Kelce, Frau von Football-Legende Jason Kelce und damit Fast-Schwägerin von Taylor Swift, in ihrem Podcast „Not Gonna Lie“ über ihre Enttäuschung, vier Mädchen zu haben. Auch wenn es sich hier andersherum verhält: Erst die mediale Inszenierung hat dafür gesorgt, dass der Internet-Hype um das angeblich bessere Geschlecht so groß werden konnte.
Noch kein Name, aber ein Hashtag
Unter dem Hashtag #GenderDisappointment bekennen auf Social Media immer mehr werdende Mütter: „Ja, ich bin enttäuscht, weil ich einen Jungen erwarte.” Jungs gelten als wild und abenteuerlustig. Sie sind die Männer von morgen und könnten toxische Männlichkeit verströmen, so die Annahme. Mädchen gelten dagegen als sozial und emotional kompetent, sind selten verhaltensauffällig und kümmern sich später womöglich um pflegebedürftige Angehörige. Wer also einen Jungen erwartet, darf angeblich ein Testosteron-Tränchen vergießen. Und dank des Hypes müssen sich Eltern nicht schuldig fühlen, sondern dürfen sich für ihre Ehrlichkeit feiern lassen. Motto: „Mutig, dass du dich dazu bekennst!”
An einigen Universitäten, wie beispielsweise in Dresden, wird bereits zu diesem Thema geforscht. Mehrere Studien besagen, dass sich Eltern in Skandinavien schon seit den 1980er-Jahren eher Mädchen wünschen. Eine Studie der Universität Warschau zeigt zudem, dass Paare eher ein zweites Kind bekommen, wenn sie schon einen Jungen haben. Vielen genügt also eine Tochter, ein Sohn aber nicht.
„Babys sind doch süß. Es sei denn, es sind Jungen“
Das rappt die angeblich feministische Ikkimel in ihrem Song „Giftmord“. Fakt ist: Viele Eltern wünschen sich heute ein Mädchen, so wie Influencerin Milena Reszka, auf Instagram unter SelfloveGirl (@milenka.emilia) zu finden. Als sie im vergangenen Jahr ihr Baby erwartete, nahm sie ihre mehr als 150.000 Follower mit, als sie und ihr Partner am Strand eine Gender-Reveal-Torte mit blauer Creme anschnitten. Ein Junge! Kurz darauf teilt sie ein Video, in dem sie tränenüberströmt über ihre Enttäuschung sprach. Fast 60.000 Likes gab es dafür – allerdings auch viel Kritik. Eine Userin postet: „Dringlicher als eine Tochter solltest du dir erstmal eine Therapeutin wünschen.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partner-Portal NiUS erschienen.
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