Doch diese Geschichte ist viel mehr, und das liegt an der Kampagne, in deren Zentrum das Schicksal von Fernandes gesetzt wurde.

„Du hast mich virtuell vergewaltigt“

Am vergangenen Donnerstag, dem 19. März, veröffentlichte der Spiegel unter der Überschrift „Du hast mich virtuell vergewaltigt“ einen langen Text über Fernandes, in dem sie ihrem Ex-Mann Ulmen vorwirft, über Fake-Profile gefälschte sexualisierte Darstellungen von Fernandes verbreitet und unter ihrem Namen, aber ohne ihr Wissen, mit Männern geflirtet und sogar Telefonsex gehabt haben soll. Er selbst hat sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert, sein Anwalt spricht von „unwahren Tatsachen“. Für Ulmen gilt, ebenso wie für Fernandes, die Unschuldsvermutung.

Seitdem diese Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt ist, wird wenig über die Beziehung von Fernandes und Ulmen und dafür viel über strengere gesetzliche Restriktionen im Netz gesprochen. Und genau das, darauf deuten umfangreiche Recherchen von NIUS hin, könnte genau so von Beteiligten beabsichtigt sein.

Die Geschichte über den Fall Ulmen/Fernandes hat alles, was eine linke Groteske braucht: eine Correctiv-Journalistin, eine Steuergeld-NGO, eine Zero-Covid-Aktivistin, eine raunende Spiegel-Titelstory und eine Ministerin, die die Meinungsfreiheit einschränken will. Was sie nicht hat, ist Klarheit darüber, was im Hause Ulmen-Fernandes eigentlich passiert ist.

Christian Ulmen hat sich bis heute nicht zu den Vorwürfen geäußert.IMAGO/Sven Simon

Die Sache mit den Deepfakes

Ganz Deutschland spricht über Deepfakes. Um gefälschte Videos von real existierenden Personen also, die mithilfe von KI erstellt wurden. Und ganz gleich, welchen Sender man einschaltet, welche Zeitung man aufschlägt, die Botschaft ist überall dieselbe: Es braucht jetzt härtere Gesetze gegen dieses neue Phänomen, vor allem gegen pornografische Deepfakes, die durch den Fall Ulmen erstmals ins öffentliche Bewusstsein getreten sind.

Dabei stellt sich eine banale und doch entscheidende Frage: Hat Christian Ulmen überhaupt Deepfakes verschickt? Die Beleglage muss zumindest dem Spiegel dünn erscheinen. Denn er vermeidet in seinem Text eine klare Aussage. Wann immer es um die Videos geht, die Ulmen verschickt haben soll, wählt das Magazin eine andere Formulierung: Fremde Männer hätten von den Fake-Profilen Videos erhalten, in denen die Protagonistinnen Fernandes „zum Verwechseln“ oder „täuschend“ ähnlich gesehen haben sollen.

In einer E-Mail, die Ulmen laut Spiegel an einen Berliner Strafverteidiger schickte, soll Ulmen seine Taten gestanden haben. Der Spiegel gibt Ulmens Schilderung wie folgt wieder: „Er habe den Gesprächspartnern Videos geschickt, die auf frei zugänglichen Pornoseiten erhältlich gewesen seien und deren Protagonistinnen seiner Frau ähnlich gesehen hätten.“

An keiner Stelle schreiben die Autoren des Spiegels ausdrücklich, dass Ulmen Deepfakes verschickt habe. Ein Zufall ist ausgeschlossen: Bei dem Text handelt es sich um Verdachtsberichterstattung, ein Genre, das dem Spiegel zuletzt immer wieder gerichtliche Auseinandersetzungen eingebracht hat. Jedes Wort in einem solchen Artikel wird von der juristischen Abteilung abgeklopft.

Offenbar reichte dem Spiegel die Beleglage nicht aus, um Ulmen das Versenden von Deepfakes zu unterstellen. Offen bleibt, ob das Magazin überhaupt eines der gefälschten pornografischen Videos einsehen konnte, die gegen den Willen von Fernandes erstellt und verschickt worden sein sollen. Eine entsprechende Anfrage, die auch viele weitere Fragen enthielt, ließ der Spiegel unbeantwortet.

Die gefakten Videos von Fernandes zu finden, ist offenbar nicht ganz leicht. Zumindest kommt man zu diesem Schluss, wenn man sich eine Dokumentation ansieht, die Fernandes 2024 für das ZDF drehte. „Deepfake-Pornos: Digitaler Missbrauch“ heißen die beiden Folgen aus der Reihe „Die Spur“, Co-Autorin von Fernandes ist bezeichnenderweise die Journalistin Marie Bröckling, die zuletzt als Investigativ-Reporterin für das Medienhaus Correctiv arbeitete und dort vor allem über die AfD-Verbots-Debatte berichtete. Correctiv ist als linksaktivistische Plattform bekannt, der kürzlich gerichtlich untersagt wurde, die Behauptung zu verbreiten, bei einem Geheimtreffen in Potsdam sei ein Remigrations-„Masterplan“ geschmiedet worden – eine zentrale Erzählung des linken Lagers, die 2024 Millionen Menschen auf die Straße brachte.

Auch die Recherche-Methoden von Bröckling und Fernandes in der Deepfake-Dokumentation werfen Fragen auf. Ihr Ziel ist es, an die Macher der Fernandes-Deepfakes zu gelangen und sie mit ihren Taten zu konfrontieren. Doch sie scheitern. Nicht, weil die Täter nicht mit ihnen sprechen würden. Sondern weil sie keinen einzigen Deepfake-Porno von Fernandes im Netz ausfindig machen können.

Im Gegenteil: Alle Spuren entkräften die Erzählung der angeblich verschickten Deepfakes. So telefoniert Fernandes etwa mit einem Mann, der ihr zuvor per Mail berichtet hatte, Sex-Videos von ihr von einem Fake-Account erhalten zu haben. Fernandes will es genauer wissen und spricht mit dem Mann: „Im Telefonat bestätigt er mir, dass er Nacktbilder erhalten hat. Ob es sich um Deepfakes handelt oder andere Montagen, kann er mir nicht genau sagen“, erklärt sie. Keine Videos also, und auch bei den Bildern ist nicht klar, ob KI eingesetzt wurde. Dennoch resümiert Fernandes: „Es werden Sex-Videos verschickt.“

Auf Anfrage von NIUS, ob tatsächlich pornografische Deepfakes verschickt wurden, teilt Fernandes mit: „Das sind verschiedene Punkte. Zum einen gibt es Menschen, die Deepnudes von mir online gestellt haben, zum anderen gibt es die pornografischen Videos, die der Täter unter meiner Identität verschickt hat. Hierüber haben uns Männer informiert, die die Echtheit dieses Profils anzweifelten.“ Fernandes widerspricht also der Darstellung, Ulmen habe Deepfakes von ihr verbreitet.

Tatsächlich ist in der gesamten ZDF-Dokumentation nur von einem einzigen Deepfake-Porno die Rede, der von Fremden auf der Plattform Pornhub hochgeladen und anschließend auf Bitten von Fernandes von der Plattform gelöscht worden sein soll. Gesehen hat Fernandes den Clip nicht: „Es gab einen ganz konkreten Clip, da habe ich mir quasi erzählen lassen, was darin passiert“, sagt Fernandes. Die Schilderung der Löschung widerspricht allerdings der Darstellung des Spiegels. Der schreibt in seiner Fernandes-Story: „Fernandes hat mehrmals versucht, solche Aufnahmen mithilfe von Anwälten und entsprechenden Löschaufforderungen aus dem Netz zu bekommen. Vergebens.“

Auch eine weitere Dokumentation wirft Fragen auf. Vor rund einem Jahr veröffentlichte die Organisation HateAid, mit der Fernandes seit Langem zusammenarbeitet, ein Video zum Thema Deepfakes mit dem Titel „Sex-Videos, die Frauen bloßstellen“. Fernandes beschrieb darin, dass die vermeintlichen Deepfakes nicht als solche anerkannt worden seien: „Da gibt es ein Bild, da habe ich Sex mit meinem Partner. Und da verstehe ich nicht, dass die sagen: Nee, können wir nicht feststellen, dass das ein Deepfake sein soll. Das ist Pornomaterial und das ist ganz klar nicht echt.“

Auf die Frage, wer genau die Deepfakes anzweifelte, teilt Fernandes gegenüber NIUS mit: „Im Rahmen der ZDF-Dokumentation haben wir verschiedene Bilder bei verschiedenen Plattformen als Deepfake gemeldet und bekamen die Rückmeldung, auch bei Bildmaterial, bei dem es sich ganz klar um sogenanntes Deepfake-Material handelt, dass man das nicht feststellen könne.“

Das Video ist am 4. März 2025 erschienen. Fernandes wusste zu diesem Zeitpunkt nach eigenen Angaben bereits, dass ihr Mann hinter den Fake-Accounts steckte. Das soll er ihr am ersten Weihnachtsfeiertag 2024 gebeichtet haben. Der Gedanke, dass es sich bei dem pornografischen Bildmaterial also nicht um Fakes handeln musste, sondern ihr Mann die Bilder heimlich oder auch einvernehmlich aufgenommen und dann gegen Fernandes’ Willen veröffentlicht haben könnte, liegt nahe. Doch er passt wohl nicht in das Narrativ, das HateAid und Fernandes setzen wollten.

Ebenfalls nicht in das Narrativ einer angeblichen Gesetzeslücke bei der Verfolgung von Straftaten im Netz passt, was die Staatsanwaltschaft Itzehoe gegenüber NIUS mitteilt. Im November 2024 hatte Fernandes demnach wegen des Identitätsdiebstahls in Berlin Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Das Verfahren wurde an die Staatsanwaltschaft Itzehoe weitergeleitet, dort bat man Fernandes darum, Unterlagen einzureichen, um weiterermitteln zu können. Dem kam Fernandes allerdings nicht nach. Weil damit die Ermittlungsansätze fehlten, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren im Juni 2025 ein.

Was war in der Zwischenzeit passiert? Warum hatte Fernandes auf einmal kein Interesse mehr an der Verfolgung der Taten? Schenkt man ihren Schilderungen im Spiegel Glauben, dann beichtete ihr Ulmen nur einen Monat nach der Anzeige gegen Unbekannt seine Taten, am ersten Weihnachtsfeiertag. Fernandes wusste nun, gegen wen ermittelt werden würde. Dass sie dies, womöglich zum Schutz der gemeinsamen Tochter, nicht befeuern wollte, ist durchaus denkbar. Doch als Beispiel für mangelnde Möglichkeiten des deutschen Strafrechts, gegen Deepfakes vorzugehen, taugt sie damit kaum mehr.

Stattdessen tut Fernandes etwas anderes: Sie wendet sich an eine Anwältin, Christina Clemm, die auch als Aktivistin bekannt ist. Clemm hatte 2021 die Kampagne „Zero Covid“ ins Leben gerufen, die sich für drastische Beschränkungen des öffentlichen Lebens einsetzte, um die Corona-Inzidenzen auf null zu bringen. Statt die Strafverfolgung in Deutschland voranzutreiben, erstattet Fernandes Ende 2025 Anzeige in Spanien, wo die Familie einen Wohnsitz hat. Und zündet wenige Monate später die mediale Bombe.

Der mediale Sturm

Der Vorbote des medialen Sturms ereignet sich am 13. März im Kölner Treff des SWR. Fernandes berichtet dem Moderator Micky Beisenherz vom Identitätsdiebstahl, von dem pornografischen Material, das in ihrem Namen, aber gegen ihren Willen verschickt werde. Sie erklärt, sie wisse, wer der Täter sei, nennt aber den Namen nicht. Stattdessen sagt sie mit schwacher Stimme einen anderen Satz: „Deswegen bin ich auch für eine Identifikationspflicht im Netz, das wäre dann ja gar nicht passiert, wenn es die gäbe.“

Am 19. März enthüllt der Spiegel, wer hinter den Fake-Accounts stecken soll: Fernandes’ Ex-Mann, Christian Ulmen. Innerhalb kürzester Zeit bricht eine Woge der Empörung los – über die mutmaßlichen Taten, die als verstörend und abstoßend empfunden werden. Aber auch über die Politik, die nun endlich handeln müsse.

Die Website der Bild-Zeitung ist zugepflastert mit den Gesichtern von Ulmen und Fernandes, in der 8-Uhr-Tagesschau ist der Fall am Folgetag Aufmacher. Die Tagesthemen interviewen Hubig und Fernandes, die erklärt: „Mir ist einfach wichtig, darauf hinzuweisen, welche gesetzlichen Schutzlücken es gibt.“ Sogar im ARD-Promi-Magazin „Brisant“ sitzt am Samstagnachmittag eine aufgeregte Celebrity-Expertin auf dem Sofa und redet sich in Rage, dass die Regierung nun im Netz durchgreifen müsse.

Aus einem Rosenkrieg ist in wenigen Stunden eine Staatsaffäre geworden. Ganz so, als passiere hier nichts aus Versehen.

Die Rolle von HateAid

Passenderweise hat Fernandes seit Jahren eine Organisation an ihrer Seite, die sich mit Kampagnen auskennt: HateAid, eine mit Millionen Euro Steuergeld finanzierte Vorfeld-Organisation der Grünen, die regelmäßig Schlagzeilen damit macht, zusammen mit linken Politikern gegen Meinungsäußerungsdelikte von Bürgern vor Gericht zu ziehen. Wie gut HateAid medial vernetzt ist, zeigt sich in ihrem Tätigkeitsbericht für 2024, wo sie sich für „738 Erwähnungen in der Presse“ rühmt.

Bereits 2023 lassen sich HateAid-Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg und Fernandes für eine gemeinsame Kampagne gegen sogenannte Face-Swap-Apps ablichten, mit denen Deepfakes erstellt werden können. Sie sammeln 70.000 Unterschriften und übergeben sie dem Digitalministerium.

In der ZDF-Dokumentation von Fernandes aus dem Jahr 2024 kommt mehrmals Josephine Ballon zu Wort, die zweite Geschäftsführerin von HateAid: „Virtuelle Gewalt ist reale Gewalt“, erklärt Ballon. Sie klingt ganz ähnlich wie Justizministerin Hubig, die im Spiegel-Interview am Freitag erklärte: „Deshalb mache ich keinen Unterschied zwischen analoger und digitaler Gewalt.“ Der Spin, den HateAid seit Jahren zu setzen versucht, ist endlich in der Bundesregierung angekommen.

Die Drähte zwischen HateAid und Justizministerium sind kurz, wie Recherchen von NIUS zeigen. Das Ministerium erklärt auf Anfrage, dass sich Hubig seit Amtsantritt mindestens einmal mit Vertreterinnen von HateAid getroffen hat, um unter anderem über „digitale Gewalt und bildbasierte sexualisierte Gewalt“ zu sprechen. Das Ministerium weist aber darauf hin, dass es weitere Treffen gegeben haben könnte, es bestehe keine „Verpflichtung zur Erfassung sämtlicher Termine“.

Das Gespräch von Hubig mit HateAid fand am 14. Oktober 2025 statt. Dieses Datum ist auch deshalb brisant, weil Anna-Lena von Hodenberg zu diesem Zeitpunkt über die Vorwürfe von Fernandes gegen Ulmen bereits im Bilde gewesen sein könnte. Einen Tag nach Erscheinen der Spiegel-Geschichte, am Abend des vergangenen Freitags, erklärte von Hodenberg im Interview mit dem RTL-Nachtjournal, die Schilderungen von Fernandes hätten sie erschüttert: „Ich habe es ja schon vor einigen Monaten erfahren.“ Einige Monate Zeit also, um die gesamte Kampagnenkraft von HateAid zu bündeln.

Doch das Ministerium behauptet, die Ministerin sei vorab nicht über die Spiegel-Berichterstattung informiert worden: „Die konkreten Vorwürfe waren der Ministerin nicht vor der entsprechenden öffentlichen Berichterstattung des Spiegels in der vergangenen Woche bekannt und dementsprechend auch nicht Gegenstand des Gesprächs.“

Fernandes erklärt ebenfalls gegenüber NIUS: „Es gab keine Absprachen zwischen meinen Anwälten und dem Justizministerium und auch keine Absprachen zwischen meinen Anwälten und HateAid.“

Nach Erscheinen des Spiegel-Artikels startet HateAid eine Offensive in den sozialen Netzwerken. Unter dem Hashtag #DerFeindImEigenenBett verbreitet die Organisation irreführende Behauptungen. So insinuiert sie etwa in einem Instagram-Post, Ulmen habe ein Video von Fernandes mit dem Titel „Abwichsvorlage“ verbreitet:

„Collien macht öffentlich, was ihr Ex-Mann Christian Ulmen wohl verbergen will. Und was er über Jahre vor ihr verheimlicht haben soll. Denn so lange versuchte Collien herauszufinden, wer hinter den gefälschten Nacktaufnahmen von ihr im Netz steckt. Wer in ihrem Namen Männer angeschrieben und mit verstellter Stimme Telefon-Sex hatte. Wer ein gefälschtes Sexvideo von ihr mit der Überschrift ‚Abwichschallenge‘ veröffentlicht hat. Jetzt erhebt sie schwere Vorwürfe gegen Ulmen.“

Tatsächlich aber lässt sich dem Spiegel entnehmen, dass unklar ist, wer dieses Video erstellt hat. Nicht einmal Fernandes selbst wirft Ulmen vor, dieses Video verschickt oder erstellt zu haben. Auf einen Fragenkatalog, in dem NIUS HateAid zum gesamten Sachverhalt befragt, kam bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Stattdessen nutzt die Organisation weiter das vermeintliche Momentum für die eigene Agenda. Einen Tag später postet die Organisation einen weiteren Instagram-Beitrag: „Lasst uns die Wut über das, was Collien Fernandes erlebt hat, nutzen. Dafür, dass Frauen in Zukunft besser geschützt sind. Wir fordern die Bundesregierung auf: Die Gesetzeslücken müssen endlich geschlossen werden.“ Eine entsprechende Petition ist angehängt.

Und die Bundesregierung liefert.

IMAGO/Hanno Bode

Angriff auf die Redefreiheit

Justizministerin Hubig klingt in diesen Tagen wie eine Sprecherin. Aber nicht wie eine ihres eigenen Ministeriums, sondern ganz so, als wäre sie im Auftrag der HateAid-Kampagne unterwegs.

Am Morgen nach Erscheinen des Spiegel-Textes interviewt das Magazin auch Hubig. Dabei übernimmt diese nicht nur die Gleichsetzung von „analoger und digitaler Gewalt“ von HateAid. Der Verweis auf Gisèle Pelicot, die über Jahre von ihrem Ehemann betäubt und von ihm und 50 weiteren Männern vergewaltigt wurde, klingt nahezu identisch wie im Spiegel-Text. Hubig erklärt: „Ich sage, dass es Hilfe gibt und dass wir die Hilfe weiter ausbauen werden. Und dass es sich immer lohnt, Vorfälle anzuzeigen. Ich erinnere an Gisèle Pelicot: Die Scham muss die Seite wechseln.“ Im Spiegel hieß es am Tag zuvor: „Pelicots berühmter Satz, wonach die Scham die Seiten wechseln müsse – weg von den Opfern, hin zu den Tätern –, ist für andere zum Leitmotiv geworden. Auch für Frauen wie Fernandes.“

Am Abend desselben Tages meldet sich Hubig in den Tagesthemen zu Wort. Sie erklärt ihre geplanten Gesetzesverschärfungen, die bei pornografischen Deepfakes „das Herstellen, Teilen und Verbreiten“ unter Strafe stellen sollen. Zudem sollen Betroffene Auskunft über den Inhaber der IP-Adresse der Täter bekommen und Account-Sperren beantragen können. Sperren jener Accounts, „von denen diese Beleidigungen, Demütigungen ausgehen, also diese Straftaten sozusagen erfolgen“, wie Hubig ausführt.

Mit dem Wort „Demütigungen“ wählt Hubig einen Begriff, der juristisch nicht klar definiert ist. Ähnlich wie bei „Hass und Hetze“ kann darunter alles fallen, was dem Gegenüber nicht in den Kram passt. Diese Schwammigkeit setzt sich fort, wenn man in den Gesetzentwurf blickt. Der Journalist Benjamin Stibi veröffentlichte auf X einen Auszug aus dem Entwurf. Darin soll ein Straftatbestand für Deepfakes eingeführt werden: „Wer einer dritten Person einen mittels eines Computerprogramms erstellten oder veränderten Inhalts (…), der den Anschein erweckt, ein tatsächliches Geschehen in Bezug auf eine andere Person wiederzugeben, und der geeignet ist, dem Ansehen dieser Person erheblich zu schaden, unbefugt zugänglich macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Wann aber ist ein Deepfake harmlos, also juristisch irrelevant, und wann schadet es dem Ansehen einer Person „erheblich“?

Hierzu gibt die Begründung des Entwurfs Aufschluss, aus der Stibi zitiert: „Zur Ansehensschädigung im Sinne von § 201b Absatz 1 StGB-E ist der Inhalt geeignet, wenn die dargestellte lebende oder verstorbene Person durch ihn verächtlich gemacht oder in der öffentlichen Meinung herabgewürdigt werden kann (…). Durch das Merkmal der Eignung zur ‚erheblichen‘ Ansehensschädigung wird sichergestellt, dass die Beeinträchtigung eine gewisse Schwere erreichen muss und nicht mehr als sozial hinnehmbar erscheinen kann.“

Nicht mehr „sozial hinnehmbar“ – mit dieser schwammigen Definition würde in Zukunft über die Grenze von erlaubt und verboten entschieden, und das auf dem Feld des Äußerungsrechts. Damit stünde schon das Verbreiten von regierungskritischen KI-Darstellungen oder Fotomontagen unter Verdacht – man erinnere sich an den Fall von Deutschlandkurier-Chef David Bendels, der von einer Zwischeninstanz zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden war, weil er der ehemaligen Innenministerin Nancy Faeser den Text „Ich hasse die Meinungsfreiheit“ auf ein gehaltenes Schild montiert hatte.

Statt Frauenrechte zu verbessern, gerät durch die Kampagne also die Meinungsfreiheit in Gefahr. Lars Klingbeil gab im Talk von Pinar Atalay am Montagabend offen zu, dass der öffentliche Druck durch den Fall Ulmen/Fernandes seinen Sozialdemokraten gelegen kommt: „Natürlich ist ein solcher öffentlicher Fall jetzt auch nochmal eine Beschleunigung dafür, dass alle in der Regierung sehen: Das muss jetzt schnell entschieden werden, wir brauchen jetzt schnell eine Gesetzgebung.“

Und der öffentliche Druck ist hoch: Am Sonntag demonstrieren Tausende in Berlin aus Solidarität mit Fernandes. Aufgerufen hat unter anderem der „Feminist Fight Club“, Klimaaktivistin Luisa Neubauer erklärt auf der Bühne, die Männer könnten dankbar sein, dass Frauen keine „Vergeltung“ forderten. Auf der Bühne wird für die sogenannte „Brandmauer“ agitiert, neben der Bühne erklärt die ehemalige SPD-Chefin Saskia Esken in ein Mikrofon, wie gefährlich kritische Presse wie NIUS sei. Die linke Aktivistin Leonie Löwenherz fordert in einem Video, dass Christian Ulmen „und alle anderen Täter an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehangen und öffentlich kastriert werden“.

In einer gemeinsamen Erklärung formulieren 250 prominente Frauen einen 10-Punkte-Plan gegen Gewalt an Frauen, darunter Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die Satirikerinnen Carolin Kebekus und Hazel Brugger, die Sängerin Ikkimel, aber auch Politikerinnen wie Ricarda Lang (Grüne) und Arbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas. Sie fordern etwa, dass die Erstellung und Verbreitung sexualisierter Deepfakes verboten wird, aber auch die Einführung der „Ja heißt Ja“-Regel, nach der sexuelle Handlungen ohne ausdrückliche Einwilligung strafbar wären.

Von Hessens CDU-Ministerpräsident Boris Rhein über die Ex-Familienministerin Lisa Paus bis zur ehemaligen Außenministerin Annalena Baerbock (beide Grüne) lässt nahezu niemand ein Statement aus. Baerbock versteigt sich auf Instagram zu der Aussage: „Nichtstun ist Komplizenschaft.“ Die Botschaft ist klar: Wer jetzt kein hartes Vorgehen im Netz fordert, deckt „virtuelle Vergewaltiger“.

Am Ende könnte vom Spiegel-Text in etwa so viel bleiben wie von der Geheimplan-Recherche von Correctiv. Durch geschickte Insinuation glauben der Leser und viele andere Medien nach der Lektüre, Christian Ulmen habe pornografische Deepfakes seiner Frau verbreitet. Das trifft, so legt die NIUS-Recherche nahe, wohl nicht zu – passt aber umso besser in das Narrativ einer Regierung, die ebendiese Deepfakes gesetzlich regulieren möchte.

Eine Spiegel-Geschichte, die das Land noch lange beschäftigen dürfte. Und die Gerichte erst recht.

Dieser Beitrag ist ursprünglich bei unserem Partner-Portal NiUS erschienen.