„Ich schlachte euch wie Lämmer“: Notfallsanitäter über Gewalt im Rettungsdienst
Wie gefährlich und anstrengend ist der Beruf des Notfallsanitäters mittlerweile wirklich? Im Interview berichtet René Granz, Notfallsanitäter aus Luckau, der über zehn Jahre in Berlin im Einsatz war, von einer Realität, die viele so nicht kennen: steigende Einsatzzahlen, immer mehr Gewalt gegen Helfer und ein Machetenangriff, den er nur knapp überlebte.
Von Eric Steinberg
Fast 20 Jahre arbeitet René im Rettungs- und Sanitätsdienst, die Hälfte davon in der deutschen Hauptstadt. Weil Arbeitsbelastung und die Attacken auf Helfer immer weiter zugenommen haben, arbeitet er schon seit 2018 in Brandenburg. Aus seiner Zeit in der Hauptstadt sind ihm dennoch einige Begegnungen in Erinnerung geblieben, darunter ein Angriff mit einer Machete.
„Ich schlachte euch wie Lämmer“
Als er mit einem Arbeitskollegen zum angeblichen Unfallort gerufen wird, trifft er bereits auf einen aufgebrachten Bewohner. Als Granz diesem erläutert, er wolle zuerst auf die Polizei warten und dann die Wohnung betreten, wird es schnell ungemütlich: „Ich schlachte euch wie Lämmer, ihr Ungläubigen“, ruft der migrantische Bewohner den Helfern entgegen und stürmt mit einer Machete auf Granz zu. Nur, weil er im letzten Moment seinen Rettungsrucksack hochreißt, trifft die Klinge nicht seinen Kopf. „Das ging so schnell“, erinnert er sich. Zwei Wochen ist er danach krankgeschrieben – und stellt sich erstmals die Frage, ob er diesen Beruf überhaupt noch ausüben will.
Für den Notfallsanitäter ist klar: Die Hemmschwelle zur Gewalt ist gesunken. Auf den Meldungen stehe immer häufiger der Hinweis: „Achtung, Messerstichverletzung – Eigenschutz beachten.“ Die Zahl der Übergriffe auf Rettungskräfte hat einen neuen Höchststand erreicht, 2024 wurden 2.916 Betroffene registriert. „Das sind keine Einzelfälle“, sagt der Notfallsanitäter.
„Vollkasko-Mentalität“ wird zur Belastung
Doch nicht nur die Gewalt nimmt zu. Auch die Arbeitsbelastung ist explodiert. Als er begann, habe es in Berlin 800 bis 900 Einsätze pro Tag gegeben, wie seine Kollegen ihm berichten, seien es heute teilweise bis zu 1.600. Das Problem: Viele rufen den Rettungsdienst wegen Kleinigkeiten: „Schnupfen, Husten, seit Wochen Rückenschmerzen.“
Hausärzte nehmen keine Patienten mehr auf, Facharzttermine dauern Monate: Für viele werde die Notaufnahme da zur einzigen Anlaufstelle. Wer den Patienten zu Hause lasse, müsse jeden Schritt rechtssicher dokumentieren. „Da ist es einfacher, ihn ins Krankenhaus zu fahren“, sagt er.
Dieser Beitrag ist ursprünglich auf unserem Partner-Portal NiUS erschienen.
Kommentare