Immer weniger Scheidungen: Warum Paare trotz Krise zusammenbleiben
Die Scheidungszahlen in Österreich sinken zwar weiter, von mehr Eheglück kann jedoch keine Rede sein. Neue Daten zeigen: Viele Paare bleiben nicht aus Liebe, sondern aus Vorsicht zusammen. Wirtschaftliche Unsicherheit wird so zur Klammer für Beziehungen.
Steigende Kosten bremsen Trennungen: Aus finanzieller Vorsicht bleiben viele Paare zusammen.GETTYIMAGES/AndreyPopov
Die Statistik wirkt beruhigend, die Realität dahinter jedoch weniger. Laut aktuellen Daten des Österreichischen Instituts für Familienforschung trennen sich Paare in Österreich immer seltener. Wie auch MeinBezirk berichtet, belasten jedoch Inflation, hohe Wohnkosten und finanzielle Unsicherheit den Alltag schwer. Für viele wird die Ehe so zur Notlösung statt zur Herzensentscheidung.
Scheidungen auf Tiefstand
In Österreich werden erneut weniger Ehen geschieden. Wie das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) berichtet, lag die Scheidungsrate 2024 bei 36,5 Prozent. 2021 waren es noch 37,6 Prozent und im Jahr 2005 sogar 46,4 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Eheschließungen auf 6,0 pro 1.000 Erwachsene.
Auf den ersten Blick deutet dies auf stabilere Partnerschaften hin. Doch Fachleute warnen davor, diese Entwicklung mit wachsendem Eheglück zu verwechseln.
Trennung oft zu teuer
Laut der Soziologin Ulrike Zartler-Griessl von der Universität Wien spielen wirtschaftliche Unsicherheiten eine zentrale Rolle. In Zeiten steigender Kosten würden viele Paare geplante Trennungen bewusst aufschieben. Bereits während der Coronapandemie hat sich gezeigt, dass sinkende Scheidungszahlen später oft durch „nachgeholte Scheidungen” ausgeglichen werden.
Eine Trennung bedeutet fast immer einen massiven finanziellen Einschnitt. Fixkosten können nicht mehr geteilt werden und bei Paaren mit Kindern müssen zwei geeignete Wohnungen finanziert werden. „Wenn rundherum alles instabil ist, dann bleibt man vielleicht doch in dieser stabilen Beziehung – auch wenn sie möglicherweise nicht befriedigend ist“, sagt Zartler-Griessl.
Gesellschaftlicher Wandel wirkt mit
Der langfristige Rückgang der Scheidungszahlen ist bereits seit 2008 zu beobachten. Neben Krisen spielt auch die veränderte Bevölkerungsstruktur eine Rolle. Zugewanderte Menschen heiraten im Durchschnitt früher, bekommen früher Kinder und lassen sich seltener scheiden, was sich spürbar auf die Statistik auswirkt.
Parallel dazu ist die Geburtenrate weiter gesunken. Sie lag zuletzt bei 1,31 Kindern pro Frau; bei österreichischen Staatsbürgerinnen betrug sie 1,22, während sie bei Müttern mit ausländischer Staatsbürgerschaft bei 1,58 Kindern pro Frau lag. Auch der Anteil unehelicher Geburten ist zurückgegangen.
Wien im Gleichklang mit den Bundesländern
In Wien haben sich die Werte denen des restlichen Österreichs angenähert. So lag die Scheidungsrate 2024 bei 39,7 Prozent und damit etwa auf dem Niveau von Niederösterreich, Kärnten und Vorarlberg. Gleichzeitig ist das Erstheiratsalter in der Bundeshauptstadt niedriger als in Österreich insgesamt und der Anteil an Patchworkfamilien geringer.
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