Mehrere zivile Polizeifahrzeuge rollen am Morgen auf das Sandringham-Anwesen in Norfolk. Kurz darauf steht fest: Die Thames Valley Police hat am 19. Februar «einen Mann in den Sechzigern aus Norfolk wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch» festgenommen. Parallel dazu würden Adressen in Berkshire und Norfolk durchsucht, heisst es.

Der Mann habe sich «derzeit in Polizeigewahrsam» befunden. Der Name wurde offiziell nicht genannt – die BBC ordnete den Fall jedoch Andrew Mountbatten-Windsor zu. Nach rund elf Stunden kam er wieder frei, zuvor soll er stundenlang verhört worden sein.

Die Bilder, die danach um die Welt gingen, sind bereits jetzt Symbol der Affäre: Andrew, zurückgelehnt auf der Rückbank eines dunklen Autos, die Hände locker gefaltet.

Starmer: «Niemand über dem Gesetz»

Die Festnahme fiel ausgerechnet mit klaren Worten aus Downing Street zusammen. Premierminister Keir Starmer betonte, «niemand [stehe] über dem Gesetz» – auch nicht Andrew Mountbatten-Windsor.

Am Nachmittag meldete sich auch König Charles III. zu Wort: Das Gesetz müsse seinen Lauf nehmen.

Der Epstein-Komplex wird zur Groß-Ermittlung

Hinter den aktuellen Schritten stehen neue Akten aus den USA rund um Jeffrey Epstein. Die Londoner Metropolitan Police erklärte, nach der weiteren Freigabe von «Millionen von Gerichtsdokumenten» durch das US-Justizministerium seien Hinweise bekannt, dass Londoner Flughäfen «möglicherweise zur Erleichterung von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung genutzt wurden».

Die Ermittler prüfen diese Informationen und wollen von Partnerbehörden – auch in den Vereinigten Staaten – zusätzliche Details erhalten.

Brisant ist ein weiterer Punkt der Met Police: Ehemalige und aktive Beamte, die eng mit Andrew zusammengearbeitet haben, werden identifiziert und kontaktiert. Sie seien gebeten worden, sorgfältig zu prüfen, ob etwas, das sie während dieser Zeit gesehen oder gehört haben, für die laufenden Untersuchungen relevant sein könnte.

Gleichzeitig betont die Polizei, dass «keine neuen strafrechtlichen Vorwürfe wegen Sexualdelikten eingereicht worden» seien, die in ihren Zuständigkeitsbereich fallen.

«Poppers, Gleitgel und Kondome»: neue Party-Details

Parallel zur Ermittlungswelle tauchen neue Enthüllungen aus Andrews Vergangenheit auf. Die britische Zeitung The Sun berichtet über Passagen aus Robert Jobsons Buch The Windsor Legacy: Demnach soll Andrew im Jahr 2000 auf Sandringham House eine Feier für Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell ausgerichtet haben – angeblich zu Maxwells 39. Geburtstag.

Öffentlich sprach Andrew damals von einem «Jagdwochenende». Insider schildern jedoch eine deutlich ausgelassenere Party. In Gästezimmern seien laut Buch «Poppers, Gleitgel und Kondome» gefunden worden.

Jobson wird mit einem Satz zitiert, der hängen bleibt: «Ich weiss, dass die Angestellten schockiert waren, als sie herausfanden, dass es in jedem Gästezimmer Gleitmittel und Kondome gab.»

Andrew hatte das Treffen 2019 im BBC-Interview mit Emily Maitlis bestätigt, es aber als harmloses Jagdtreffen dargestellt.

Personenschützer im Fokus – «weggeschaut»?

Zusätzlich stehen frühere Sicherheitsbeamte unter Beobachtung. Die BBC berichtete über «vorläufige Untersuchungen» der Metropolitan Police zum Verhalten ehemaliger Personenschützer. Hintergrund sind Aussagen eines nicht genannten ehemaligen leitenden Met-Beamten gegenüber LBC: Mitglieder des Schutzteams könnten bei Besuchen auf Epsteins Insel «Little St. James» vorsätzlich «die Augen vor kriminellen Aktivitäten verschlossen» haben.

Die Metropolitan Police hielt dagegen fest, bisher sei «kein Fehlverhalten festgestellt» worden. Die aktuellen Nachforschungen dienten dazu, die Faktenlage zu klären; bei konkreten Anhaltspunkten würde das Independent Office of Police Conduct übernehmen.

Royal Lodge: Durchsuchungen gehen weiter

Auch die Royal Lodge in Berkshire bleibt ein Schauplatz der Ermittlungen. Die Polizei setzte die Durchsuchungen am zweiten Tag fort. Die Thames Valley Police teilte laut BBC mit, es gebe «derzeit keine neuen Informationen» dazu.

Rund um den Windsor Great Park war am Morgen nur wenig Polizeipräsenz zu sehen. Mehrere Mannschaftswagen verliessen das Gelände in den frühen Stunden – wer darin sass, war in der Dunkelheit nicht zu erkennen.

Druck aus dem Parlament: Thronfolge als politisches Thema

Neben der strafrechtlichen Dimension wächst der politische Druck. Die britische Regierung erwäge ein Gesetz, um Andrew aus der Thronfolge zu entfernen – nach Abschluss der laufenden polizeilichen Ermittlungen. Abgeordnete, unter anderem von den Liberal Democrats und der Scottish National Party, sollen entsprechende Vorschläge gemacht haben.

Ein Haken bleibt: Jede Änderung würde die Zustimmung anderer Commonwealth-Länder erfordern. Andrew ist derzeit weiterhin der Achte in der britischen Thronfolge – obwohl ihm im Oktober letzten Jahres seine Titel aberkannt wurden, darunter auch der Titel «Prinz».

Das Bild, das alles erzählt

Reuters-Fotograf Phil Noble schilderte später, wie das Foto von Andrew im Auto entstand: sechs Stunden Anfahrt, sechs Stunden Warten, dann Sekundenbruchteile im Dunkeln. Er drückte sechsmal ab – und nur ein Bild «traf ins Schwarze». Sein Fazit: «Man kann planen und seine Erfahrung nutzen – aber am Ende muss alles zusammenpassen.» Bei Aufnahmen aus einem fahrenden Auto brauche es «mehr Glück als Urteilsvermögen».