Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Lüttich greift Belgien zu drastischen Maßnahmen: Seit Montag patrouillieren Soldaten in Brüssel und Antwerpen, um jüdische Einrichtungen zu schützen. Bis zu 200 Soldaten werden zunächst für drei Monate eingesetzt, später soll der Einsatz auch auf Lüttich ausgeweitet werden. Gesichert werden Synagogen, Schulen und andere Einrichtungen der jüdischen Gemeinschaft.

Der Schritt war angekündigt, jetzt wird er umgesetzt – vor dem Hintergrund einer deutlich verschärften Sicherheitslage in Belgien und Europa.

Anschlag als Auslöser – neue Terrorgruppe reklamiert die Tat

Auslöser der Maßnahme ist ein nächtlicher Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge in Lüttich. Laut Berichten deutet ein Bekennervideo auf einen möglichen islamistischen Hintergrund hin.

Brisant: Eine bislang kaum bekannte Gruppe mit dem Namen „Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia“ hat den Anschlag für sich reklamiert. Sie soll Verbindungen zu iranischen Terrornetzwerken haben und erklärte zudem, auch hinter Explosionen bei jüdischen Einrichtungen in Amsterdam und Rotterdam zu stehen. Auch weitere Taten werden der Gruppe zugeschrieben – darunter Angriffe in London.

Serie von Angriffen – Europa unter Druck

Die Entscheidung ist Teil einer breiteren Entwicklung: In mehreren europäischen Ländern kam es zuletzt zu Angriffen auf jüdische Einrichtungen – darunter Explosionen, Brandanschläge und Drohungen. Neben Belgien und den Niederlanden wurden auch Vorfälle in Norwegen und Großbritannien gemeldet.

In Belgien allein sollen laut Berichten rund zwei Dutzend Standorte geschützt werden – darunter etwa 20 Synagogen und vier jüdische Schulen in Antwerpen, wo ein Großteil der rund 30.000 Juden des Landes lebt.

Neue Attacke trotz Militärpräsenz

Die Lage bleibt angespannt: Ausgerechnet in der Nacht zum Montag wurde im jüdischen Viertel von Antwerpen ein Auto in Brand gesetzt – ein mutmaßlich antisemitischer Angriff. Zwei Verdächtige wurden kurz nach der Tat festgenommen.

Der Vorfall zeigt, wie dynamisch und ernst die Bedrohungslage derzeit ist.

Belgische Soldaten in Brüssel sind Teil eines neuen Sicherheitseinsatzes zum Schutz jüdischer Einrichtungen nach einer Serie antisemitischer Angriffe.APA/AFP/Belga/EMILE WINDAL

Regierung im Streit: Minister übergehen Justizressort

Brisant ist auch der politische Konflikt. Innenminister Bernard Quintin und Verteidigungsminister Theo Francken kündigten den Einsatz an, ohne Justizministerin Annelies Verlinden einzubeziehen. Diese reagierte scharf: Jeder müsse sich fragen, ob man auf diese Weise Entscheidungen treffe. Auch Vizepremier Vincent Van Peteghem warnte vor Alleingängen.

Premier Bart De Wever verteidigte das Vorgehen: Der Einsatz stütze sich auf eine gesetzliche Regelung, die es der Polizei erlaubt, militärische Unterstützung anzufordern.

Polizei am Limit? Militär als Notlösung

Der Einsatz verweist auf ein strukturelles Problem: Das Militär springt ein, weil die Polizei offenbar an ihre Grenzen stößt. Die operative Führung bleibt dennoch bei der Föderalpolizei.

Stadtteil Schaarbeek in Brüssel – ein Einsatzgebiet der Soldaten zum Schutz jüdischer Einrichtungen.GETTYIMAGES/Artur Debat

Besonders brisant: Noch im Dezember hatte Innenminister Quintin angekündigt, den Polizeischutz im jüdischen Viertel von Antwerpen abzuziehen – trotz steigenden Antisemitismus. Nach massiver Kritik wurde dieser Plan wieder zurückgenommen.

Neben jüdischen Einrichtungen sollen Soldaten auch Bahnhöfe sichern und bei Einsätzen gegen Drogenkriminalität helfen. Nach drei Monaten soll die Truppenstärke auf 90 Soldaten reduziert werden. Verteidigungsminister Francken betont: „Das ist nur temporär.“

600 Soldaten im Einsatzsystem – „Bedrohung real und akut“

Offiziell sind maximal 200 Soldaten gleichzeitig im Einsatz. Durch Rotationen entspricht das jedoch einem Gesamtaufgebot von rund 600 Soldaten.

Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sprechen von einer „realen und akuten Bedrohung“. Der Einsatz sei keine Symbolpolitik, sondern notwendig.

Soldaten sind im Einsatz – möglicherweise weil die Polizei am Limit ist.APA/AFP/Belga/NICOLAS MAETERLINCK

„Wochen der Angst“ – Erleichterung in der Bevölkerung

In der jüdischen Gemeinschaft in Antwerpen wird die Präsenz der Soldaten positiv aufgenommen. Bewohner berichten, sie fühlten sich nach Wochen wachsender Angst nun deutlich sicherer.

Lokale Sicherheitsinitiativen hatten ihre Maßnahmen bereits zuvor verstärkt. Die Bedrohung werde im Alltag spürbar – etwa rund um Gebetszeiten oder Schulen.

Kritik: „Zu spät“ – strukturelle Probleme ungelöst

Kritik aus der Politik kommt dennoch: Der Einsatz sei „zu wenig, zu spät“, heißt es. Selbst während der laufenden Operation konnten neue Angriffe nicht verhindert werden. Einige Beobachter verweisen auf tieferliegende Probleme: zu wenig Polizeipersonal, zunehmender Antisemitismus und Defizite bei der Strafverfolgung.

Auch im internationalen Vergleich hinke Belgien hinterher: In Städten wie Wien, Zürich oder Berlin gebe es teils dauerhafte Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen.

Überlastetes Militär: Krisen rund um den Globus

Gleichzeitig steht das belgische Militär unter massivem Druck. Francken verweist auf zahlreiche internationale Verpflichtungen: Spannungen im Nahen Osten, die Sicherung der Straße von Hormus, den Konflikt im Kongo, den Kampf gegen Russlands „Schattenflotte“ und die Unterstützung für die Ukraine.

Sein Fazit: „Wir haben einen extrem vollen Terminkalender.“

Rückkehr eines alten Sicherheitsmodells

Der Einsatz erinnert an frühere Maßnahmen: Bereits nach den Terroranschlägen 2015 wurde in Belgien die „Operation Vigilant Guardian“ gestartet – mit Soldaten im Inland. Sie lief bis 2021. Es ist der erste vergleichbare Einsatz seit fünf Jahren.

Soldaten zum Schutz von Synagogen – mitten in Europa: Dieses Bild zeigt, wie ernst die Sicherheitslage mittlerweile eingeschätzt wird.