Islamistische Terror-Serie: Belgien schickt Soldaten zu Synagogen
Nach einer Serie antisemitischer Angriffe verschärft Belgien den Schutz jüdischer Einrichtungen massiv. Zu den Taten bekennt sich eine neue islamistische Terrorgruppe mit mutmaßlichen Verbindungen zu iranischen Netzwerken. Jetzt stehen Soldaten vor Synagogen und Schulen. Europa schaut alarmiert zu
Bewaffneter Soldat der belgischen Streitkräfte sichert die Straße vor der Großen Synagoge in Brüssel.APA/AFP/Belga/EMILE WINDAL
Nach dem Anschlag auf eine Synagoge in Lüttich greift Belgien zu drastischen Maßnahmen: Seit Montag patrouillieren Soldaten in Brüssel und Antwerpen, um jüdische Einrichtungen zu schützen. Bis zu 200 Soldaten werden zunächst für drei Monate eingesetzt, später soll der Einsatz auch auf Lüttich ausgeweitet werden. Gesichert werden Synagogen, Schulen und andere Einrichtungen der jüdischen Gemeinschaft.
Der Schritt war angekündigt, jetzt wird er umgesetzt – vor dem Hintergrund einer deutlich verschärften Sicherheitslage in Belgien und Europa.
Belgium deploys soldiers to city streets to provide extra security to the Jewish community following what officials said were antisemitic attacks in Belgium and the Netherlands https://t.co/a0VQO0vFlL pic.twitter.com/vYZD1OybcH
— Reuters (@Reuters) March 23, 2026
Anschlag als Auslöser – neue Terrorgruppe reklamiert die Tat
Auslöser der Maßnahme ist ein nächtlicher Sprengstoffanschlag auf eine Synagoge in Lüttich. Laut Berichten deutet ein Bekennervideo auf einen möglichen islamistischen Hintergrund hin.
Brisant: Eine bislang kaum bekannte Gruppe mit dem Namen „Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia“ hat den Anschlag für sich reklamiert. Sie soll Verbindungen zu iranischen Terrornetzwerken haben und erklärte zudem, auch hinter Explosionen bei jüdischen Einrichtungen in Amsterdam und Rotterdam zu stehen. Auch weitere Taten werden der Gruppe zugeschrieben – darunter Angriffe in London.
BREAKING: Shooting attack in Brussels, Clemenceau metro station.
— Hananya Naftali (@HananyaNaftali) February 5, 2025
CCTV shows two men in balaclavas with rifles opening fire on people. Police are after the attackers.
Europe has fallen. Radicals have taken over. How much longer will leaders stay blind? pic.twitter.com/fdp1KAG7A8
Serie von Angriffen – Europa unter Druck
Die Entscheidung ist Teil einer breiteren Entwicklung: In mehreren europäischen Ländern kam es zuletzt zu Angriffen auf jüdische Einrichtungen – darunter Explosionen, Brandanschläge und Drohungen. Neben Belgien und den Niederlanden wurden auch Vorfälle in Norwegen und Großbritannien gemeldet.
In Belgien allein sollen laut Berichten rund zwei Dutzend Standorte geschützt werden – darunter etwa 20 Synagogen und vier jüdische Schulen in Antwerpen, wo ein Großteil der rund 30.000 Juden des Landes lebt.
Neue Attacke trotz Militärpräsenz
Die Lage bleibt angespannt: Ausgerechnet in der Nacht zum Montag wurde im jüdischen Viertel von Antwerpen ein Auto in Brand gesetzt – ein mutmaßlich antisemitischer Angriff. Zwei Verdächtige wurden kurz nach der Tat festgenommen.
Der Vorfall zeigt, wie dynamisch und ernst die Bedrohungslage derzeit ist.
Regierung im Streit: Minister übergehen Justizressort
Brisant ist auch der politische Konflikt. Innenminister Bernard Quintin und Verteidigungsminister Theo Francken kündigten den Einsatz an, ohne Justizministerin Annelies Verlinden einzubeziehen. Diese reagierte scharf: Jeder müsse sich fragen, ob man auf diese Weise Entscheidungen treffe. Auch Vizepremier Vincent Van Peteghem warnte vor Alleingängen.
Premier Bart De Wever verteidigte das Vorgehen: Der Einsatz stütze sich auf eine gesetzliche Regelung, die es der Polizei erlaubt, militärische Unterstützung anzufordern.
Polizei am Limit? Militär als Notlösung
Der Einsatz verweist auf ein strukturelles Problem: Das Militär springt ein, weil die Polizei offenbar an ihre Grenzen stößt. Die operative Führung bleibt dennoch bei der Föderalpolizei.
Besonders brisant: Noch im Dezember hatte Innenminister Quintin angekündigt, den Polizeischutz im jüdischen Viertel von Antwerpen abzuziehen – trotz steigenden Antisemitismus. Nach massiver Kritik wurde dieser Plan wieder zurückgenommen.
Neben jüdischen Einrichtungen sollen Soldaten auch Bahnhöfe sichern und bei Einsätzen gegen Drogenkriminalität helfen. Nach drei Monaten soll die Truppenstärke auf 90 Soldaten reduziert werden. Verteidigungsminister Francken betont: „Das ist nur temporär.“
600 Soldaten im Einsatzsystem – „Bedrohung real und akut“
Offiziell sind maximal 200 Soldaten gleichzeitig im Einsatz. Durch Rotationen entspricht das jedoch einem Gesamtaufgebot von rund 600 Soldaten.
Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sprechen von einer „realen und akuten Bedrohung“. Der Einsatz sei keine Symbolpolitik, sondern notwendig.
„Wochen der Angst“ – Erleichterung in der Bevölkerung
In der jüdischen Gemeinschaft in Antwerpen wird die Präsenz der Soldaten positiv aufgenommen. Bewohner berichten, sie fühlten sich nach Wochen wachsender Angst nun deutlich sicherer.
Lokale Sicherheitsinitiativen hatten ihre Maßnahmen bereits zuvor verstärkt. Die Bedrohung werde im Alltag spürbar – etwa rund um Gebetszeiten oder Schulen.
Kritik: „Zu spät“ – strukturelle Probleme ungelöst
Kritik aus der Politik kommt dennoch: Der Einsatz sei „zu wenig, zu spät“, heißt es. Selbst während der laufenden Operation konnten neue Angriffe nicht verhindert werden. Einige Beobachter verweisen auf tieferliegende Probleme: zu wenig Polizeipersonal, zunehmender Antisemitismus und Defizite bei der Strafverfolgung.
Auch im internationalen Vergleich hinke Belgien hinterher: In Städten wie Wien, Zürich oder Berlin gebe es teils dauerhafte Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen.
Überlastetes Militär: Krisen rund um den Globus
Gleichzeitig steht das belgische Militär unter massivem Druck. Francken verweist auf zahlreiche internationale Verpflichtungen: Spannungen im Nahen Osten, die Sicherung der Straße von Hormus, den Konflikt im Kongo, den Kampf gegen Russlands „Schattenflotte“ und die Unterstützung für die Ukraine.
Sein Fazit: „Wir haben einen extrem vollen Terminkalender.“
Rückkehr eines alten Sicherheitsmodells
Der Einsatz erinnert an frühere Maßnahmen: Bereits nach den Terroranschlägen 2015 wurde in Belgien die „Operation Vigilant Guardian“ gestartet – mit Soldaten im Inland. Sie lief bis 2021. Es ist der erste vergleichbare Einsatz seit fünf Jahren.
Soldaten zum Schutz von Synagogen – mitten in Europa: Dieses Bild zeigt, wie ernst die Sicherheitslage mittlerweile eingeschätzt wird.
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