Je mehr Brüder, desto klüger? Neue Studie über Fische überrascht
Ein reger Umgang mit vielen Geschwistern erhöht die soziale Kompetenz von Fischen. Das hat die österreichische Verhaltensbiologin Barbara Taborsky bei Buntbarschen aus dem Tanganjikasee herausgefunden.
Jungfische vom Tanganjikasee profitieren sozial von vielen Geschwistern in der Aufzucht. (Symbolbild)IMAGO/CHROMORANGE
Es reicht nicht aus, in der frühen Kindheit Gleichaltrige um sich zu haben, man muss auch ausgiebig mit ihnen interagieren, erklärte sie im Fachjournal „PNAS”. Nur beides zusammen hilft den Tieren lebenslang, adäquat auf soziale Herausforderungen zu reagieren.
Große Gruppe, weniger Aggression
Barbara Taborsky und ihr Doktorand Bruno Camargo dos Santos ließen am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern Wurfgeschwister des Buntbarschs „Prinzessin vom Tanganjikasee” (Neolamprologus pulcher) unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen. Zweiunddreißig Jungfische wuchsen in den prägenden ersten drei Lebensmonaten in einer großen Gruppe heran, in der sie ausgiebig miteinander interagieren konnten. In anderen Becken lebten kleinere Nachwuchsgruppen von nur acht Geschwistern. In weiteren Aquarien mit durchsichtigen Trennwänden lebten jeweils acht der kleinen Buntbarsche, die so nur eingeschränkten Umgang miteinander pflegen konnten.
Die Fische aus der großen Nachwuchsgruppe mit uneingeschränkten Kontakten zeigten in dieser Zeit mehr freundliche Interaktionen mit ihren Geschwistern als die anderen. Dazu zählten beispielsweise freundschaftliches Anstupsen oder das Schwimmen nebeneinander her, erklärte Taborsky. Sie gebärdeten sich untereinander auch weniger aggressiv und zeigten weniger Drohverhalten, wie die Kiemendeckel zu spreizen, das Gegenüber offensiv anzuschwimmen und es vielleicht sogar zu rammen.
Weniger Konflikte mit dominanten Artgenossen
Aufgrund ihrer frühen Erfahrungen waren die Fische aus den großen Gruppen im späteren Leben sozial kompetenter, so die Forscherin. Sie konnten einen Konflikt mit einem größeren, dominanten Artgenossen nämlich besser lösen, als sie im Jugendalter (mit fünf Monaten) ihr erstes Territorium an ihn verloren. „Wir setzten den Test-Fisch über Nacht in ein Becken mit einer Blumentopfhälfte, die die Mitte seines Territoriums bildete”, heißt es in der Fachpublikation. „Am nächsten Tag wurde ein unbekannter, großer Artgenosse in das Testbecken gesetzt.” Mit einem speziellen Unterwerfungsverhalten, dem sogenannten Schwanz-Vibrieren, zeigten sie ihm beispielsweise, dass sie seine Dominanz anerkannten. Die Jugendlichen aus der großen Gruppe wurden daraufhin eher vom starken Eindringling akzeptiert und durften sich uneingeschränkt in seinem Territorium bewegen, während die anderen teils in einer kleinen Ecke des Beckens ausharren mussten oder weiterhin angegriffen wurden.
In ihrer natürlichen Umwelt im Tanganjikasee in Afrika leben diese Buntbarsche in Gruppen mit Arbeitsteilung und sozialer Hierarchie. Eine hohe soziale Kompetenz ist für Jungfische dort überlebenswichtig, um in dem Territorium eines dominanten Brutpaares leben zu dürfen und von diesem vor größeren Räubern geschützt zu werden. Laut den Experimenten sind dafür zwei Dinge nötig, so Taborsky: viele Geschwister und ein ausreichend direkter Umgang mit ihnen. „Soziale Kompetenz entsteht also nicht allein durch die Anzahl der Individuen oder Interaktionen, sondern durch die Kombination beider.”
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