Die Warnungen klingen dramatisch. „El-Niño-Bedingungen gießen Öl in das Feuer der globalen Erwärmung”, verkündet UN-Generalsekretär António Guterres laut „Frankfurter Rundschau” in einer Videobotschaft. Die Weltwetterorganisation WMO beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass das Wetterphänomen heuer zwischen Juni und August einsetzt, mit 80 Prozent. Andere Blätter legen noch nach: „Super-El-Niño droht”, titelt der „Focus”, die „Washington Post” fragt nach dem „stärksten El Niño seit einem Jahrhundert”.
Der Tenor: Der Pazifik kippt, und Deutschland wie Österreich drohe ein Rekordsommer mit Unwettern und Hitze. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Die Hysterie steht auf wackeligen Beinen.

El Niño ist die Warmphase des Klimaphänomens ENSO im tropischen Pazifik, das etwa alle fünf Jahre auftritt und weltweit Extremwetter wie Dürren und Überschwemmungen auslösen kann.
El Niño ist die Warmphase des Klimaphänomens ENSO im tropischen Pazifik, das etwa alle fünf Jahre auftritt und weltweit Extremwetter wie Dürren und Überschwemmungen auslösen kann.

„In Wirklichkeit ist nichts klar"

Den entscheidenden Dämpfer liefert WELT-Chefreporter Axel Bojanowski, der seit 1997 über Klimaforschung berichtet. Sein nüchterner Befund in der „Welt”: In Wirklichkeit sei weder klar, ob ein El Niño überhaupt aufziehe, noch wie stark er ausfallen würde. Die Wetterdienste sähen bislang lediglich Indizien – mehr nicht.

Tatsächlich sind sich die großen Wetteragenturen alles andere als einig. Der US-Wetterdienst NOAA beziffert die Chance für einen El Niño im Sommer laut Bojanowski auf gerade einmal 61 Prozent. Der europäische Dienst ECMWF rechnet mit einem wahrscheinlich nur moderaten Verlauf, hält einen starken aber für möglich. Und die chinesische Agentur CMA räumt offen ein, die Stärke sei schlicht unklar. Von der angeblichen „Gewissheit” eines Jahrhundertereignisses bleibt da wenig übrig.

WELT-Autor Axel Bojanowski auf X.
WELT-Autor Axel Bojanowski auf X.

Der Wetterdienst selbst tritt auf die Bremse

Pikant: Den Alarm-Schlagzeilen widerspricht ausgerechnet eine seriöse Fachinstanz – der Deutsche Wetterdienst (DWD). Dieser stellt nüchtern fest, dass El Niño in den vergangenen Wochen in einigen Medien zum Thema gemacht wurde, sich bei genauerer Betrachtung aber die Komplexität der Datenlage zeige. Das Fazit der Offenbacher Meteorologen klingt ganz anders als die Schlagzeilen: Ein El-Niño-Ereignis sei zwar wahrscheinlich, die Stärke jedoch noch sehr unsicher – und der Klimawandel sorge für zusätzliche Unsicherheiten in der Prognose. Die Modelle, so der DWD, lieferten eine enorme Spannbreite an Szenarien.

Damit bestätigt der Wetterdienst auch jenen Punkt, den Bojanowski für entscheidend hält: die sogenannte Frühlingsbarriere. Änderungen im Klimasystem seien im Frühling deutlich schwerer vorherzusagen als im Rest des Jahres, hält der DWD fest – erst ab Ende Mai oder Juni steige die Zuverlässigkeit der Prognosen. Während die Medien also bereits das Worst-Case-Szenario ausrufen, treten die Fachleute selbst auf die Bremse.

Ein Drittel, ein Drittel, ein Drittel

Auch die runde „Super-El-Niño”-Schlagzeile hält der Faktencheck kaum aus. Nach den dem NOAA-Bericht zugrunde liegenden Vorhersagen liegt die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis laut dem deutschen Science Media Center bei lediglich rund einem Drittel – je ein weiteres Drittel entfällt auf ein starkes beziehungsweise ein nur schwaches bis moderates Ereignis. Heißt im Klartext: Ein „Super-El-Niño” ist nicht wahrscheinlicher als ein schwacher.

Besonders brisant ist ein weiterer Hinweis der Experten: Das gehäufte Auftreten relativ starker Ereignisse 2015/16, 2023/24 und möglicherweise 2026/27 sei durchaus noch konsistent mit einer normalen, zufälligen Abfolge – also kein Beleg für einen dramatischen neuen Trend.

Für Europa: kein Signal aus dem Pazifik

Und selbst wenn El Niño käme: Für Mitteleuropa gibt Bojanowski Entwarnung. Signifikante Auswirkungen bis zu uns seien schlicht nicht nachgewiesen. Das deckt sich mit der Einschätzung des Portals „daswetter.com”, das schon im Titel von „kräftig übertrieben” spricht: Die für Europa prognostizierten hohen Sommertemperaturen seien ein globaler Hintergrund-Effekt im Zusammenspiel mit dem Klimawandel – kein Hitzesommer-Signal aus dem Pazifik. Den heimischen Sommer machten ganz andere Faktoren: das Azorenhoch, die Nordatlantische Oszillation, die Meerestemperaturen im Nordatlantik und die Bodenfeuchte aus dem Frühjahr.

Milliarden auf dem Spiel

Warum dann der große Alarm? Bojanowski liefert die wohl unbequemste Erklärung gleich mit. Hinter den scheinbar nüchternen Prognosen verberge sich in Wahrheit ein verbissener Wettstreit von Forschern – ein Ringen um die beste Vorhersage, bei dem Abermilliarden Euro auf dem Spiel stehen.

Die Dimension ist gewaltig: Die WMO beziffert die gemeldeten wirtschaftlichen Verluste durch wetterbedingte Extremereignisse zwischen 1970 und 2021 auf 4,3 Billionen US-Dollar. Und genau hier wird die El-Niño-Prognose zum Machtinstrument. Denn sie entscheidet, wie Bojanowski schreibt, ob sich Getreidemärkte, ganze Ortschaften und Versicherungen rechtzeitig auf Dürre, Flut und Ernteverluste vorbereiten – oder von ihnen überrollt werden. Wer früh und richtig warnt, hält die Kosten im Rahmen. Wer die Schlagzeile besetzt, sitzt am längeren Hebel.

Das schafft einen Anreiz, der die schrillen Töne erklärt: Eine laute Warnung bringt Aufmerksamkeit, Forschungsgelder und Deutungshoheit – eine nüchterne „Wir wissen es noch nicht”-Einordnung dagegen verschwindet in der Nachrichtenflut. Kein Wunder also, dass aus vorsichtigen Wahrscheinlichkeiten in der medialen Verwertung schnell ein drohendes „Jahrhundertereignis” wird.

Dass die Vorsicht angebracht ist, zeigt ein Blick zurück: Schon beim El Niño von 1997/98 hatte es laute Warnungen gegeben – doch spätere Prüfungen ergaben laut Bojanowski, dass dabei wesentlich Zufall im Spiel gewesen war. Die Trefferquote ist also keineswegs so verlässlich, wie die runden Prozentzahlen heute suggerieren.
Bleibt die Frage, warum aus „61 Prozent”, „ein Drittel” und „die Stärke ist unklar” mediale Gewissheit über ein „Jahrhundertereignis” wird. Die Antwort liefert das Geschäft mit der Angst gleich selbst.