Die traditionsreiche Nelson-Street-Synagoge ist einer der letzten Zeugen der einst blühenden jüdischen Geschichte im Osten Londons. Wie die Jüdische Allgemeine berichtet, steht das Gebäude vor einer ungewissen Zukunft und könnte schon bald als islamisches Gebets- und Gemeindezentrum genutzt werden.

Von 100 auf drei: Das jüdische East End schrumpft

In einer unscheinbaren Nebenstraße im Osten Londons steht ein zweistöckiger Ziegelbau. Wer nicht genau hinsieht, läuft daran vorbei. Nur ein blaues Metallschild mit Davidstern und Jahreszahlen sowie ein weiteres Schild mit Gebetszeiten und dem Namen „East London Central Synagogue” verraten die Bestimmung des Hauses.

Das East End war einst ein Zentrum des jüdischen Lebens. In den engen, überfüllten Gassen siedelten sich bis zu 200.000 jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa an. Es gab rund 100 Synagogen. Heute bieten nur noch drei von ihnen regelmäßig Gottesdienste an.

Die Nelson-Street-Synagoge integrierte im Laufe der Jahre rund 20 schrumpfende Gemeinden. Die sefardische Gebetstradition aus der Zeit der Eröffnung verschmolz mit der aschkenasischen Liturgie. Doch bereits in den 1990er-Jahren war es Glückssache, einen Minjan zusammenzubekommen.

Das Viertel hat sich verändert. Heute leben hier Menschen aus neueren Einwanderungswellen, größtenteils aus Bangladesch und Somalia. Das Gebiet ist inzwischen muslimisch geprägt.

Verkauf beschlossen – Kaution bereits bezahlt

Die orthodoxe „Federation of Synagogues“ ist Eigentümerin des Gebäudes. Sie hat beschlossen, die leerstehende Synagoge aufzugeben und die Einnahmen dort zu investieren, wo ihre Mitglieder heute leben.

Die benachbarte somalisch-islamische Religionsgemeinschaft Ashaadibi hat bereits eine Kaution in Höhe von umgerechnet 287.000 Euro gezahlt. Bis Oktober muss sie knapp vier Millionen Euro für den Ankauf und die Renovierung aufbringen. Gelingt ihr das, könnte die Synagoge bald ein islamisches Gebets- und Gemeindezentrum werden.

Unklar ist jedoch, in welchem Umfang das historische Innere geschützt wäre. Ein Antrag auf Denkmalschutz liegt zur Genehmigung vor.

Hoffnung auf Rettung – Museum statt Moschee?

Der 73-jährige ehemalige Gemeindevorsteher Leon Silver hofft auf eine andere Lösung. Gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“ sagte er: „Vielleicht kann ein Philanthrop oder eine gemeinnützige Organisation bei der Erhaltung des Gotteshauses helfen. Es könnte ein idealer Ort für ein Museum über das einst jüdische East End werden, mit der Option, den Raum für besondere Anlässe wie Bar-Mizwa-Feiern, Hochzeiten oder Gedenktage weiterzunutzen.“

Silver verweist auf ein Beispiel aus Manchester, wo eine Synagoge aus dem Jahr 1874 in ein jüdisches Museum umgewandelt wurde. Er sieht auch mögliche internationale Unterstützung. Einer seiner Vorgänger war ein Flüchtling aus Deutschland. Zudem habe es wiederholt eine enge Zusammenarbeit mit der deutsch-katholischen Kirche St. Bonifatius in London gegeben.

Wandel der Zeit – kein Einzelfall

Sollte die Nelson-Street-Synagoge tatsächlich zur Moschee werden, wäre dies nicht das erste Mal in London.

Die Brick-Lane-Moschee war bis 1976 die Great-Spitalfields-Synagoge und davor bis 1897 eine Hugenotten-Kapelle. Im Jahr 2015 erwarb die East London Mosque die benachbarte Fieldgate Street Synagoge aus dem Jahr 1899, deren alte Außenaufschrift auf Hebräisch und Englisch noch heute sichtbar ist. An der Tür prangt heute jedoch ein großer Nothilfeaufruf für Menschen in Gaza. Manche sprechen vom „Wandel der Zeit“. Für viele ist es jedoch ein schmerzlicher Verlust kulturellen Erbes.