Getarnt wurden die “Sniper-Safaris” in Bosnien als Jagdtouren am Balkan, die von Triest aus starteten. Eingeleitet wurden die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Hobby-Heckenschützen nach einer Anzeige des Mailänder Schriftstellers Ezio Gavazzeni. Laut Gavazzeni beteiligten sich auch Bürger aus Österreich und Deutschland an den “Menschen-Safaris” in Sarajevo. “Jedes Land, auch Österreich, sollte Ermittlungen einleiten, wie wir es in Italien getan haben. Jedes Land sollte seine Hausaufgaben machen”, sagte der 66-jährige Gavazzeni im Gespräch mit der APA in Rom.

Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt

Der Autor veröffentlicht am 17. März sein Buch mit dem Titel “Cecchini del Weekend” (“Scharfschützen des Wochenendes”) im römischen Verlag Paperfirst. “Das Buch enthält einen Großteil der Informationen, die ich der Mailänder Staatsanwaltschaft vorgelegt habe und noch viel mehr”, berichtet Gavazzeni. Der Staatsanwaltschaft in Mailand stellte er Dokumente und Zeugenaussagen aus jahrelangen Forschungen über die Sniper-Touren zur Verfügung.

Dass die Mailänder Staatsanwaltschaft jetzt gegen einen Mann wegen Mordes ermittelt, sieht Gavazzeni als Resultat seiner jahrelangen Recherchen. “Ich bin sicher, dass sich die Ermittlungen bald ausdehnen werden und dass weitere Italiener bald angeklagt werden. Ich bin zwei Mal von den Mailänder Staatsanwälten vorgeladen worden. Sie wollen die Untersuchung weiterführen. Das Material, das ich ihnen vorgelegt habe, ist sehr umfangreich”, meint Gavazzeni.

Film "Sarajevo Safari" lief nicht im westlichen Fernsehen

Schon 1995 hatten zwei italienische Tageszeitungen über angebliche Touristen-Scharfschützen in Bosnien berichtet, und diese Artikel waren Gavazzeni aufgefallen. Doch den Anstoß, tiefer zu graben und Zeugen zu finden, gab ihm der 2022 erschienene Dokumentarfilm “Sarajevo Safari” des slowenischen Regisseurs Miran Zupanic. In dem Film, basierend auf Aussagen anonym bleibender Geheimdienstmitarbeiter, ist die Rede von reichen Ausländern, die dafür bezahlt hätten, auf Menschen in Sarajevo zu schießen. “Der Dokumentarfilm ist am ganzen Balkan und in vielen afrikanischen Ländern ausgestrahlt worden. Ich frage mich, warum kein westliches Fernsehen die Rechte für diesen Film gekauft hat”, kritisiert Gavazzeni.

Vier Jahre lang wurden laut dem Autor an jedem Wochenende Reisen für sogenannte Scharfschützen-Touristen organisiert, die sich in den Hügeln Sarajevos den bosnischen-serbischen Truppen anschlossen, um auf Zivilisten zu schießen. “Wir sprechen hier von 200 Wochenenden, an denen viele italienische und ausländische Scharfschützen aus westlichen Ländern Zivilisten erschossen haben. Dahinter steckte wahrscheinlich eine Organisation, die die Reisen der reichen ausländischen Schützen von Triest aus anboten – getarnt als Jagdtouren am Balkan. Der Umsatz dieser Reisen war enorm. Jemand hat sich daran sehr bereichert”, sagt der Autor.

Zahlungen von bis zu 300.000 Euro

Die Scharfschützen waren laut Gavazzeni wohlhabende Menschen, die bis zu 300.000 Euro für ein Wochenende auf dem Hügel in Sarajevo zahlen konnten. Es gab keine politischen oder religiösen Motive. “Es waren reiche Leute, die dorthin gingen, um Spaß zu haben. Wir sprechen von Menschen, die Waffen lieben und vielleicht auch auf Safari nach Afrika fahren. Für solche Menschen ist das Schießen wie ein Videospiel, es ist für sie egal, ob sie ein Tier, eine Frau, einen alten Menschen, oder ein Kind treffen. Sie kennen nur die Sprache des Geldes”, betonte der Autor.