Millionen-Deals aus Wrabetz-Zeit: Bestimmen alte Verträge den ORF-Machtkampf?
Der ORF ringt um seine Zukunft – doch entscheidende Fragen führen zurück in die Vergangenheit. Der eskalierende Machtkampf rückt alte Verträge, hohe Gagen und Sonderregime aus der Ära von Ex-General Alexander Wrabetz wieder ins Zentrum. Der Grund: Ausgerechnet jene Akteure, die jetzt im Fokus stehen, gelten als eng mit Wrabetz verbunden.
Ex-ORF-General Alexander Wrabetz (2007 bis 2021): Seine Verträge und Entscheidungen wirken bis heute im ORF nach.APA/EVA MANHART
Mit dem Abgang von Roland Weißmann hat sich die Debatte verschoben. Nicht mehr nur die Umstände seines Rücktritts stehen im Vordergrund, sondern auch finanzielle Altentscheidungen, die bis heute im ORF nachwirken. Dass dabei Namen wie Heinz Lederer und Pius Strobl im Zentrum stehen, ist kein Zufall: Lederer als politischer Unterstützer, Strobl als langjähriger Weggefährte und zentraler Manager der Wrabetz-Ära.
Das rückt Gehälter, Sonderverträge und Strukturentscheidungen dieser Zeit wieder ins Licht. Sie betrafen ganz besonders die ORF-Spitze.
Der entscheidende Einschnitt: 10 Prozent mehr für die Führung
Die auffälligste und klar belegbare Maßnahme stammt aus dem Jahr 2012: Die Grundgehälter der ORF-Direktoren wurden pauschal um rund 10 Prozent erhöht. Das ist deshalb bemerkenswert, weil: übliche ORF-Lohnrunden bei 2 bis 3 Prozent lagen, selbst frühere Steigerungen deutlich darunter blieben, und die Maßnahme gezielt die Spitze des Hauses betraf.
Gleichzeitig wurde das System umgebaut: keine automatische Inflationsanpassung mehr, Boni stark gedeckelt.
Der Effekt: Das variable Einkommen wurde begrenzt – aber das fixe Grundgehalt der Führung dauerhaft angehoben. Damit wurde die Führungsebene strukturell aufgewertet.
Die Zahlen dahinter: Wer oben verdiente
Die Dimensionen zeigen sich an den Spitzengehältern:
Generaldirektor: rund 410.000 bis 420.000 Euro jährlich – der 2012 eingeführte 10%-Aufschlag entspricht damit einer Größenordnung von rund 40.000 Euro jährlich
Direktoren: etwa 300.000 Euro – also rund 30.000 Euro zusätzlich pro Jahr
Diese Struktur blieb prägend – und erklärt, warum viele Topgehälter bis heute auf diesem Niveau liegen.
Zum Vergleich: Normale Anpassungen im ORF liegen meist bei 2 bis 3 Prozent. Freie Mitarbeiter erhalten oft nur geringe reale Zugewinne. Die Gehaltsschere zwischen Führung und Basis wurde damit sichtbar größer.
Noch deutlicher wird die Wrabetz-Ära bei einzelnen Verträgen, denn die Sonderverträge wurden zum eigentlichen Ausreißer.
Robert Kratky: Der teuerste Mann im Radio
Ö3-Star Robert Kratky ist einer der klarsten Fälle. Sein Sondervertrag lag außerhalb des Kollektivvertrags, zuletzt bei rund 472.701,82 Euro jährlich. Dieser Vertrag wird in Medienberichten ausdrücklich der Wrabetz-Zeit zugerechnet. Für Schlüsselpersonen galt damit ein eigenes System – deutlich über dem Standard.
Pius Strobl: Spitzengehalt, Schlüsselrolle – und eine 2,4-Millionen-Zusage
Noch brisanter ist der Fall Pius Strobl. Seine Karriere zeigt exemplarisch, wie stark Entscheidungen aus der Wrabetz-Ära bis heute wirken: Bis 2010 war er Kommunikationsdirektor, im selben Jahr erfolgte unter Wrabetz eine freiwillige Zusatz-Pensionszusage. Nach dem Weg in die Privatwirtschaft blieb Strobl weiterhin in ORF-Projekte eingebunden. 2018 erfolgte die Rückkehr in zentrale Führungsfunktion.
Heute verantwortet Strobl zentrale Bereiche: Infrastruktur, Bauprojekte am Küniglberg, sicherheitsrelevante Systeme. Finanziell gehört er zur Spitze. 2023 bezog er 425.677,43 Euro brutto, 2024 bereits 451.709,57 Euro – finanziert vom Gebührenzahler.
Zusätzliche Brisanz bringt der Pensionskomplex: Für die Zusage wurden laut ORF rund 2,4 Millionen Euro rückgestellt. Doch Ex-General Weißmann hielt die Ansprüche für nicht gerechtfertigt.
Strobl vereint damit Nähe zur Wrabetz-Ära, Spitzengehalt, operative Schlüsselrolle und einen umstrittenen Millionenanspruch.
Armin Wolf: Viel genannt, weniger belegbar
Auch sein Name fällt in der Debatte häufig. Die Fakten: Er stieg in die höchste KV-Stufe auf – rund 140.000 Euro jährlich. Es gibt keinen belastbaren Beleg für eine darüber hinausgehende Sonder-Gehaltsanhebung durch Wrabetz.
Nicht alles ist Wrabetz – aber vieles beginnt dort
Der ORF selbst verweist darauf: ältere Vertragswerke führen zu höheren Gehältern, Dienstalter spielt eine große Rolle, seit 2015 gelten strengere Regeln für Neueintritte.
Das bedeutet: Nicht jedes hohe Einkommen ist politisch gesteuert. Aber: Die auffälligsten Strukturentscheidungen und Einzelverträge stammen klar aus der Wrabetz-Ära.
Nähe zur Macht: Wer Wrabetz unterstützte
Neben den finanziellen Fragen fällt ein zweiter Punkt auf: Heinz Lederer stellte sich 2021 öffentlich hinter Wrabetz. Pius Strobl gilt als langjähriger Weggefährte.
Ein direkter Zusammenhang zwischen finanziellen Vorteilen und politischer Unterstützung ist nicht belegt. Aber: Die personellen Linien zwischen damaliger Führung und heutiger Konfliktlage sind klar erkennbar. Kurz: Sie sind zentrale Akteure im aktuellen Machtkampf mit Wurzeln in der Wrabetz-Ära.
Die Wrabetz-Jahre waren kein flächendeckender Gehaltsrausch. Aber sie haben: die Führungsebene deutlich aufgewertet, einzelnen Schlüsselpersonen außergewöhnliche Verträge ermöglicht, langfristige finanzielle Strukturen geschaffen. Dass heute ausgerechnet Lederer und Strobl im Zentrum stehen, lenkt den Blick zurück auf diese Zeit. Strobl kämpft um seinen Pensions-Deal, zuerst mit Weißmann, jetzt mit Ingrid Thurnher. Der ORF-Machtkampf wird auch mit Verträgen geführt, die vor Jahren unterschrieben wurden.
Kommentare