Nach KI-Panne: ZDF-Chef Himmler erhält neues Mandat
Das ZDF befindet sich in seiner vermutlich schwersten Krise. Dennoch bestätigte der Fernsehrat des Zweiten Deutschen Fernsehens den Intendanten mit überwältigender Mehrheit. Norbert Himmler wird für weitere fünf Jahre der Mainzer Anstalt vorstehen. Von 53 anwesenden Mitgliedern des 60-köpfigen Fernsehrats votierten 48 für eine zweite Amtszeit.
Das Gremium hat den einzigen Kandidaten mit maximalem Rückenwind ausgestattet. Die Botschaft der 90-prozentigen Zustimmung ist eindeutig: Beim ZDF haken sich Geschäftsführung und Aufsicht unter. Mit einem entschlossenen „Weiter so!“ soll die, wie Himmler in seiner Bewerbungsrede formulierte, „mediale Zeitenwende“ gestaltet werden.
Der KI-Skandal wirkt nach
Bevor der bisherige und künftige Intendant des Zwangsbeitragssenders aber seine Ideen unter dem Motto „Ein ZDF für alle“ skizzieren konnte, hatten die Fernsehratsmitglieder Redebedarf. Ganz spurlos war die Erschütterung doch nicht an jener Runde vorbeigegangen, die das Programm kontrollieren soll. Der Fernsehrat soll die „unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen“ abbilden, hat aber durch die Auswahl der Gruppen und deren Entsendepraxis eine linke Schlagseite.
Eher dem konservativen Lager zurechnen muss man vor diesem Hintergrund die beiden Vertreter der Arbeitgeberverbände und des Landes Niedersachsen, Steffen Kampeter und Nathanael Liminski. Von ihnen kamen, relativ gesehen, die kritischsten Fragen an Intendanz und Chefredaktion. Der Schock des jüngsten ZDF-Skandals war Kampeter und Liminski am deutlichsten in die Glieder gefahren.
Empörung über Trumps ICE
Wie NIUS aufgedeckt hatte, war in der „heute journal“-Sendung vom 15. Februar mit falschen Bildern und folglich auch falscher Betextung gearbeitet worden. Ein Beitrag aus den USA über die Abschiebebehörde ICE hatte erst mit ungekennzeichnetem KI-Material und dann mit einer Videosequenz aus ganz anderen Zusammenhängen gearbeitet.
So sollte der erwünschte Eindruck entstehen: dass ICE mit Gewalt auch gegen Kinder vorgehe. Die zuständige Leiterin des ZDF-Studios in New York wurde nach der Enttarnung von diesem Posten entbunden.
Mal hohl, mal beschönigend
Intendant Himmler bemühte eine Selbstverpflichtung, die im Licht des Skandals hohl klang: „Glaubwürdigkeit ist unser größtes Gut.“ Der Sachverhalt sei „gravierend“, er bedürfe der „lückenlosen Aufklärung“. Ein dreifaches Versagen sei zu beklagen: „Ohne journalistische Begründung oder Einordnung von KI-Material dürfen wir das in Nachrichtensendungen schlichtweg nicht verwenden.“
Zweitens habe auch die „Überprüfung in der Schlussredaktion“ nicht funktioniert, und drittens habe es in der Aufarbeitung des Skandals am ersten Tag „handwerkliche Fehler“ gegeben – eine beschönigende Umschreibung der Tatsache, dass anfangs die Verwendung der falschen Bilder mit abenteuerlichen Begründungen gerechtfertigt worden war.
Mit Schulungen gegen die Schlagseite?
Chefredakteurin Bettina Schausten zog aus dem „sehr, sehr schweren und gravierenden Fall“ eine fünffache Lehre. Künftig werde es Schulungen geben, um „das Wissen um die Risiken von KI in der Programmerstellung noch mal zu erhöhen“, einschließlich „Intensivschulungen“ zur Verifikation von Bildern.
Zweitens werde es eine „fortlaufende Verifikation im Hintergrund“ geben, drittens müsse die Benutzung von Quellen schriftlich fixiert, viertens der Abnahmeprozess verbessert und festgeschrieben, fünftens schließlich das „Frühwarnsystem“ intensiviert werden: „Jeder hat sich auf den anderen verlassen, wir müssen mit mehr Skepsis unterwegs sein.“
Doch können Schulungen, Dokumentationspflichten und institutionalisiertes Misstrauen die große Weltanschauungskumpanei überwinden? Die bei NIUS präsentierten Einblicke in eine interne Mitarbeiterkonferenz bestätigten aus dem Mund von ZDF-Beschäftigten genau diesen Eindruck: dass ideologisch verschworene Kader beim ZDF den Ton angeben.
In der Wagenburg
Steffen Kampeter vom Bundesverband der Arbeitgeberverbände hakte nach: Ja, Fehler passierten, aber „der Fehler ist nicht dem ZDF aufgefallen, sondern er ist Dritten aufgefallen, die (…), ich will das jetzt mal salopp formulieren, aus der Schmuddelecke des deutschen Journalismus kommen.“ Auch solche Impulse aber müsse man aufgreifen und dürfe nicht mit einer „Wagenburgmentalität“ antworten: „Das vorsätzliche Fehlverhalten der Redakteurin ist von Dritten aufgedeckt worden.“
Zorn auf den Whistleblower, der das Treffen (an NIUS) geleakt habe, verbiete sich: „Der deutsche Journalismus lebt im Wesentlichen von Whistleblowern und Hintergrundinformantinnen und -informanten.“
Da widersprach, ohne NIUS bei Namen zu nennen, die Vertreterin des Deutschen Journalistenverbandes, Katrin Kroemer: Das Dokument des Whistleblowers sei so „zusammengefummelt“ worden, dass die Verwendung der Ausschnitte „vielleicht auch nicht mehr ganz redlich war“. Von einer „redlichen Informationsnummer“ könne keine Rede sein.
Gipfel des Kontrafaktischen
Nathanael Liminski meldete sich dreimal zu Wort. Ihm würde es „Sorgen machen, wenn die Qualität nicht mehr ganz so viel zählt, solange die Botschaft stimmt“. Nun sei „Binnenhygiene“ gefragt: „Hast Du jetzt sozusagen zu einer Botschaft das passende Bild gemacht – oder haben wir Bilder und haben die eingeordnet?“ Es gebe „viele Menschen da draußen, die sich durch diesen Vorgang in ihrem falschen Vorurteil bestätigt sehen, dass im ZDF Tendenz- und Haltungsjournalismus betrieben wird.“
Nur ein falsches Vorurteil? Damit waren die Gipfel des Kontrafaktischen noch nicht erklommen. Norbert Himmler bestieg sie, als er erwiderte: „Wir haben keine Botschaft zu vermitteln in unseren Nachrichtensendungen. Wir haben zu sagen, was ist, und einzuordnen und das durch Dinge zu belegen, die tatsächlich in Bild und Ton authentisch sind.“ Applaus brandete auf. Doch was wird Dunja Hayali nun tun? Sich wegen arglistiger Täuschung durch den Intendanten aus der Moderation des heute-journals zurückziehen?
Unsere Demokratie
In seiner Bewerbungsrede gab Himmler weitere Proben routinierter Realitätsverbiegung: „Wir bieten vielfältige Perspektiven und berichten unvoreingenommen. (…) Ich persönlich möchte mich in den kommenden Jahren dafür einsetzen, dass das ZDF ein relevanter Faktor für unsere Demokratie und für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ist.“
Wem bei dem Unwort „unsere Demokratie“ noch nicht die Ohren klangen, dem taten sie es bei einer Ankündigung zwischen Verheißung und Drohung: „Wir erweitern den Kreis unserer Partner um Qualitätsmedien, die unsere Werte teilen; ich möchte hier mit den Printmedien gemeinsam, die unsere journalistischen Werte teilen, enger und effizienter zusammenarbeiten. Der Feind sitzt schlichtweg woanders.“
Printmedien umarmen
Damit aber droht auf den journalistischen Offenbarungseid ein ordnungspolitischer Sündenfall. Ganz offenbar will das ZDF seine Zwangsbeitragsmilliarden nutzen, um mit genehmen „Printmedien“ eng und effizient zusammenzuarbeiten. Da droht eine Verzerrung des Wettbewerbs, ein Verstoß gegen Staatsverträge und eine Verengung der Debatte hin zum konformen Meinungsbild.
Den ZDF-Fernsehrat kümmert es nicht. Er schenkte Himmler ein 90-Prozent-Votum und winkte damit auch diesen monströsen Plan durch: die umarmende Vereinnahmung privater Verlagshäuser mit dem Geld der Beitragszahler.
Zuerst erschienen ist dieser Beitrag auf unserem Partner-Portal NIUS.
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