Neue Daten: Jeder dritte Österreicher hat ein Alkoholproblem
Ein Glas zum Essen, eines zur Begrüßung, oder eines zum Fernsehen – Alkohol ist in Österreich tief im Alltag verankert. Aktuelle Daten des Gesundheitsministeriums zeigen: Rund ein Drittel der Bevölkerung weist ein problematisches Trinkverhalten auf.
Wie und warum Alkohol konsumiert wird, ist stark kulturell geprägt. Die Ernährungswissenschafterin und Geschäftsführerin von Forum.ernährung heute, Marlies Gruber, verweist im Gespräch mit dem ORF auf deutliche regionale Unterschiede. Während in nördlichen Ländern Alkohol eher an Wochenenden eine Rolle spielt, ist er im Süden Europas häufig fixer Bestandteil der Mahlzeiten. In Mitteleuropa jedoch, so Gruber, verschmelzen diese Muster.
„In Mitteleuropa vereinen wir sozusagen den Norden und Süden und haben eine ‚alkohol-determinierte‘ Kultur. Wir finden fast immer einen Anlass anzustoßen. Wir sind gemeinsam mit anderen Ländern unter den Top fünf des OECD-Rankings, was den Alkoholkonsum betrifft“, fasst sie zusammen.
Österreich im internationalen Vergleich
Die statistischen Dimensionen unterstreichen diese Einschätzung. Pro Kopf werden hierzulande jährlich 11,1 Liter reiner Alkohol konsumiert – ein Wert, den Österreich sich mit Estland teilt. Nur wenige Länder liegen darüber, darunter Bulgarien, Tschechien und Lettland. Spitzenreiter ist Litauen. Der Durchschnitt der OECD-Staaten liegt hingegen deutlich niedriger.
Die Frage nach dem „Warum“
Vor diesem Hintergrund geht das Gesundheitsministerium davon aus, dass etwa 30 % der österreichischen Bevölkerung ein Konsummuster aufweisen, das gesundheitlich bedenklich ist. Wer den eigenen Alkoholkonsum reflektieren will, sollte laut Gruber weniger auf Mengen als auf Motive und Regelmäßigkeit achten. „Die Motivation sollte in erster Linie der Genuss sein und nicht die betäubende, berauschende Wirkung. Der zweite Punkt ist die Frequenz. Es macht einen Unterschied, ob ich jeden Tag trinke oder ob ich wie empfohlen drei bis vier Tage pro Woche alkoholfrei bleibe. Die Leber braucht einfach eine gewisse Zeit, auch zu regenerieren“, erklärt die Expertin.
Ein Monat ohne Alkohol – mehr als ein Trend
Vor diesem Hintergrund gewinnt der sogenannte „Dry January“ an Bedeutung. Die Initiative, die vor rund 15 Jahren in Großbritannien entstand, ruft dazu auf, im Jänner vollständig auf Alkohol zu verzichten. Inzwischen hat sich die Idee europaweit etabliert. Der temporäre Verzicht soll helfen, eigene Gewohnheiten zu hinterfragen und neue Routinen zu entwickeln – nicht als Verbot, sondern als bewusste Unterbrechung.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Konsum bei Jugendlichen. Untersuchungen zeigen, dass das Einstiegsalter in Österreich häufig schon zwischen zwölf und 14 Jahren liegt. Gerade hier sieht Gruber Risiken: „Das ist insofern problematisch, da Alkohol eine Substanz ist, die eigentlich ein sehr schwaches Suchtpotenzial hat. Man muss sehr lange, sehr regelmäßig, sehr viel trinken. Desto früher man beginnt, desto länger habe ich über das Leben gesehen Zeit, eine Sucht zu entwickeln.“
Zugleich steigt der Anteil alkoholkranker Frauen – ein Trend, der lange unterschätzt wurde.
Zwischen Warnsignal und vorsichtigem Optimismus
Gleichzeitig gibt es auch Entwicklungen, die Anlass zur Hoffnung geben. Claudia Kahr von Vivid, der steirischen Fachstelle für Suchtprävention, verweist auf eine Veränderung beim Konsumverhalten der Jugendlichen. Der Alkoholkonsum in der Gruppe der 14- bis 17-Jährigen gehe zurück, der Anteil jener, die gar keinen Alkohol trinken, habe sich seit 2007 vervielfacht. Auch die Zahl der Jugendlichen, die innerhalb eines Monats komplett alkoholfrei bleiben, ist deutlich gestiegen.
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