Paris setzt auf Atomkraft: Milliardenprogramm mit 57 Reaktoren
Lange galt die Kernenergie in Europa, als politisches Auslaufs-Modell. Doch diese Ansicht bröckelt. Während energiepolitische Unsicherheiten, hohe Strompreise und ambitionierte Klimaziele den Druck erhöhen, rückt die Atomkraft in Europa wieder ins Zentrum strategischer Überlegungen. Frankreich geht dabei voran – mit einem milliardenschweren Kraftakt zur Verlängerung der Laufzeiten seiner Reaktoren.
Wie aus einem Bericht des französischen Rechnungshofs hervorgeht, muss der staatliche Energiekonzern Électricité de France (EDF) für die umfassende Modernisierung seiner 57 Atomreaktoren mit einem Investitionsvolumen von mehr als 100 Milliarden Euro rechnen. Die Maßnahmen erstrecken sich über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten und sollen es ermöglichen, die Anlagen bis zu 60 Jahre lang zu betreiben.
Der Rechnungshof bewertet die Sanierungen trotz der enormen Summen als wirtschaftlich vertretbar. Im Vergleich zum Neubau von Kraftwerken seien die Kosten konkurrenzfähig.
Stromproduktion als wirtschaftliche Grundlage
EDF selbst äußerte sich nicht öffentlich zu dem Bericht, legte jedoch ambitionierte Produktionsziele vor. Für die Jahre 2026 und 2027 rechnet der Konzern mit einer jährlichen Stromerzeugung zwischen 350 und 370 Terawattstunden. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll diese Marke auf rund 400 TWh steigen.
Parallel dazu steht eine strategische Weichenstellung bevor: Bereits im kommenden Jahr will EDF über den Bau von sechs neuen Reaktoren der nächsten Generation – sogenannte EPR2-Anlagen – entscheiden. In Frankreich stammt rund 70 % der Stromerzeugung aus Atomkraft. Damit bleibt das Land Europas mit Abstand größter Nuklearproduzent.
Kein französischer Sonderweg
Mehrere EU-Staaten setzen wieder offen auf Kernenergie – nicht als Übergangslösung, sondern als tragende Säule ihrer Energiepolitik. Die Niederlande, Ungarn, Tschechien oder auch Polen treiben neue Projekte voran oder planen massive Erweiterungen bestehender Kapazitäten.
Auch auf europäischer Ebene hat sich der Tonfall geändert. Die EU stuft Kernenergie inzwischen offiziell als klimaneutrale Technologie ein – eine politische Neubewertung mit weitreichenden Folgen für Finanzierung und Fördermodelle.
Polen setzt auf Atomkraft mit Rückendeckung aus Brüssel
Besonders deutlich wird der Kurswechsel auf EU-Ebene in Polen. Brüssel genehmigte erst jüngst Beihilfen für den Bau des ersten polnischen Atomkraftwerks – ein entscheidender Schritt für den Projektstart.
Das Kraftwerk soll an der Ostseeküste nordwestlich von Danzig entstehen, rund 250 km von der deutschen Grenze entfernt. Die veranschlagten Kosten liegen bei über 40 Milliarden Euro. Etwa ein Drittel dieser Summe übernimmt der polnische Staat.
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