Der Fall Jamey Carney hat eine neue, internationale Wendung genommen. Der Mann, den die irische Polizei im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod der 43-Jährigen befragen will, wurde in Jordanien festgesetzt.

Carney war am 7. Juli erstickt in ihrem Haus im irischen Touristenort Killarney gefunden worden. Die US-Amerikanerin engagierte sich öffentlich für Palästina und soll Ahmad Al-Saqar bei einer Pro-Palästina-Kundgebung kennengelernt haben.

Als ihre 13-jährige Tochter die Mutter tot auffand, war der 28-Jährige bereits über Dublin nach Istanbul geflogen. Von dort reiste er offenbar in seine jordanische Heimat weiter.

Seit seiner Flucht wurden neue Hinweise auf eine Geldforderung, eine mögliche Trennung und die letzten Stunden vor Carneys Tod bekannt.

Lädt...

5000 Euro von ihr verlangt

Etwa eine Woche vor ihrem Tod soll Carney einer engen Freundin von einer brisanten Forderung erzählt haben: Al-Saqar habe 5000 Euro von ihr verlangt.

Nach einem Bericht des Kerryman zeigte Carney der Freundin auch eine entsprechende Nachricht. Wofür Al-Saqar das Geld wollte, ist nicht bekannt. Ebenso offen ist, ob Carney zahlte oder die Forderung ablehnte. Ein Zusammenhang mit ihrer Tötung ist bisher nicht erwiesen.

Wollte sie ihn verlassen?

Auch hinter den romantischen Bildern soll die Beziehung zuletzt schwer belastet gewesen sein. Anonyme Quellen berichten, Al-Saqar sei zunehmend bedürftig und besitzergreifend geworden. Carney habe deshalb beschlossen, sich von ihm zu trennen.

Die Ermittler prüfen, ob Eifersucht und der drohende Beziehungsabbruch eine Rolle gespielt haben könnten. Offiziell bestätigt ist dieses mögliche Tatmotiv bislang nicht.

Der Kontrast zu Carneys öffentlichen Postings könnte kaum größer sein. Noch kurz vor ihrem Tod schrieb sie über Al-Saqar: „Er zeigt mir weiterhin, was sichere Liebe ist.“ Al-Saqar wiederum bezeichnete sie in sozialen Medien als seine „Braut“ und „Prinzessin“.

Lädt...

Heimliche islamische Trauung?

Ein früherer Mitbewohner Al-Saqars berichtete von einer weiteren überraschenden Entwicklung. Der Jordanier habe muslimischen Bekannten erzählt, dass er und Carney Anfang des Jahres in einer Moschee islamisch geheiratet hätten. Eine staatlich registrierte Eheschließung ist nicht bekannt.

Auch Carney selbst hatte öffentlich von keiner Hochzeit gesprochen. Al-Saqars Bezeichnungen „Braut“ und „Prinzessin“ könnten allerdings zu seiner Darstellung passen.

In der Zwischenzeit ist zudem bekannt, dass das Paar Anfang des Jahres tatsächlich gemeinsam nach Jordanien gereist war. Frühere Social-Media-Fotos und Carneys Ankündigung „Soon inshallah“ hatten bereits auf eine solche Reise hingedeutet.

Die angebliche religiöse Trauung ist bisher nur durch Aussagen aus Al-Saqars früherem Umfeld belegt.

Tochter fand ihre Mutter

Jamey Carney lebte gemeinsam mit ihrer 13-jährigen Tochter Michaela in einem gemieteten Haus an der Muckross Road in Killarney. Am Dienstag, dem 7. Juli, gegen 13.20 Uhr fand das Mädchen seine Mutter im oberen Stockwerk. Carneys Körper lag in ihrem Schlafzimmer und war teilweise mit Bettwäsche bedeckt.

Im Raum befand sich Blut. Die 43-Jährige hatte schwere Verletzungen an Kopf, Gesicht und Hals erlitten. Die Obduktion ergab jedoch, dass nicht die Kopfverletzungen, sondern Ersticken die Todesursache war. Carney dürfte bereits in der Nacht zuvor getötet worden sein.

Lesen Sie auch

Pro Palaestina Aktivistin Ermordet Spur Fuehrt Zu Asylwerber Freund

Mit Toilettendeckel geschlagen?

Neue Medienberichte zeichnen ein besonders grausames Bild des Angriffs. Carney soll zunächst mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf geschlagen worden sein. Die Irish Sun berichtet unter Berufung auf eine Quelle, dabei habe es sich um den schweren Deckel eines Toilettenspülkastens gehandelt.

Anschließend seien ihr Mund und Atemwege zugehalten worden. Sie konnte demnach weder atmen noch um Hilfe rufen.

Dieser konkrete Tathergang wurde von den Behörden bislang nicht offiziell bestätigt. Gesichert sind der massive Angriff, die Kopfverletzungen und der Tod durch Ersticken.

Bei Pro-Palästina-Protest kennengelernt

Carney stammte aus dem Westchester County nördlich von New York City. Im Jahr 2021 zog sie mit ihrer Tochter nach Irland. In Killarney arbeitete sie für das Gesundheitsunternehmen RelateCare. Bekannte beschrieben sie als fürsorgliche Mutter.

Politisch trat sie öffentlich als Unterstützerin der Palästinenser auf. Auf ihrem Facebook-Profil stand „Free Palestine“. Sie beteiligte sich an Kundgebungen in Killarney, Dublin und Cork.

Nach übereinstimmenden Medienberichten lernte sie Al-Saqar bei einer Pro-Palästina-Demonstration kennen. In sozialen Medien präsentierten sich beide danach als glückliches Paar.

Flucht vor Entdeckung der Leiche

Al-Saqar verließ Killarney in den frühen Morgenstunden des 7. Juli. Überwachungskameras erfassten ihn nach Angaben der Irish Times auf der Muckross Road, nachdem er Carneys Haus verlassen hatte. Anschließend nahm er einen frühen Bus nach Dublin. Von Bachelors Walk im Stadtzentrum fuhr er mit einem Taxi zum Flughafen. Dort buchte er offenbar kurzfristig einen Flug nach Istanbul.

Die Maschine hob noch vor 11 Uhr ab. Carneys Tod wurde erst mehr als zwei Stunden später gemeldet. Als die Leiche gefunden wurde, hatte Al-Saqar Irland somit bereits verlassen. Von der Türkei reiste er offenbar weiter in seine jordanische Heimat.

Lädt...

Telefon- und Standortdaten im Fokus

Die Ermittler versuchen nun, Al-Saqars Bewegungen vor und nach der Tat vollständig zu rekonstruieren. Besonders wichtig sind seine Telefon- und Standortdaten. Sie könnten zeigen, wo er sich zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt befand und wann er seine Flucht organisierte.

Geprüft wird außerdem, von welchem Ort aus das Flugticket nach Istanbul gebucht wurde. Medienberichten zufolge soll Al-Saqar seine Social-Media-Konten nach seiner Abreise beobachtet und später teilweise gelöscht oder auf privat gestellt haben.

Die irische Polizei erstellt derzeit einen Akt für den Director of Public Prosecutions, die irische Staatsanwaltschaft.

Asylantrag bereits abgelehnt

Auch Al-Saqars Aufenthaltsstatus stellt sich nach neueren Berichten anders dar als zunächst angenommen. Der Jordanier kam 2024 nach Irland und beantragte internationalen Schutz. Sein Antrag soll jedoch bereits abgelehnt worden sein.

Al-Saqar legte dagegen Berufung ein und durfte während des laufenden Verfahrens weiterhin in Irland bleiben. Quellen zufolge hatte auch dieses Rechtsmittel kaum Aussicht auf Erfolg. Er habe daher bald mit einer Aufforderung rechnen müssen, das Land zu verlassen.

In Jordanien festgesetzt

Am Montag kam schließlich die entscheidende Nachricht: Die jordanische Sicherheitsdirektion nahm einen Mann fest beziehungsweise setzte ihn in Gewahrsam, bei dem es sich um Ahmad Al-Saqar handeln soll.

Die irischen Ermittler sind überzeugt, dass der Festgesetzte Carneys Partner ist. Offiziell beschreibt die irische Polizei Al-Saqar weiterhin als zentrale „Person von Interesse“, die sie im Zusammenhang mit dem Mord befragen wollen.

Die jordanischen Behörden handelten allerdings nicht auf Grundlage eines irischen Haftbefehls. Irland hatte zu diesem Zeitpunkt weder seine Festnahme formell beantragt noch eine Anklage gegen ihn erhoben.

Auch die genaue jordanische Rechtsgrundlage für seine Anhaltung wurde zunächst nicht öffentlich bekannt gegeben.

Lädt...

Keine Anklage, kein Haftbefehl

Al-Saqar ist bislang nicht wegen Carneys Tötung angeklagt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Irland kann ihn auch nicht lediglich zur Befragung aus Jordanien zurückholen. Zunächst müssen die Gardaí – die irischen Polizisten – ihre Beweise zusammentragen und der Staatsanwaltschaft vorlegen.

Erst wenn der Staatsanwalt eine Anklage anordnet, kann ein irischer Haftbefehl ausgestellt werden. Auf dieser Grundlage könnte Irland anschließend seine Übergabe verlangen.

Irlands Justizminister Jim O’Callaghan erklärte, die Gardaí würden einen Verdächtigen unabhängig davon verfolgen, wohin er fliehe.

Schwierige Auslieferung

Zwischen Irland und Jordanien besteht kein umfassendes bilaterales Auslieferungsabkommen. Eine Rückführung Al-Saqars dürfte deshalb juristisch und diplomatisch schwierig werden. Unmöglich ist sie jedoch nicht.

Irland könnte versuchen, mit Jordanien eine fallbezogene Vereinbarung zu erreichen. Voraussetzung wären eine Anklage, ein Haftbefehl, ein ausreichend starker Beweisakt und die Zustimmung der jordanischen Behörden.

Wie lange Al-Saqar ohne ein irisches Auslieferungsersuchen in Jordanien festgehalten werden kann, ist ebenfalls unklar.

Lädt...

Familie droht Kritikern

Unterdessen hat sich Al-Saqars Familie in Jordanien öffentlich eingeschaltet. Sie stellte ein Anwaltsteam zusammen und veröffentlichte eine als „tribale Warnung“ bezeichnete Erklärung. Darin kündigte die Familie rechtliche Schritte gegen Personen an, die Al-Saqar oder seinen Familienverband beleidigten oder vorverurteilten.

Entsprechende Beiträge sollten demnach auch der jordanischen Cybercrime-Einheit gemeldet werden. Die Familie verwies auf die Unschuldsvermutung.
Das Forum der Jordanier in Irland verurteilte Carneys Tötung hingegen ausdrücklich als brutales Verbrechen, das allen religiösen, menschlichen und moralischen Werten widerspreche.

Tante und Großmutter bei der Tochter

Jamey Carney hinterlässt ihre 13-jährige Tochter Michaela. Das Mädchen ist jedoch nicht völlig allein: Carneys Schwester Devon Bennett und ihre Mutter Kathleen reisten innerhalb eines Tages aus New York nach Irland. Sie kümmern sich nun gemeinsam um Michaela und stehen mit der Polizei und den irischen Sozialbehörden in Kontakt.

Freunde und Angehörige richteten zwei Spendenaktionen ein. Das Geld soll bei den Kosten für Trauerfeier und Familie helfen und Michaela ermöglichen, möglichst in ihrem vertrauten Umfeld in Irland zu bleiben.

Die beiden Aktionen hatten bis Sonntag zusammen bereits fast 30.000 Euro eingebracht.

Lädt...

Trauermesse am Mittwoch

Am Mittwoch, dem 15. Juli, nimmt Killarney Abschied von Jamey Carney. Die Trauermesse beginnt um 12 Uhr in der St. Mary’s Cathedral. Anschließend findet im engsten Kreis eine private Einäscherung statt.

In der Todesanzeige heißt es, Carney werde von ihrer „angebeteten und innig geliebten Tochter Michaela“, ihrer Mutter Kathleen, ihrer Schwester Devon sowie zahlreichen Verwandten, Nachbarn und Freunden schmerzlich vermisst. Ihr Vater James war erst im vergangenen Jahr gestorben.

Die internationale Flucht Al-Saqars ist damit offenbar beendet. Mehrere Fragen sind aber noch offen.