Dann folgte das Schellhorn-Deregulierungstheater mit seiner absurden Almdudler-Flaschenschenkung. Und nun: eine 114-Punkte starke Industriestrategie auf knapp 110 Seiten.

Lassen Sie mich ehrlich sein: Wenn es ein zartes Pflänzchen gibt, das Anerkennung verdient, dann ist es dies. Die ambitionierte Zielsetzung, Österreich bis 2035 in den Rang der zehn effizientesten Industrienationen aufsteigen zu lassen, ist absolut richtig. Das Problem liegt nicht in der Ambition, sondern im Weg dorthin. Und hier offenbart sich ein fundamentales Dilemma: technokratischer Optimismus trifft auf geopolitische Realitäten, denen die Strategie bewusst ausweicht.

Die Illusion der isolierten Schubladen

Die österreichische Politik betreibt eine Kunstform der Schubladisierung. Hier die Wirtschaft, dort die Politik, hier die Demografie, da das Bildungssystem, dort die Rohstoffversorgung – alles säuberlich voneinander getrennt. Das Problem: In der Realität sind dies alles bewegende Teile eines größeren Ganzen. Die Industriestrategie ignoriert diese Verflechtung systematisch.

Österreich ist ein kleines Binnenland ohne ausreichende Rohstoffvorkommen. Wir sind strukturell abhängig von Importen, die wir verarbeiten und mit höherer Wertschöpfung exportieren. Das klingt theoretisch planbar – ist es aber nicht, wenn man jeden Aspekt isoliert betrachtet. Die Energiefrage kann nicht losgelöst von der Geopolitik beantwortet werden. Die Rohstoffstrategie nicht losgelöst von den Handelsbeziehungen. Das Bildungssystem nicht losgelöst von wirtschaftlichen Anforderungen.

Doch genau das versucht diese Strategie. Sie benennt korrekt die Schlüsseltechnologien – Chipproduktion, künstliche Intelligenz, fortgeschrittene Materialien – und lobt sie mit bis zu 2,6 Milliarden Euro. Lobenswert. Doch ohne ein Bildungssystem, das die Grundlagen vermittelt, wird das zur Sisyphusarbeit.

Das Bildungsdisaster im Hintergrund

Österreich hat ein Schulversystem, in dem 70 Prozent der Schüler Probleme mit der deutschen Sprache haben. In Deutschland werden Goethe und Schiller mittlerweile in vereinfachter Sprache unterrichtet, weil die Schüler sonst nichts verstehen. Wie soll ein Land, das nicht einmal seine Muttersprache vermitteln kann, in High-Tech-Bereichen konkurrenzfähig werden? Diese Strategie schweigt dazu eisern. Das ist nicht Pragmatismus, das ist Realitätsverweigerung.

Die geopolitische Blindheit

Die Strategie erwähnt geopolitische Spannungen, unverhohlenen Protektionismus und das Ausdehnungsregime der Zölle tatsächlich – aber nur am Rande, wie eine unbequeme Anmerkung. Wir befinden uns gerade in einem geopolitischen Umbruch beispiellosen Ausmaßes. Trump droht Europa mit 10 bis 25 Prozent Strafzöllen. China baut seine Rohstoffkontrolle aus. Russland destabilisiert die Region. Der Iran eskaliert. Und das ist erst Mitte Januar.

Die österreichische Antwort? Man behandelt diese Variablen als extern, als nebensächlich. Das ist fatal. Österreich wird indirekt getroffen, wenn unsere Handelspartner wie Deutschland von Zöllen heimgesucht werden. Eine Industriestrategie, die diese Realität ignoriert, ist zum Scheitern verurteilt.

Das Energieproblem: Wunschdenken statt Realismus

Die Strategie proklamiert: Österreich soll “zur Batterie der Alpen” werden. Schön klingt’s. Man will Fließgewässer auf Kraftwerkstauglichkeit überprüfen, neue Pumpspeicherkraftwerke bauen. Wunderbar. Meine Frage: Kann das tatsächlich umgesetzt werden?

Wer in Oberösterreich zuhause ist, kennt das Drama um die neue Donbrücke beim Musau. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, prozessiert, blockiert. Und selbst nach einem Gerichtsbescheid, der den Bau ermöglicht, kündigen Gegner bereits neuen Widerstand an. Wenn es nicht möglich ist, zwei Industriegebiete mit einer Brücke zu verbinden, wie soll es dann möglich sein, neue Kraftwerke zu bauen?

Dazu bräuchte es einen massiven Kraftakt. Gesetze müssten geändert werden. Die aufschiebende Wirkung von Einsprüchen müsste gelockert werden. Diverse Umweltverträglichkeitsprüfungen müssten beschleunigt werden. Kurzum: Die Bevölkerung müsste verstehen, dass Wohlstand und absolute Naturintaktheit nicht gleichzeitig zu haben sind. Das ist das eigentliche unbequeme Gespräch, das diese Strategie nicht führen will.

Das Strompreis-Desaster

Hier sind die Zahlen unbarmherzig: Der österreichische Industriestrompreis liegt bei 0,24 Euro pro Kilowattstunde. In China: 0,082 Euro. In den USA: 0,075 Euro. Wir sind komplett unkonkurrenzfähig.

Deutschland versucht, das mit aggressiven Subventionen zu beheben – 4 Milliarden Euro über drei Jahre für einen Industriestrompreis von 5 Cent pro Kilowattstunde. Das klingt gut, ist aber zeitlich begrenzt und basiert auf einer Illusion: Man glaubt, billiger Strom käme aus Subventionen. Falsch. Billiger Strom kommt aus mehr Stromproduktion.

Friedrich Merz hat kürzlich offen zugegeben: Der Atomausstieg war ein strategischer Fehler. Recht hat er. Mein Traum – und ja, ich stoße damit nicht überall auf Gegenliebe – wäre ein Wiedereinstieg Österreichs in die Kernenergie. Kombiniert mit unserer Wasserkraft, die wir haben, würde das ein stabiles Fundament bilden.

Kernkraftwerke haben einen Kapazitätsfaktor von 90 Prozent. Sie produzieren tatsächlich 90 Prozent der Zeit Strom. Wind und Solar: kaum 50 Prozent. Österreich importiert 68 Prozent der Zeit mehr Strom, als es exportiert. Eine Kombination aus Kern- und Wasserkraft mit erneuerbaren Energien dort, wo es Sinn macht – das würde Wettbewerbsfähigkeit schaffen. Stattdessen ignoriert die Strategie Kernenergie komplett. Nicht mal als theoretische Option. Nicht mal Small Modular Reactors. Das ist nicht wissenschaftlich, das ist ideologisch.

Das Wasserstoff-Märchen

Wasserstoff ist ein Energieträger (wie in der Strategie richtig erwähnt, aber dennoch ignoriert), kein Energieerzeuger. Man muss Energie aufwenden, um Wasserstoff durch Elektrolyse herzustellen. Dieser Wasserstoff wird transportiert und dann wieder in eine andere Energieform umgewandelt. Bei diesem Prozess geht mehr als die Hälfte der ursprünglichen Energie verloren – nur 30 bis 50 Prozent bleiben erhalten. Bei Batteriespeichern sind es 80 bis 90 Prozent.

Ein Beispiel: Wenn ich 100 Kilowattstunden Wind- oder Solarstrom habe und diesen zur Wasserstoffproduktion nutze, stehen mir am Ende nur noch etwa 35 Kilowattstunden zur Verfügung. Das ist nicht effizient, das ist verschwendet.

Und der European Hydrogen Backbone, dieses europäische Wasserstoffrückgrat von 2030, das Wasserstoff von Nordafrika bis Österreich liefern soll? Die Zeitlinie ist bereits jetzt komplett unrealistisch. Wattenfall und Copenhagen Infrastructure Partners haben sich bereits zurückgezogen. Das österreichische Projekt der OMV – 140 Megawatt Elektrolysekapazität – würde selbst bei Vollbetrieb nur 3 bis 5 Prozent des heimischen Industriestrombedarfs decken. Und niemand rechnet ein, dass der Strombedarf durch Künstliche Intelligenz und Datenzentren massiv steigen wird.

Das ist österreichisches Schmerzpflaster-Management im Großstil.

Der größte Tabubruch: Unsere eigenen Rohstoffe

Das Schlimmste: Die Strategie ignoriert komplett die österreichischen Rohstoffschätze. Unter der Koralpe liegt eines der größten Lithiumvorkommen Europas – laut Critical Metal Corporation etwa 30 Megatonnen. Das würde Österreichs Gasbedarf für 30 bis 50 Jahre decken. Und jetzt kommt’s: Selbst unter Trump sind US-Investoren eingestiegen und zeigen Interesse.

Aber was macht Österreich? Wir blockieren das Projekt durch Genehmigungsverfahren. Das Bundesverwaltungsgericht hob gerade die Entscheidung der Kärntner Landesregierung auf. Neuprüfung. Während wir von “Rohstoffsouveränität” schwafeln, sind wir nicht bereit, die unbequemen Schritte zu unternehmen, um sie zu erreichen.

Dabei haben wir nicht nur Lithium. Die OMV-Studien zeigen: Österreichs Schiefergaserven liegen zwischen 300 und 500 Milliarden Kubikmetern – genug für 30 bis 50 Jahre Gasbedarf. EU-Schätzungen sprechen sogar von bis zu 898 Milliarden Kubikmetern. Das wäre interessant nicht nur für Stromproduktion und Heizung, sondern auch für petrochemische Industrie und Düngemittelproduktion.

Die Montanuniversität Leoben hat sogar “Green Fracking” entwickelt. Es gäbe Wege, das umweltverträglich zu tun. Ja, es hätte Auswirkungen auf die Umwelt – jede Brücke, jedes Wohnhaus hat die. Aber wenn wir unseren Lebensstandard halten und bis 2035 zu den zehn wettbewerbsfähigsten Industrienationen aufsteigen wollen, müssen wir Kompromisse machen.

Diese Strategie tut das nicht. Sie spricht davon, aber sie tut es nicht.

Die europäische Abhängigkeitsfalle

Europa ist abhängig von China wie noch nie. Wir beziehen 98 Prozent unserer seltenen Erdmagnete von dort. China kontrolliert 70 Prozent der globalen Lithium-Raffineriekapazität, 85 Prozent des Graphits, 97 Prozent des Magnesiums. Wir könnten eine chinesische Provinz sein.

Die Strategie spricht von “digitalen Rohstoffplattformen” als Lösung. Das ist Augenwischerei. China wird seine Dominanz in Förderung und Verarbeitung nicht einfach aufgeben. Wir müssen langsam diversifizieren – und der Anfang wären unsere eigenen Lithium- und Schiefergasreserven.

Nebenbei: Norwegen, kein EU-Mitglied, hat 2024 die größten Seltenerden-Vorkommen Europas gefunden. Damit könnten wir etwa 10 Prozent des europäischen Bedarfs decken – nicht genug, aber ein Anfang. Doch ohne massive Beschleunigung der Genehmigungsverfahren wird das nichts.

Was wirklich fehlt: Geopolitischer Realismus

Die Strategien-Märkte zeigen ein tieferes Problem: Deutschland, Frankreich und Italien – die Länder, die in Europa den Ton angeben – sind politisch gelähmt. Eine echte gesamteuropäische Industriestrategie gibt es nicht. Diese österreichische Strategie glaubt, sie könne sich “in Europa” wirtschaftlich handlungsfähig machen. Schön wär’s.

Nein, was diese Strategie bräuchte – und was sie nicht hat – ist ehrlicher Realismus. Erstens in der Energiefrage: Wasserstoff ist kein Energieträger ohne billiger und verlässlicher Primärenergie. Kernenergie oder fossile Brennstoffe spielen eine Rolle. Punkt. Zweitens: Die Abhängigkeit von US-amerikanischem Flüssigas ist genauso problematisch wie die frühere Abhängigkeit von Russland. Wir haben nur einen Despoten gegen einen anderen ausgetauscht.

Drittens: Österreich ist klein. Wir werden nicht mit Billionen-Dollar-Volkswirtschaften konkurrieren. Wir müssen auf Nischen setzen – Wasserkrafttechnologie, Metallurgie, Spezialstahl, fortgeschrittene Materialien für Extrembedingungen, Verteidigungstechnologie. Das sind unsere Hidden Champions. Darauf sollte sich eine echte Strategie konzentrieren, nicht auf generische “neue Schlüsseltechnologien,” wo wir gegen die USA und China antreten.

Das Fazit: Ein Dokument, keine Strategie

Die österreichische Industriestrategie ist ein solides technokratisches Papier. Sie identifiziert korrekt viele Herausforderungen, benennt wichtige Handlungsfelder, setzt messbare Ziele. Aber eines ist sie nicht: eine Strategie.

Eine echte Strategie würde bedeuten, unbequeme Kompromisse zu benennen. Sie würde sagen: Wir können nicht alles haben. Sie würde zugeben: Geopolitik ist derzeit schwer bis nicht verhandelbar. Sie würde sich auf bestimmte Nischen spezialisieren und die Bedingungen schaffen, dass unsere Hidden Champions gedeihen. Sie würde beschleunigte Genehmigungsverfahren für Bergbau und Kraftwerke fordern. Sie würde das Bildungssystem neu denken.

Stattdessen versucht diese Strategie, den Spagat zwischen grünen Träumen und realistischer Industriepolitik zu schaffen. Das wird nicht funktionieren.

Diese Strategie ist ein Grundlagenpapier. Der nächste Schritt – der unbequeme Schritt – muss eine wirkliche Strategie sein. Mit all den hässlichen Entscheidungen, die dazugehören. Solange wir das nicht tun, werden wir 2035 nicht dort sein, wo wir sein wollen.